Angemessene Pflege für Demenzkranke "Moralische Ansprüche anderer Art"

Auch Michael Quante, der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Philosophie, verlangt nach Kriterien, nach denen entschieden werden soll, welche Menschen in vollem Umfang Anspruch auf Würde und die damit verknüpften Schutzrechte haben. Der Münsteraner Professor spricht von der "Fähigkeit zu einem autonomen, in eigener ethischer Orientierung geführten Leben als menschliche Person", wobei ihm bewusst ist, dass viele Menschen mit Demenz dazu nicht mehr in der Lage sind. Ihren Ausschluss nimmt er in Kauf, spricht ihnen aber "moralische Ansprüche etwas anderer Art" zu. In deutlicher Abgrenzung zu Singer sieht er in der Tötung "menschlicher Nicht-Personen" ohne schwerwiegende Gründe oder gegen ihren eigenen Willen eine Menschenrechtsverletzung.

Selbst wenn es womöglich die Aufgabe der Philosophie ist, solche Diskussionen vorbehaltlos zu führen, drängen die Zweifel an der Würde für alle Menschen Demenzbetroffene noch weiter an den Rand unserer Gesellschaft. Dabei zeigt ein Blick in den Pflegealltag an diesem Rand, wie sehr die Schutzwürdigkeit bedroht ist. Laut den Medizinischen Diensten der Krankenkassen werden etwa 140.000 Pflegebedürftige zumindest zeitweise mit Gittern oder Gurten im Bett oder Rollstuhl festgehalten, obwohl dazu nach einem Urteil des Bundesgerichtshofs zum Schutz der Menschenwürde eine Entscheidung "aufgrund einer sorgfältigen Abwägung sämtlicher Umstände des jeweiligen Einzelfalls" vorliegen muss. Doch für eine alternative Betreuung fehlt im Pflegealltag meist die Zeit, wofür in erster Linie der institutionalisierte Personalmangel in den Altenheimen verantwortlich ist. Gerade die Pflege der Menschen mit Demenz ist aufwendig und damit teuer.

Kurzum: Die Frage nach der Menschenwürde im Alltag der Heime entscheidet sich über die Finanzierung der Pflege. Daher ist es für die Gesellschaft auf jeden Fall billiger, diese Frage vorerst nicht weiter zu thematisieren. Sie ist so tabu, wie es die Demenz selbst lange Zeit war.

Immer mehr Demenzbetroffene

Bezeichnend ist der Slogan, mit dem eine der neuerdings staatlich geförderten Pflege-Zusatz-Versicherungen warb: "Würdevoll altern schon ab sieben Euro monatlich". Nicht der Staat, sondern die Privatversicherer sollen nach den neuesten Vorgaben einer teils überforderten, teils ignoranten Politik alternde Menschen schützen. Zumindest diejenigen, die sich einen solchen Schutz leisten können. Und auch nur dann, wenn die Kalkulationen der Versicherer aufgehen.

Aus einer ohnehin schon schwierigen Situation altern wir einer gigantischen Herausforderung entgegen. Die Demografen sprechen von einer Verdopplung der Zahl der Demenzbetroffenen innerhalb der nächsten vierzig Jahre, bei einer insgesamt schrumpfenden Bevölkerung. Eine Impfung oder dergleichen ist nicht in Sicht. Vielmehr bekommt nach Ansicht zahlreicher Experten jeder Mensch eine Demenz, wenn er nur alt genug wird.

Dabei ist für die allermeisten Menschen ein Leben mit Demenz ein Horrorszenario - obwohl die Betroffenen selbst, so belegen es immer mehr Studien, ihre eigene Situation weitaus positiver erleben, als Außenstehende dies tun. Ja, sogar Glück und Zufriedenheit sind möglich. Die Voraussetzung ist eine gute Pflege. Eine Pflege, die jenseits der täglich praktizierten Selbstausbeutung bei der professionellen und familiären Versorgung eben ihren Preis hat. Ein Preis, den wir zahlen müssen.

Der Autor ist Publizist. Zuletzt erschien von ihm das Buch "Was bin ich wert? Eine Preisermittlung" (Berlin 2010).