Seit zwei Jahren, immer Mittwoch nachmittags trifft sich das Team des Finanzwissenschaftlers im Züricher Kinderspital in der Steinwiesstraße. Hier hat Hens einen Raum angemietet, in dem ein Tomograph steht. Mit dem Gerät kann man Gehirnströme messen. Jede Woche wird ein männlicher oder weiblicher Proband für eine halbe Stunde in eine enge Röhre geschoben. Darin eingepfercht sieht der Freiwillige auf einem Bildschirm eine Spielkarte, er muss dann wetten, ob die nächste Karte höher oder niedriger ist. Dazu drückt er einen Sensor. Das Spiel wird mehrfach wiederholt.
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Während der Spieler darüber brütet, ob nun wohl zum vierten Mal eine höhere Karte aufgedeckt wird, messen die Wissenschaftler mit der so genannten funktionalen Magnetresonanz-Tomographie den Energieverbrauch in den einzelnen Hirnregionen. Sie sehen so, in welchem Hirnbereich der Zocker arbeitet. Und dabei hat das Team eine erstaunliche Erkenntnis gewonnen.
"Beim Zocken wird das ventrale Striatum aktiviert", erklärt Hens' Kollegin Kerstin Preuschoff. "Das gehört zu den evolutionstechnisch betrachtet älteren Hirnarealen." Daraus lässt sich ableiten, dass die Menschen schon seit Urzeiten darauf konditioniert sind, zu spekulieren, denn sonst wären andere Hirnregionen aktiv. "Das war ein ziemlich erschreckendes Ergebnis, weil ich dachte, wir hätten Gefühle, um so etwas zu kontrollieren", sagt Hens.
Gehirn noch nicht optimiert
Doch die Evolution der Menschheit steht in Finanzdingen erst am Anfang. "Manche Verhaltensweisen und Reflexe, die für das Leben in der Wildnis sehr nützlich sind, sind in Bezug auf Finanzentscheidungen eher schädlich", sagt seine Kollegin Preuschoff. Das Gehirn sei für Finanzentscheidungen im Zuge der Evolution noch nicht optimiert.
Lange ging die Finanztheorie davon aus, dass der Mensch rational sei und der Markt effizient. Doch die Behavioural-Finance-Forschung zeigte auf, dass Menschen Risiken falsch einschätzen und sich treiben lassen von der Entscheidung anderer. Wenn zwei Restaurants nebeneinanderliegen, das eine halbvoll und das andere leer, dann meiden Menschen das leere Lokal. Vernunft und Effizienz oder Irrationalität und Marktversagen, was gilt denn nun?
"Beides ist richtig", sagt Hens. "Manchmal stimmt das eine, manchmal das andere, manchmal eine Mischung daraus." Wirtschaft sei ein dynamischer Prozess, ein stabiles Gleichgewicht könne es da kaum geben. "Die Umwelt verändert sich ständig - politisch, ökonomisch, psychologisch. Und Menschen versuchen, sich auf Basis ihrer Erfahrungen irgendwie zurechtzufinden", sagt Hens. Hat der Anleger Aktiengewinne gemacht, dann kaufe er weiter Aktien - bis er irgendwann verliert.
Man stelle sich einen Fisch vor, der an Land wild mit der Hinterflosse zappelt. Das wirkt komisch, doch das Tier hat gelernt, dass es mit dieser Strategie vor Feinden fliehen kann - normalerweise, im Wasser. "Doch wenn sich die Ökologie ändert, funktioniert es nicht mehr", sagt Hens. "So läuft es auch an der Börse, deshalb kann es die perfekte Anlagestrategie gar nicht geben."
Das sind keine guten Nachrichten für jene, die ihr mühsam verdientes Geld möglichst profitabel anlegen wollen. Doch was sollen sie tun? Sind die Tipps der Anlagenprofis allesamt nicht das Papier wert, auf dem sie stehen? Können die Kunden ihren Bankberatern noch vertrauen? Beide Seiten sollten ihr Verhalten überdenken, sagt der Frankfurter Wirtschaftsprofessor Hackethal, der regelrecht in Rage geraten kann, wenn er an die Beratungsmisere an deutschen Bankschaltern denkt. "Kunden und Berater machen sich etwas vor", klagt er.
Rückbesinnung auf den Kern der Beratung
Der Kunde frage häufig, welche Aktie demnächst steige, der Berater gebe eine Antwort. "Dabei weiß niemand, welche Aktien steigen. Der Berater sollte aufhören, solche Prognosen abzugeben, und der Kunde sollte aufhören, die Berater danach zu fragen", fordert Hackethal. Vielmehr müssten sich die Finanzinstitute endlich auf das besinnen, was Beratung eigentlich sein soll: Sorgfältige Bestandsanalyse, Aufzeigen der Möglichkeiten und Bewertung der Risiken.
"Der Finanzberater muss drei Fragen beantworten", sagt Hackethal: "Wie viel Risiko will ich als Kunde, welches Risiko trage ich gerade, und verdiene ich genug Rendite angesichts meines Risikos?" Das klingt sehr technisch, doch im Kern geht es darum, ob das Preis-Leistungsverhältnis stimmt. Risiko lässt sich mathematisch messen, indem man historische Kursschwankungen von Aktienfonds untersucht. "Dann zeigt sich, was die Finanzberatung geleistet hat. Wenn sie gut ist, kann die Bank damit werben und Kunden gewinnen", sagt der Wissenschaftler.
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