Schulen in Deutschland Heute bauen, morgen lernen

Kreativität ist gefragt: Auf dem "Dorfplatz" im Montessori-Förderzentrum in Hadern können die Kinder auch außerhalb des Klassenzimmers arbeiten.

(Foto: Catherina Hess)

Bei den Bildungsstätten herrscht großer Investitionsbedarf. Die Anforderungen an Neubauten sind groß, schließlich geht es um pädagogische Konzepte.

Von Simone Gröneweg

Ob marode Sporthallen, undichte Fenster oder veraltete Sanitäranlagen - der Renovierungsbedarf an deutschen Schulen ist immens. Gleichzeitig müssen die Bildungseinrichtungen zusätzliche Aufgaben bewältigen. Dazu gehören etwa die nachmittägliche Betreuung der Schüler oder der gemeinsame Unterricht von behinderten und nichtbehinderten Kindern. "Demografischer Wandel, neue Bildungskonzepte, variierende Schulsysteme - das Schulwesen in Deutschland ist in Bewegung, und mit ihm stehen auch die Schulgebäude vor grundlegenden Veränderungen", schildert Oliver Lange, Projektpartner beim Beratungsunternehmen Drees und Sommer, die Lage. Viele Gebäude sind ihren Aufgaben kaum gewachsen, denn es herrscht ein gewaltiger Investitionsstau an Deutschlands Schulen.

Stellen Schulleiter und Schulleiterinnen Mängel an den Gebäuden fest, melden sie das den Behörden an Ort und Stelle. Bildung ist Ländersache, für die Gebäude sind jedoch die Kommunen zuständig. Sie entscheiden in der Regel auch, welche Schulgebäude saniert werden oder wo ein Neubau entsteht. "Jedes Jahr befragen wir die Kämmerer, wie sie die Situation einschätzen", erklärt Stefan Schneider vom Deutschen Institut für Urbanistik (Difu). Befragt werden fast 3800 Gemeinden und Kreise mit mehr als 2000 Einwohnern. "Für 2014 machten die Kämmerer im Schulbereich einen Investitionsrückstand von 32 Milliarden Euro aus", berichtet Schneider. In den Haushalten für 2014 seien aber lediglich fünf Milliarden Euro für die Sanierung und den Bau von Schulen eingeplant gewesen.

Immerhin existieren einige Vorzeigeprojekte. Dazu zählen die Fachleute eine Ganztagesschule im niedersächsischen Ort Osterholz-Scharmbeck. Dort sei ein Schulkomplex entstanden, der in Deutschland eine Vorreiterrolle einnehme, sagt Kirsten Jung, Geschäftsführerin vom Cubus Medien Verlag, der bundesweit die Schulbau Messe veranstaltet. Die Architekten entwarfen Lernlandschaften mit locker angegliederten Raumstrukturen für eine Oberstufe mit derzeit etwa 650 Schülerinnen und Schülern. Es gibt einen Raum der Stille und einen Ruheraum für Lehrkräfte.

Als weiteres positives Beispiel gilt die Erich-Kästner-Schule in Leipzig. Dort richteten die Architekten altersgerechte Zonen ein. Wiederkehrende Farben, Materialien und Formen im Außen- und Innenraum sollen die Fantasie der Kinder anregen. In einer Leipziger Grundschule können Schüler sogar auf dem Dach der Sporthalle spielen. Riesige gelbe Kugeln auf einem orangefarbenen Belag laden zum Hüpfen und Springen ein.

Akustik, Licht, Luft und ein gut geplanter Pausenhof - es gibt viele Dinge, auf die zu achten ist

Die Pläne für neue und sanierte Schulen sehen überall anders aus. "Bei den Festbauten und beim Material gibt es meiner Meinung nach keine besonderen Trends", sagt der Münchner Architekt David Meuer. Anforderungen an die Bauten existieren viele: Das Material sollte generell schadstoffarm und unbelastet sein. Die verwendeten Fußbodenbeläge wirken im Idealfall dämpfend, spezielle Decken und schallabsorbierende Wandpaneele sorgen für eine optimale Akustik im Raum. Eine funktionierende Internetverbindung wünschen sich viele. Eine ausreichende Belüftung und genug Licht in den Räumlichkeiten sind ebenfalls von zentraler Bedeutung.

Auch der Pausenhof spielt eine wichtige Rolle. So beschäftigt sich Cornelia Duckert von der Berliner Seilfabrik aus einem ganz besonderen Blickwinkel mit dem Thema Schule. Das Unternehmen hat früher Seile für Aufzüge hergestellt, mittlerweile baut es genormte Klettergerüste. "Kinder, die sich in der Pause ausgetobt haben, arbeiten im Unterricht konzentrierter mit", sagt Duckert.

Im Idealfall setzen sich vor einer Sanierung oder einem Neubau alle Beteiligten zusammen

Es werde beim Bau einer Schule mittlerweile viel mehr Rücksicht auf die pädagogischen Belange gelegt, meint Architekt Meuer. "Man baut nicht nur Räume, sondern gestaltet nach pädagogischen Gesichtspunkten. In München orientiert man sich am Lernhaus-Konzept", erzählt er. Das bedeutet, bestimmte Altersklassen werden in sogenannten Lernhäusern zusammengefasst. Deren Mitte - ein erweiterter Flurbereich - kommt eine besondere Bedeutung zu. Sie ist nicht nur ein Flur, sondern bietet Platz für Präsentationen, Gruppenarbeiten und Pausenaufenthalte. Die Zeit drängt, denn der Investitionsbedarf in der bayerischen Hauptstadt ist groß. Vorerst versucht sie den akuten Raumbedarf mit sogenannten Modulbauten zu decken. "Das sind Containerbauten, die relativ schnell, nämlich innerhalb von zwölf Monaten erstellt und langfristig durch feste Bauten ersetzt werden sollen", erklärt Meuer. Bei herkömmlichen Bauten dauere es im Schnitt fünf Jahre von der Planung bis zur Fertigstellung.

Im Idealfall sitzen vor einer Sanierung oder einem Neubau alle Beteiligten an einem Tisch zusammen. "Die Verantwortlichen sollten vor der konkreten Planung die Schulleitung, die Elternvertretung und die Schüler befragen", sagt die Wissenschaftlerin Ulrike Stadler-Altmann. So gehe man zum Beispiel in Südtirol vor. Auch in Deutschland existieren entsprechende Beispiele. Das Wiener Architektenteam von Nonconform überlegte vor einiger Zeit gemeinsam mit Schülern und Lehrenden, wie die Montessori-Schule Würzburg aussehen könnte. Die Architekten sammelten an Ort und Stelle Vorschläge für die neue Schule. Die Prioritäten für eine Neugestaltung standen bald fest: "Eine gerechte Verteilung der Klassenräume und Flure mit viel Tageslicht", erzählt Roland Gruber, Partner der Nonconform GmbH. Weitere Punkte waren separate Pausenräume für die älteren Jugendlichen und eine große Aula für alle. Solch eine gemeinsame Planung führt vielleicht nicht zwangsläufig zu einem guten Unterricht, aber sie kann ihn sicher unterstützen.