23. November 2012 11:34 Vollnarkose gegen Angst Den Zahnarzt einfach verschlafen?

Von Berit Uhlmann

Bei großer Angst vor dem Zahnarzt bieten manche Mediziner eine Behandlung in Vollnarkose an. Doch die ist nicht frei von Risiken. In den meisten Fällen gibt es Alternativen.

Kommt der Zahnarzt mit dem Bohrer näher, fühlen sich die meisten Patienten unwohl. Eine echte Phobie ist dies noch nicht.

(Foto: ag.getty)

Wie fühlen Sie sich, wenn Sie ins Behandlungszimmer Ihres Zahnarztes gebeten werden? Antwort 1: "Macht mir nichts aus!" Wer nicht zustimmen kann - und das dürften die meisten Menschen sein -, hat im Selbsttest auf der Homepage eines Zahnmediziners die Auswahl zwischen den weiteren Antworten "Herzrasen", "Zittern", "Schweißausbruch" und "extreme Angst". Zu einer Auswertung führt der Test nicht, wohl aber zum Kontaktformular des Arztes, dessen Spezialität die Behandlung von Ängstlichen in Vollnarkose ist.

"Schön im Schlaf", lautet ein Slogan, oder: "Während Sie träumen, arbeiten wir an Ihrem Lächeln": Etliche Zahnärzte werben für die Narkose. Wer sich auf ihren Seiten umschaut, kann leicht dem irrigen Eindruck erliegen, dass Panik vor dem Zahnarzt enorm verbreitet und nur in kompletter Bewusstlosigkeit erträglich sei. Experten beunruhigt diese Entwicklung.

Tatsächlich leiden seriösen Schätzungen zufolge etwa fünf Prozent der Menschen an einer echten Zahnbehandlungsphobie. Schaut ein Zahnarzt einem beliebigen Menschen in den Mund, wird er im Schnitt maximal einen behandlungsbedürftigen Zahn finden. Das Gebiss von Phobikern hingegen kündet mit durchschnittlich zehn kranken Zähnen von ihrer unbeherrschbaren Angst. Im Mittel vergehen zehn Jahre, ehe die schiere Not diese Menschen in den Behandlungsstuhl treibt. "Wir haben auch schon Patienten gesehen, die 30 Jahre keinen Zahnarzt aufgesucht haben", sagt die Psychologin Gudrun Sartory, die sich an der Universität Wuppertal mit dem Thema befasst.

Das schadhafte Gebiss führt zu Schmerzen, Scham und nicht selten zu sozialen und beruflichen Schwierigkeiten. "Die Angst vor dem Zahnarzt beeinträchtigt das Leben dieser Patienten", sagt Sartory. Dadurch unterscheiden sie sich von den vielen Menschen, die das Schrillen des Bohrers zwar in beträchtliche Beklemmung versetzt, die die Behandlung aber letztlich doch immer wieder durchstehen.

Die Aussicht, das gefürchtete Bohren, Schaben und Kratzen im eigenen Mund komplett ausblenden zu können, verfängt bei vielen Phobikern. "Sie verlangen die Narkose sogar", hat Sartory häufig erfahren. Stimmt ein Arzt ihrem Ansinnen zu, erhalten sie in der Regel eine tiefe Sedierung mit dem Mittel Propofol. Eine Überdosis davon hat Michael Jackson getötet, aber es ist ein reguläres Anästhetikum, das beispielsweise auch bei Darmspiegelungen angewandt wird. Für eine Vollnarkose im Zahnarztstuhl wird Propofol mit weiteren Medikamenten, vor allem Schmerzmitteln, kombiniert.

Korrekt angewendet, sind die Risiken gering, sagt Elmar Mertens, Vizepräsident des Berufsverbandes Deutscher Anästhesisten. Korrekt heißt laut Rechtsprechung, dass die Narkose in den Händen eines Anästhesisten und einer fachlich versierter Assistenzkraft liegt und der Patient im Aufwachraum von qualifiziertem Personal überwacht wird. Doch nicht immer gewährleisten Zahnärzte die Überwachung. "Es hat Todesfälle gegeben", sagt Mertens. Analysen zeigten, dass in diesen Fällen passierte, was der Anästhesist "den stillen Tod hinter dem Vorhang" nennt: Patienten werden nach der Behandlung allein in einer Ecke der Praxis gelassen. Niemand bemerkt, wenn ihre Atmung aussetzt.

Verlässliche Zahlen zur Häufigkeit von Todesfällen fehlen für Deutschland. Groben Schätzungen aus Nordamerika zufolge kommt ein Todesfall auf 100.000 zahnärztliche Narkosen. Dem gegenüber steht ein fraglicher Nutzen: "Ich kann auch einen Patienten mit Flugangst in Vollnarkose fliegen lassen. Ist das eine Lösung für sein Problem?", kommentiert der Zahnmediziner Hans-Peter Jöhren die Praxis jener Kollegen, die Narkose als Mittel der Wahl anzupreisen.

Jöhren behandelt in der Augusta-Krankenanstalt in Bochum Angstpatienten mit einem Team aus Zahnmedizinern und Psychologen und gilt als einer der wenigen Experten auf dem Gebiet. Ihn stört am Vorgehen der Kollegen vor allem die Alternativlosigkeit, mit der sie die Vollnarkose empfehlen. "Das ist unseriös und entspricht nicht dem wissenschaftlichen Kenntnisstand", sagt der Mediziner.

Die Alternative ist eine psychotherapeutische Behandlung. Bereits 2004 zeigte eine Meta-Analyse, dass die Verhaltenstherapie bei der Mehrzahl der Patienten wirkt. Jöhren, Sartory und Kollegen kamen 2011 in einer Studie zu dem Schluss, dass die kognitive Verhaltenstherapie nicht nur hilft, sondern Narkose und auch Hypnose deutlich überlegen ist. In der Therapie wurden Patienten langsam an die angstbesetzte Situation herangeführt. Gleichzeitig vermittelten die Helfer ihnen Strategien, um die Angst kontrollieren und bewältigen zu können. 70 Prozent der Patienten nützte diese Behandlung - und zwar langfristig, sagt Sartory. "Dagegen lassen sich mit Narkose zwar die Zähne behandeln, nicht aber die Phobie." Spätestens vor dem nächsten Zahnarztbesuch peinigt die Angst die Patienten wie ehedem.

Sartory zufolge ist kein Spezialistentum für die Behandlung einer Zahnbehandlungsphobie vonnöten. "Wir haben Standardmethoden verwendet. Jeder ausgebildete Verhaltenstherapeut beherrscht sie." Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die Kosten für die Therapie.

Skeptischer beurteilen Experten die Hypnose, die gelegentlich eingesetzt wird. Studien sind spärlich, und es macht die Einschätzung nicht leichter, dass der Begriff eine Sammlung verschiedener Methoden umfasst: Mal wird eine CD abgespielt, mal versucht ein Hypnotiseur, einen Patienten in Trance zu versetzen, mal beschreibt der Ausdruck eher verhaltenstherapeutisch orientierte Ansätze, bei denen Patienten sich auf angenehme Vorstellungen konzentrieren sollen.

Sartory nimmt an, dass die Suggestivbehandlung allenfalls sehr begrenzt wirkt. Viele Patienten schrecken zudem schon zurück, wenn sie das Wort Hypnose hören. "Jeder angstvolle Patient hat schon einmal einen Bühnenhypnotiseur gesehen, der einen Zuschauer zum Deppen macht", begründet dies die Special Care Dentistry Association, die sich besonders problematischen Zahnbehandlungen widmet. Dennoch hält die Vereinigung die verhaltenstherapeutisch orientierte Suggestion angenehmer Vorstellungen für einen Versuch wert. Etwa 30 Prozent der Patienten gelingt es auch mit psychotherapeutischer Hilfe nicht, ihre Angst zu bewältigen. Bei ihnen und in Notfällen hält Jöhren die Narkose für gerechtfertigt.

Doch mit der Unterscheidung, wer von welcher Behandlung profitieren könnte, halten sich manche Ärzte nicht auf. "Es gibt Versuche, allgemeines Unbehagen vor dem Zahnarzt zu pathologisieren", sagt Jöhren. Längst nicht immer wird eine Diagnose gestellt und der Patient über alle Optionen aufgeklärt. Für Patienten kann dies auch finanziell ärgerlich sein. Denn hat ein Facharzt die Zahnbehandlungsphobie bestätigt, zahlen die Kassen auch die Vollnarkose. Fehlt die Diagnose, müssen die Patienten mindestens 200 Euro für die Anästhesie selbst aufbringen.

Leiden die bangen Patienten dagegen gar nicht an einer echten Phobie, ist die Narkose für die Standardzahnbehandlung überflüssig. Bei leichterer Angst im Zahnarztstuhl helfen den Experten zufolge oft schon einfache Mittel: Musik, eine ruhige Atmosphäre sowie ein geduldiger und aufrichtiger Umgang mit dem Patienten.