Rentner mit Geldsorgen Alt, arm und abhängig

Mehr als eine halbe Million Rentner lebten 2012 allein von der staatlichen Grundsicherung.

(Foto: dpa)

Immer mehr Senioren reicht das Geld nicht. Oft sind die Rentner nun auf ihre Kinder angewiesen. Doch diese Umkehrung der Eltern-Kind-Beziehung bringt viele Schwierigkeiten mit sich - für beide Seiten.

Von Pia Ratzesberger

Ihre Kinder wollen mit ihrer Armut nichts zu tun haben. Nicht sehen, wie Marie Bauer ihr Leben sorgsam Kästchen für Kästchen in Beträge einsortiert: Miete, Krankenkasse, Versicherung, Arztbesuch - von Zeile zu Zeile werden die Zahlen kleiner. Ganz unten auf das karierte Blockblatt schreibt die 77-Jährige: 47,30 Euro.

Andere zahlen so viel für ein Essen im Restaurant oder einen Einkauf im Supermarkt. Bauer dagegen musste den ganzen Januar damit auskommen. "Dabei habe ich nahezu mein ganzes Leben lang gearbeitet", sagt die Rentnerin und ihre Stimme klingt dabei fast entschuldigend. Denn ihre Söhne lassen dieses Argument nicht gelten. "Wir schämen uns für dich", sagte einer der beiden einmal am Telefon.

Wenn die eigenen Eltern alt werden, können über Jahre verinnerlichte Familienstrukturen plötzlich in sich zusammen brechen. Für ihre Eltern, die im Kindesalter so lange die Verantwortung übernommen haben, tragen die Kinder nun selbst Verantwortung - eine noch größere, wenn - wie bei Bauer - finanzielle Probleme hinzukommen. Früher steckten die Eltern ihren Kindern das Taschengeld in die Jackentaschen. Jetzt könnten sie oft selbst ein Taschengeld brauchen.

Marie Bauer musste ihre Arbeit immer wieder unterbrechen

Bauer bediente nach ihrer Ausbildung zur Bürokauffrau lange in der Gastronomie, die Maßkrüge vom Spatenbräu drängen sich heute noch auf den Oberschränken in der Küche. Von jedem Oktoberfest-Jahr einer. Wenn die Rentnerin erzählt, wie sie damals durch die Reihen eilte, schließt sie die Augen und lächelt. Das Alter schien in diesen Tagen noch so weit weg. Doch dann musste sie ihre Arbeit immer wieder unterbrechen, einmal wegen der Kinder, einmal wegen Brustkrebs.

Heute, in ihrer kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung im Münchner Norden, fällt ihr das Laufen lange nicht mehr so leicht wie damals in den Festzelten - eine Nervenentzündung erschwert jeden Schritt. Die Wege zu Supermarkt und Apotheke sind für sie sehr viel weiter, der Maßstab ihrer Welt ist so viel kleiner geworden.

Etwa 930 Euro Rente bleiben Bauer, die nicht mit ihrem echten Namen in der Zeitung stehen will, von den vielen Jahren Arbeit. Nach Abzug aller Fixkosten sind es zum Ausgeben meist nur noch etwa 120 Euro. In besonders schweren Monaten wie im Januar, wenn Haftpflicht- und Hausratversicherung den kläglichen Rest weiter aufzehren, weniger. Weil sie das Licht nur wenn unbedingt nötig anschaltet, um Strom zu sparen, stürzte sie einmal im Dunkeln, erzählt sie. Wegen der hohen Arztkosten hätte sich das Sparen am Licht wohl kaum gelohnt.

Generation Zahlmeister

Sie sind nicht mehr ganz jung, aber auch noch nicht alt. Sie sorgen für ihre Kinder und zahlen die Pflegekosten ihrer Eltern. Dazu verpflichtet sie der ungeschriebene Generationenvertrag - und das Gesetz. Dabei geraten Millionen Menschen zwischen 30 und 60 mehr und mehr unter Druck. Von Ulrike Heidenreich mehr ...

Eine hohe Dunkelziffer

Nach Angaben des statistischen Bundesamtes hat sich in den vergangenen zehn Jahren die Zahl der Rentner in Armut fast verdoppelt. 2012 lebten in Deutschland etwa 465 000 Menschen über 65 Jahre allein von der staatlichen Grundsicherung. Ursache für das wenige Geld im Alter sind wie bei Marie Bauer oft unterbrochene Biografien - wenn aufgrund von Arbeitslosigkeit oder Kindererziehung über längere Zeit nur geringe oder sogar gar keine Beträge in die Rentenversicherung einbezahlt wurden. Nach einer Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung gibt es eine hohe Dunkelziffer an Betroffenen, mehr als die Hälfte aller Berechtigten beantrage die Grundsicherung gar nicht. Entweder aus Unkenntnis - oder aus Scham.

Vor Vorwürfen, wie sie Bauer am Telefon ertragen musste, haben viele Rentner Angst. Sie schweigen deshalb über ihre finanzielle Not, selbst vor der eigenen Familie. Verstecken die Mahnungen, wenn die Kinder zu Besuch kommen. Erfinden Ausreden, warum es im nächsten Monat schon wieder nicht mit dem Besuch am neuen Wohnort klappt.

Grundschullehrerin Mareike Nitt kennt das: Auch ihren Eltern reicht die Rente nicht, auch sie reden mit ihrer Tochter nur ungern darüber. Die beiden führten ihr Leben lang eine erfolgreiche kleine Firma, doch wurden kurz vor der Rente um den Verkaufspreis ihres Unternehmens betrogen. Etwas über 1000 Euro haben sie jetzt gemeinsam pro Monat, inklusive der Grundsicherung vom Staat. Die Miete für die kleine Wohnung und die private Krankenversicherung lassen davon kaum etwas übrig.

Was zahle ich den Eltern, was zahle ich der Tochter?

Mareike Nitt zahlt ihren Eltern meistens um die 200 Euro dazu, je nachdem was an Ausgaben anfällt. Die 41-Jährige will ihren echten Namen ebenfalls nicht in der Zeitung lesen - im Freundeskreis ist die Not der Eltern absolutes Tabuthema. Andere erzählen von den Geldgeschenken von Vater und Mutter, Nitt bleibt dann still. Sie muss immer abwägen: Was zahle ich den Eltern, was zahle ich der Tochter? Trotz Doppelverdiener-Haushalt sind Urlaube oder große Ansparungen bei ihr momentan nicht drin. Bei jedem Anruf Zuhause schwingt immer das Unbehagen mit: Ist wieder etwas kaputt, steht ein Arztbesuch an?

Ihre Eltern sind heute beide 68 Jahre alt, Nitt weiß, dass sie vielleicht noch 20 weitere Jahre für Vater und Mutter sorgen muss. Vor allem eine eventuelle Pflegebedürftigkeit fürchtet sie. Die Eltern könnten die Kosten für ein Pflegeheim von ihrem Vermögen wohl kaum zahlen, das Sozialamt könnte dann von Nitt Elternunterhalt verlangen. "Das macht natürlich Angst. Ich kann heute gerade so für meine Zukunft vorsorgen, aber nicht noch auch für sie ansparen", sagt Nitt.

Erst Mitte Februar hat der Bundesgerichtshof entschieden, dass Kinder die Heimkosten für ihre Eltern auch dann tragen müssen, wenn der Kontakt seit Jahren abgebrochen ist. Bei Nitt stand solch ein Bruch nie zur Debatte. Aber die Beziehung zu ihren Eltern leidet unter dem neuen Abhängigkeitsverhältnis. Wer jahrzehntelang im eigenen Unternehmen gewohnt war, selbst zu entscheiden, lässt sich nur ungern reinreden. Die Eltern wollen ihre Tochter außerdem nicht belasten, versuchen die Probleme kleinzureden. Einfacher macht es das für Nitt nicht. Oft muss sie zwischen dem Gesagten herauslesen, was eigentlich los ist.

Elend des Unterhaltsrechts

Es überfordert die mittlere Generation, wenn sie nicht nur die Erziehungs- und Ausbildungskosten für die Kinder, sondern auch noch die Pflegekosten für die Eltern tragen soll. Ein finanzieller Rückgriff des Staates stärkt nicht die Familie, er schwächt sie. Plädoyer für die grundlegende Reform des Verwandtenunterhalts. Ein Kommentar von Heribert Prantl mehr ...

"Es darf keine Bittsteller-Haltung entstehen"

Trotz allem ist die 41-Jährige aber auch stolz, dass sie es finanziell überhaupt schafft, ihren Eltern etwas abzugeben. Das hat sie letztendlich auch deren Erziehung zu verdanken, das weiß Nitt. Für sie erfüllt sich der Generationenvertrag: Ihr habt mich über Jahre unterstützt und umsorgt, nun tue ich das Gleiche für euch.

Ähnlich sieht das Maximilian Ziss, dessen Name ebenfalls in Wahrheit anders lautet. Er selbst hat zwar kein Problem mit dessen Veröffentlichung, möchte aber seine Mutter schützen. Nachdem sein Vater kurz nach dem Eintritt in die Frührente verstarb, bleiben ihr im Monat noch etwa 800 Euro.

Ziss überweist seiner Mutter alle vier Wochen einen festen Betrag, mehrere Hundert Euro zusätzlich. Er findet die Regelmäßigkeit am wichtigsten: "Es darf keine Bittsteller-Haltung entstehen. Sie muss mit dem Geld fest rechnen können." Mittlerweile redeten er und seine Mutter sehr offen über die Situation, von den gewohnten Rollenbildern hätten sie sich weitgehend befreit, sagt Ziss.

Marie Bauer und ihre Söhne dagegen verharren noch immer in diesen Vorstellungen. Das Verhältnis zwischen ihnen war ohnehin schon länger zerrüttet, die finanzielle Not der Mutter erdrückt es nun zusätzlich. Der gemeinnützige Verein Lichtblick, der in München Menschen in Altersarmut hilft, unterstützt Bauer mittlerweile beim Kauf ihrer Medikamente. Mit dem Verein unternimmt sie Ausflüge, oft essen sie gemeinsam. Die Menschen dort ersetzen für Bauer die Familie.

Denn auch wenn sie die Hochzeitsfotos der beiden Söhne noch immer gerahmt in ihrem Schrank aufbewahrt, Kontakt hat sie zu ihnen kaum noch. Meist sind es nur Anrufe an Geburtstagen oder Feiertagen, die ihr ab und an noch Einblicke in das Leben der Kinder gewähren. Dann werfen sie ihr meist vor, warum sie denn mit dem Verein noch immer so viel durch die Gegend fahre. Bauer hätte doch sowieso kein Geld - und wenn sie etwas habe, solle sie doch bitte ihnen, den Söhnen, etwas davon abgeben. So wie es sich eben gehöre.