SZ Serie: Auf Wohnungssuche Überlebenskampf im ostkongolesischen Goma

Um bezahlbaren Wohnraum für Arme kümmert sich in Goma niemand. Aber auch bessergestellte Mieter haben mit vielen Problemen zu kämpfen, zum Beispiel mit Stromausfall.

(Foto: Judith Raupp)

Gomas Einheimische haben es schwer. Eigentümer vermieten lieber an zahlungskräftige NGOs.

Von Judith Raupp

Sie haben ihm die Kalaschnikow in die Rippen gestoßen und den Rucksack entrissen. "Laptop, Geld und die Festplatte mit meinen wichtigen Daten, alles weg", stöhnt Jean Claude Wenga. Zum zweiten Mal waren Banditen über den 26 Jahre alten Kongolesen hergefallen. Die Nacht hat er in Panik verbracht. Am Morgen war Wenga klar: "Ich muss weg aus diesem Viertel." Weg, ja. Aber wohin? Für Einheimische in der ostkongolesischen Provinzhauptstadt Goma ist es schwierig, eine Bleibe zu finden. Wenga hat monatelang bei Bekannten herumgefragt. Die Wohnung sollte in einer Straße sein, wo zumindest manchmal Laternen die finsteren Ecken beleuchten, wo nicht zu viele Betrunkene und Diebe herumlungern. Vor allem aber musste es eine Wohnung sein, die Wenga mit seinem Gehalt von 150 Dollar, etwa 142 Euro, bezahlen kann.

Irgendwann hat der PR-Berater ein Zimmer in einer Holzhütte gefunden. 65 Dollar, fast die Hälfte des Monatsgehalts, legt er auf den Tisch, Strom und Wasser inklusive. Dass er seine Rechnungen begleicht, heißt aber nicht, dass die Versorgungswerke regelmäßig liefern. "Du kannst hier locker eine Woche ohne Strom und Wasser sein", erzählt Wenga.

Unterhaltung hat der junge Mann aber auch, wenn er im Dunkeln sitzt. Ob Streit oder Liebe, er hört jeden Muckser aus der Nachbarhütte. Die Latrine und das Waschbecken im Hof teilt er mit Dutzenden anderen Mietern. Privatleben kennt er nicht.

Seit Jahren steigen die Mieten in Goma, ohne dass die Unterkünfte behaglicher würden. Denn immer mehr Menschen drängen in die Stadt. Bauern fliehen aus ihren Dörfern vor mordlustigen Milizen oder hoffen auf Arbeit. Die Armut und die gewaltsamen Konflikte im Ostkongo locken zudem Tausende ausländische Entwicklungshelfer und die größte Friedenstruppe der Vereinten Nationen (UN) an.

Das freut die Wohnungseigentümer, meistens kongolesische Politiker, Minister, Offiziere oder Geschäftsleute. Sie vermieten gerne an einheimische und ausländische Mitarbeiter von Hilfsorganisationen. Deren Arbeitgeber finanzieren horrende Mieten. Daher investieren Bauherren in Steinhäuser in relativ sicheren Lagen für Besserverdienende. Um bezahlbaren Wohnraum für den Großteil der armen Bevölkerung kümmert sich niemand.

Mieter jeglicher Einkommensklassen erhalten aber einen miserablen Service für den Preis, den sie bezahlen. Eine Zweizimmerwohnung mit Schimmel an den Wänden und einsturzgefährdetem Dach in guter Lage kann 2000 Dollar kosten. Ein Haus mit drei Zimmern ohne regelmäßige Stromversorgung, dafür aber mit Ungeziefer und Schlangen, schlägt schon mal mit 4500 Dollar zu Buche. Viele ausländische Mieter akzeptieren diese Preise, weil ihre Wohnungen oft am malerischen Kivusee liegen. Was sind schon ein paar Schimmelpilze gegen den traumhaften Blick über den See? Die meisten könnten sich zu Hause den Traum am Ufer nicht leisten. In Goma übernimmt die Hilfsorganisation direkt die Miete oder bezahlt entsprechend hohe Löhne.

"Ein Haus am See fühlt sich wie Urlaub an", schwärmt der Menschenrechtler Karl Andersson. Seinen richtigen Namen will er nicht in der Zeitung lesen. Er lebt in einer Oase mitten im Krisengebiet. Wie vielen Entwicklungshelfern ist ihm das peinlich. Andersson schaut auf einen Garten mit blühenden Büschen, auf sanfte Wellen, Fischerboote und grüne Inseln. "Das ist der Grund, weshalb ich schon so lange in Goma bin", erzählt der schwedische Aktivist.

Andersson hat Glück. Er wohnt bei einer Hilfsorganisation zur Untermiete in einer Wohngemeinschaft. Sein Zimmer kostet nur 400 Dollar. "Eine absolute Ausnahme für Goma", freut er sich. Nun, nach vier Jahren, beruft ihn seine Organisation ab. Der Abschied von der Luxus-WG am See schmerzt ihn besonders.

Trotz der hohen Kriminalität fühlte sich Andersson immer sicher in seinem Haus. Bis zu dem Tag, an dem seine Freundin überfallen wurde. Die Amerikanerin, die ihren Namen auch lieber geheim hält, ging zu Fuß von ihrer Wohnung zu Anderssons Haus, nur ein paar Hundert Meter. Soldaten lauerten ihr auf und raubten sie aus. "Es dauerte eine Weile, bis ich das verkraftet habe", erzählt die UN-Mitarbeiterin. Auch die Schüsse vor der Haustür setzen ihr zu. In Goma knallen fast jede Nacht irgendwo die Kalaschnikows. Banditen, Polizei, Militär, man weiß selten, wer dahinter steckt. Meistens kämpft Anderssons Freundin aber nur mit den Widrigkeiten des Alltags: Stromgenerator fällt aus, Pumpe blockiert, die das Wasser vom See ins Haus bringen soll, Kühlschrank kaputt. "Wenn das eine repariert ist, geht das nächste in die Brüche. Und die Handwerker sind schlecht qualifiziert", klagt die Entwicklungshelferin. Um ihre Wohnung instand zu halten, braucht sie "unendlich viel Zeit und Geduld". Sie weiß aber, dass sie auf hohem Niveau jammert: "Unsere Ärgernisse sind nichts im Vergleich zu den Sorgen vieler Einheimischer."

Wer ausländische Gäste hat, provoziert, überfallen zu werden

Ruhanda Gaza zum Beispiel hat mehr als 20 Jahre in seiner Hütte am Stadtrand nahe der Grenze zu Ruanda gelebt. Vor Kurzem ist der Gemeindechef mit ein paar Männern gekommen und hat erklärt, dass Gaza in der neutralen Zone gebaut hat. Der Streifen soll Ruanda und Kongo auf Distanz halten. Das Verhältnis ist angespannt. Wohnen im Niemandsland ist verboten. So haben sie Gazas Hütte einfach abgerissen.

"Keiner hat mir vorher gesagt, dass das eine neutrale Zone ist", schimpft der Vater von zwölf Kindern. Er hat sie bei Freunden und Verwandten untergebracht. "Meine Frau und ich schlafen oft im Freien. Wir wollen nicht immer fragen, ob uns jemand aufnimmt", erzählt er. Der 55-jährige Mechaniker ist arbeitslos, wie viele in Goma. Er kann sich nicht einmal die 20 Dollar Miete leisten für eine Bruchbude im Armenviertel.

Vertreibung aus den eigenen vier Wänden, Streit um Besitztitel, sogar Morde kommen in der Immobilienbranche in Goma öfter vor. Korruption, Willkür und Unwissenheit blockieren Recht und Gesetz. Die Grundschullehrerin Emily Kalonji Lunanga musste beispielsweise überstürzt aus ihrer Wohnung ausziehen, weil der Hausbesitzer die Miete über Nacht verdoppelte. Das war zu viel. Sie lebt jetzt mit ihrem Mann und einem Kleinkind in zwei engen Räumen, Küche ohne Fenster. Wasser für Bad oder Wäsche muss sie im Hof auf einem Holzkohlefeuer erwärmen. Die Lehrerin interessiert sich für fremde Kulturen, sie hat weiße Freunde. Das bringt sie in Gefahr. Viele Kongolesen setzen weiße Haut mit dicken Geldbeuteln gleich. Wer ausländische Gäste hat, provoziert, überfallen zu werden. Lunanga muss daher in einem einigermaßen sicheren Viertel wohnen. Das kostet. 60 Prozent des Familieneinkommens gehen für die Miete drauf.

Lunanga träumt von einer Wohnung in der ruandischen Nachbarstadt Gisenyi. Es ist sicherer dort, die Wohnungen sind deutlich billiger und besser ausgerüstet. Aber die Grenze schließt um 18 Uhr über Nacht. Lunangas Mann würde es nach der Arbeit nicht mehr nach Gisenyi schaffen. Das Paar sehnt die offene Grenze herbei. Dann könnte die Familie drüben in Würde wohnen. Fast wie die weißen Freunde in Goma.

Die SZ berichtet in dieser Serie in loser Folge über den Wohnungsmarkt in den wichtigen Metropolen der Welt. Bisher erschienen: Madrid (23. 10.), Peking (30. 10.), Rio de Janeiro (6. 11.),Sydney (13. 11.), London (20. 11., Tokio (27. 11.) und Wien (11. 12.).