Serie Wohnungssuche Bad und Bunker

In Tel Aviv gehört der Schutzraum zu Neubauten wie in Deutschland der Autostellplatz. Das Mietrecht ist in Israel dagegen eher unterentwickelt, der Vermieter diktiert die Regeln.

Von Peter Münch

Drei Zimmer, Küche, Bad und Bunker: Das ist die typische Wohnung in Tel Aviv. Der Schutzraum ist gesetzlich vorgeschrieben für alle Neubauwohnungen seit 1991, seit jenem Jahr, in dem der irakische Diktator Saddam Hussein im Golfkrieg seine Scud-Raketen nach Israel feuerte. Grundsätzlich also ist der Bunker eine praktische Einrichtung, zum Beispiel dann, wenn wieder einmal Krieg um Gaza geführt wird - oder wenn man ein zusätzliches Kinderzimmer braucht und der Balkon, der dafür oft zugemauert wird, schon besetzt ist.

In der israelischen Mittelmeer-Metropole mit ihrem Strand sowie den unzähligen Cafés und Kneipen zu wohnen, kann traumhaft sein. Dort eine Wohnung zu suchen, kann dagegen leicht zum Albtraum werden. Denn Wohnraum ist chronisch knapp, dazu kommt der Schock über die hohen Preise, die Ernüchterung über die Ausstattung, der Ärger mit manchen Vermietern und, ach ja, der Kampf mit den oft allzu forschen Maklern.

Die Makler beherrschen den Markt, sie sind die Meister der Mangelverwaltung. Natürlich kann jeder seine Wohnung auch im Internet suchen oder in den Zeitungen, doch am Ende steckt auch dort zumeist ein Makler dahinter. Manchmal sind es gleich mehrere, die sich die Vermittlung der Wohnung in aller Feindschaft teilen und bei der Besichtigung im Rudel auftreten. Am Ende wird dann für alle zusammen eine Monatsmiete plus Mehrwertsteuer fällig, was nur dann moderat klingt, wenn man die Tel Aviver Mietpreise nicht kennt.

Der Teufel steckt oft im Detail, etwa im TV-Anschluss hinter dem eingebauten Kühlschrank

Die Makler sind überdies Magier, die ein stickiges und im Sommer saunagleiches Dachgeschoss als Penthouse offerieren, eine Bruchbude als Bauhaus-Juwel und einen Rohbau als kuscheliges Familienheim. Bei der Besichtigung eines Neubaus ohne Fenster, Putz und Kabel sagt der typische Tel Aviver Makler auf die Frage, ob dieses Beton-Skelett wirklich zum herannahenden Einzugstermin fertig sein soll, Sätze wie diesen: "Wir haben in Israel in sechs Tagen einen Krieg gewonnen, da werden wir doch wohl in sechs Wochen die Wohnung schaffen." Wenig später wird klar, dass der Kriegsgewinn von 1967 ein historisch singuläres Ereignis war.

Wenn der Neubau allerdings einmal fertig ist, meist Monate nach dem Einzug, bietet er durchaus Vorzüge gegenüber den oft ramponierten älteren Gebäuden: ein Treppenhaus mit Licht zum Beispiel, oft sogar einen Aufzug, große Fenster, blütenweiße Wände, funktionierende Klimaanlagen, kurzum: einen mitteleuropäischen Wohnkomfort. Der Orient steckt dann allerdings oft im Detail: im TV-Anschluss zum Beispiel, der hinter dem eingebauten Kühlschrank versteckt liegt oder im selbst für Elektriker schwer durchschaubaren Kabelgewirr im Sicherungskasten. Beim ersten Winterregen zeigen sich zudem die Schwächen eines schlecht isolierten Flachdachs. Im Sommer dagegen habe die vielen Flachdächer einen unschlagbaren Vorteil: Tel Aviv bietet reichlich Wohnungen mit schönen Dachterrassen, die mit etwas Glück auch noch Meerblick gewähren.

Direkt vorn am Meer zu wohnen, bleibt allerdings ein paar wenigen Superreichen vorbehalten, die sich Apartments in den immer prächtiger werdenden Glas- und Betontürmen an der Strandpromenade gesichert haben. Dahinter wird es grundsätzlich günstiger, je weiter es ins Landesinnere geht. Dazu kommt noch ein Nord-Süd-Gefälle: Der Norden gilt als chic und gediegen, der oft arg heruntergekommene Süden bestenfalls als hip, also mit viel Gentrifizierungspotenzial.

Mit diesen Koordinaten im Kopf lässt sich bei der Wohnungssuche grob das Preisniveau abschätzen. Doch schon im Verlauf der Suche kann das bereits alles überholt sein.

Denn die Immobilienpreise in Tel Aviv steigen nicht, sie explodieren. Landesweit hat eine 2015 vorgelegte Regierungsstudie einen Anstieg der Verkaufspreise binnen fünf Jahren um 55 Prozent und der Mietpreise um 30 Prozent festgestellt. In der Metropole Tel Aviv, wo das wirtschaftliche und kulturelle Herz des Landes schlägt, dürften die Zahlen noch deutlich stärker ausfallen. Eine Familienwohnung mit 120 Quadratmetern für umgerechnet 3000 Euro Kaltmiete kann hier als relativ günstig gelten, ein winziges WG-Zimmer in eher verlotterter Umgebung ist kaum unter 600 Euro zu finden. Als Folge davon verschulden sich Tel Aviver nicht nur für den Immobilienkauf, sondern schon für die bloße Miete. Kinderreiche Familien leben oft in viel zu kleinen Wohnungen, Studenten bleiben bei den Eltern, Rentner ziehen zu den Kindern.

SZ-Serie, Folge 9: Tel Aviv

Die Politik hat die Probleme längst erkannt - nur gelöst werden sie nicht. 2011 war einmal ein Ruck durchs Land gegangen, als die hohen Mietpreise einen Massenprotest provoziert hatten. Eine junge Studentin, die ihre Miete nicht mehr zahlen konnte, hatte demonstrativ ein Zelt auf dem sündteuren Tel Aviver Rothschild Boulevard aufgestellt. Schon bald standen dort - und auch in anderen Städten - Tausende von Zelten, Hunderttausende Menschen gingen auf die Straße, um für billigeren Wohnraum zu demonstrieren. Die Regierung versprach sogleich den Bau kostengünstiger Sozialwohnungen. Nach mehr als vier Jahren und zwei Kriegen, die tiefe Löcher in den Staatshaushalt gerissen haben, ist davon nicht viel umgesetzt worden.

Die Reichen leisten sich gern eine Unterkunft in der Stadt, für die Ferien oder für alle Fälle

Der jüngsten staatlichen Statistik zufolge fehlen in Israel bei einer Bevölkerungszahl von acht Millionen Menschen derzeit 100 000 Wohnungen. Der Druck wird nicht nachlassen, weil erstens die alte Bausubstanz stark angegriffen ist und zweitens Israel als Einwanderungsland für Juden aus aller Welt stets neuen Wohnraum braucht. Zudem kaufen vor allem in Tel Aviv reiche Juden aus der Diaspora gern eine Wohnung für die Ferien oder für alle Fälle, die dann die meiste Zeit des Jahres leer steht.

Wenn anderswo das Wetter als beliebtestes Smalltalk-Sujet herhalten muss, dann erzählt man sich im wetterverwöhnten Tel Aviv gern die neuesten Horrorgeschichten vom Wohnungsmarkt: von Vormietern, die Geld verlangen für eine Empfehlung an den Vermieter; von Vermietern, die ihre Wohnungen meistbietend versteigern oder von potenziellen Mietern Psycho-Tests oder Auskünfte über die sexuelle Orientierung verlangen. Das Mietrecht ist in Israel eher unterentwickelt, grundsätzlich sind die Bedingungen frei verhandelbar, das heißt: Der Vermieter diktiert die Regeln.

Wer am Ende dann eine schöne Wohnung gefunden hat, der darf sich umso mehr freuen - wenigstens für ein Jahr lang. Dann läuft in der Regel der Mietvertrag aus, der Preis wird neu verhandelt oder die Wohnung wird gleich zum Verkauf angeboten. Denn Immobilien werden auf dem Tel Aviver Markt fast so heiß gehandelt wie anderswo Aktien an der Börse. Vor dem Rauswurf schützt den Mieter dann auch kein Bunker.

Die SZ berichtet in dieser Serie in loser Folge über den Wohnungsmarkt in den wichtigen Metropolen der Welt. Bisher erschienen: Madrid (23. 10.), Peking (30. 10.), Rio de Janeiro (6. 11.), Sydney (13. 11.), London (20. 11., Tokio (27. 11.), Wien (11. 12.) und Goma (2./3.1.2016).