Serie Wohnungssuche Kellerkinder und Geisterviertel

Vancouver ist eine Stadt der Mieter, und die haben es schwer. Die Mieten sind hoch, vermietet wird so ziemlich alles, selbst Garagen.

Von Bernadette Calonego

Vancouver ist paradiesisch schön, aber ein höllisches Pflaster für Mieter. In der kanadischen Metropole am Pazifik zahlen 45 Prozent der Mieter mehr als ein Drittel ihres Einkommens für ihre Unterkunft. Trotzdem müssen sich Wohnungssuchende glücklich schätzen, überhaupt etwas zu finden: Vancouver hat eine der niedrigsten Leerstandsquoten in Kanada, durchschnittlich 0,9 Prozent in den vergangenen vierzig Jahren. Als normal betrachtet man drei bis fünf Prozent.

Vancouver ist eine Stadt der Mieter, nur Montreal hat mehr davon, wobei in Montreal die Mieten im Schnitt viel niedriger sind. In der City of Vancouver wohnt die Hälfte der Bevölkerung in gemieteten Räumlichkeiten; in manchen Vierteln gibt es 80 bis 90 Prozent Mieter. Früher konnte man in der Innenstadt herumwandern, bis man auf eines der vielen Schilder mit der Aufschrift "Zu mieten" traf. Man wählte die Telefonnummer und vereinbarte eine Besichtigung. Viele Leute fanden so ihre Bleibe in genau dem Viertel, in dem sie leben wollten. Aber viele Gebäude wurden in den letzten Jahren zu Eigentumswohnungen umgewandelt. Heute müssen Mieter, die günstig wohnen wollen, kreativ werden.

Hanna Daber hat jahrelang das einzige Schlafzimmer in ihrer kleinen Wohnung untervermietet und im Wohnzimmer geschlafen. Die 43-jährige Webdesignerin zahlte zuerst umgerechnet 700 Euro Miete für ihre Zweizimmerwohnung nahe dem Commercial Drive. Das Viertel, in dem sie bis vor Kurzem lebte, verwandelte sich aber von einem Arbeiterviertel in eine trendige, gesuchte Wohngegend. Nach einer Renovierung erhöhte sich die Miete auf 1200 Euro plus Internet und Strom. Das ist happig für kanadische Verhältnisse. In Vancouver verdient die Hälfte der Mieter weniger als 26 000 Euro vor Steuern im Jahr. Die Durchschnittsmiete für eine Dreizimmerwohnung ist auf 860 Euro pro Monat gestiegen - der höchste Stand in Kanada.

Vancouver ist ein schönes, aber teures Pflaster. Viele Bürger weichen in Vorstädte aus, weil sie sich die hohen Mieten nicht leisten können.

(Foto: City of Vancouver)

Hannas Suche nach einer neuen Bleibe dauerte drei Monate, in denen sie fast fünfzig Wohnungen besichtigte. Meistens warteten schon andere Interessenten in einer Schlange vor dem Haus. Besonders ernüchterten Hanna die Kellerwohnungen, eine typische Erscheinung in Vancouver. "Viele davon waren schäbige, schmutzige Höhlen im Boden, manche mit Mäusen und Kakerlaken", sagt sie. Wiederholt wurde ihr zuerst eine lange Liste von Hausregeln in die Hand gedrückt, bevor sie überhaupt eintreten durfte: keine Haustiere, Rauchen und Partys verboten, Gäste dürfen nicht über Nacht bleiben, und so weiter.

Schließlich zog Hanna in eine Garage, die zu einem 18 Quadratmeter großen Studio umgebaut worden war. Darin gab es zwar eine Dusche, aber keine Badewanne und auch keinen Backofen. Normalerweise ist in kanadischen Wohnungen eine Küche mit allen Möbeln und Geräten fest eingebaut. Hanna bereitet nun ihre Mahlzeiten mit einem Mikrowellenherd, zwei Kochplatten und einem Toaster zu. Dafür zahlt sie umgerechnet 540 Euro, alles inklusive. Sie muss sich aber bald wieder auf die Suche machen, denn das Haus mit der umgebauten Garage ist verkauft worden.

Das ist kein Einzelfall. Mieter befinden sich in Vancouver in einer prekären Lage. Die Häuserpreise sind in den vergangenen Jahren drastisch gestiegen. Viele ausländische Investoren, vor allem Chinesen, sind bereit, überhöhte Preise für Immobilien zu bezahlen. So können sich viele Menschen dort kein Wohneigentum mehr leisten. Das ist für Kanada ungewöhnlich: Im gesamten Land sind zwei Drittel der Haushalte als Wohneigentum gemeldet.

"Vancouver wird immer mehr zu einem Spielplatz für die Reichen", sagt Henry F., freischaffender Übersetzer. Manche Leute weichen in Vorstädte wie Burnaby oder Surrey aus oder in Kleinstädte wie das eineinhalb Autostunden entfernte Squamish. Doch Henry will in Kitsilano bleiben, einem entspannten, bunten Stadtviertel nahe dem Ozean mit jungen Leuten, Restaurants, Läden und Cafés. Der 51-jährige Single, der zu Hause am Computer arbeitet, wohnt seit 16 Jahren in einer 63 Quadratmeter großen Erdgeschosswohnung, für die er heute 670 Euro zahlt. Obwohl sich die Wohnqualität in dieser Zeit verschlechtert hat, hält Henry an seiner Bleibe fest: "Ich würde kaum etwas Passendes finden, das ich mir leisten könnte." Auch wenn es laut Gesetz besser geworden ist, denn Hausbesitzer dürfen die Miete nur um knapp drei Prozent jährlich erhöhen.

SZ-Serie, Folge 13: Vancouver.

Henry ist zwei Minuten von der Bushaltestelle und fünfzehn Minuten von Downtown Vancouver entfernt. Den Strand erreicht er in sieben Minuten zu Fuß. Seine Wohnung hat auch einen Gartensitzplatz, den er aber kaum benutzt, denn ein neu errichtetes "Backyard"-Haus auf dem Nachbargrundstück nimmt ihm die Sonne weg. Solche Zweithäuser im Garten oder Hinterhof werden heute immer häufiger gebaut, weil der Boden so rar und teuer geworden ist. Dafür haben die Behörden das Baugesetz gelockert.

Manchmal führen Vermieter einen psychologischen Kleinkrieg, um Bewohner los zu werden

Vor einigen Monaten war Henry der Lärm der Mieter in der Nachbarwohnung so auf die Nerven gegangen - sie hielten dort ihr Krafttraining -, dass er ernsthaft überlegte, umzuziehen. Aber als er auf die Suche ging, vergingen ihm alle Illusionen. Der Kauf einer hübschen Zweizimmerwohnung würde ihn in Vancouver mindestens 300 000 Euro kosten. Das ist viel mehr, als sich der Durchschnittskanadier leisten kann. Auch die Anmietung einer anderen Wohnung erschien ihm immer aussichtsloser zu sein. Er hätte dafür zwischen 900 und 1200 Euro bezahlen müssen. "Früher war es einfach, eine Wohnung zu finden", sagt Hank. "Jetzt ist es ein Spießrutenlaufen."

Der Bürgermeister von Vancouver, Gregor Robertson, hat die Provinzregierung von British Columbia aufgefordert, die Gesetze zu ändern, damit man mehr günstigen Wohnraum für Mieter schaffen kann. Die Stadtbehörden selber haben bisher herzlich wenig gegen die Krise unternommen. "Die Stadt und die Provinz wollen nichts tun, denn Immobilien sind in Vancouver das Goldene Kalb", klagt Henry.

Die meisten Mieter erhalten einen Vertrag, der eine Kündigungsfrist von nur einem Monat vorsieht. Aber im Allgemeinen sind ihre Rechte gut geschützt. Eine Kanadierin, die ein Zimmer in ihrem gemieteten Haus an eine Frau untervermietete, bekam das zu spüren. Als sie die Untermieterin loswerden wollte, sah sie sich unüberwindbaren Hindernissen gegenüber. Vom Gesetz her wurde die Frau wie eine Hauseigentümerin behandelt, obwohl sie selber auch Mieterin ist. Sie hätte der Untermieterin praktisch kriminelle Machenschaften nachweisen müssen, um sie loszuwerden. Schließlich rieten ihr Freunde zu einem psychologischen Kleinkrieg: Sie ließ den Fernseher in ohrenbetäubender Lautstärke Tag und Nacht laufen, lud Freunde zu lauten Partys ein und ließ ständig die Türen knallen. Nach einem Monat zog die Untermieterin aus.

Auch wenn der Leerstand in Vancouver äußerst niedrig ist, heißt das nicht, dass es keine leeren Wohnungen gibt. In Yuppie-Vierteln wie Yale Town oder Coal Harbour stehen viele Wohnungen, die von Ausländern gekauft wurden, leer. Die Medien sprechen von richtigen Geistervierteln. Vielleicht sind es die Geister eines außer Rand und Band geratenen Immobilienbooms, dessen Opfer die Mieter geworden sind.

Die SZ berichtet in dieser Serie in loser Folge über den Wohnungsmarkt in den wichtigen Metropolen der Welt. Bisher erschienen: Madrid (23.10.), Peking (30.10.), Rio de Janeiro (6.11.), Sydney (13. 11.), London (20.11.), Tokio (27.11.), Wien (11.12.), Goma (2./3.1.), Tel Aviv (8.1.), Paris (15.1.), Brüssel (22.1.) und New York (29.1.).