Reden wir über Geld: Sexsklavinnen Somaly erzählt, wie ihre Tochter entführt und gerettet wurde

SZ: Wie viele Kinder werden in Kambodscha jedes Jahr verkauft?

Somaly: Zigtausende.

SZ: Wer sind die Kunden?

Somaly: Drei von vier Bordellbesuchern sind Kambodschaner. Aber die Ausländer sind es, die die kleinen Kinder missbrauchen. Seit Thailand strengere Gesetze hat, kommen immer mehr zu uns.

SZ: Werden die Pädophilen von ihren Heimatstaaten verfolgt?

Somaly: Die Europäer machen nicht genug, anders als die USA. Ein Amerikaner, der hier Kinder vergewaltigte, bekam 30 Jahre Knast. Sie schicken auch Leute her, um zu ermitteln. Ich meine: Ich kann nicht jedes Mal zehn Euro für ein Telefonat bezahlen, um Deutschland auf einen Pädophilen hinzuweisen.

SZ: Wie befreien Sie die Mädchen?

Somaly: Oft geben uns neue Mädchen Tipps. Wir schicken dann Mitarbeiter als Kunden getarnt in die Bordelle. Sie befragen die Mädchen, woher sie kommen und wer sie verkauft hat. Die Informationen geben wir der Polizei, die befreit die Mädchen und bringt sie zu uns.

SZ: Sie stören ein profitables Geschäft. Haben Sie Angst?

Somaly: Ja. 2004 wiesen wir die Polizei auf ein Hotel hin, in dem Mädchen als Zwangsprostituierte arbeiteten. Sie räumte das Hotel und brachte 89 Mädchen zu uns. Der Bordellbesitzer ließ daraufhin alle unsere Mädchen entführen und einige töten. 2006 wurde meine Tochter gekidnappt, während ich auf einer Tagung in Deutschland war. Sie war 14.

SZ: Um Gottes willen.

Somaly: Sie vergewaltigten sie und wollten sie an ein Bordell verkaufen.

SZ: Und dann?

Somaly: Wir wussten, dass entführte Kinder meistens nach Thailand, Malaysia oder Macau verkauft werden, damit die Verwandten sie nicht finden. Wir schickten ihr Foto an alle Grenzübergänge. Eine Woche hatten wir Zeit, das wusste ich. Danach wäre es zu spät gewesen. Nach vier Tagen fanden wir sie.

SZ: Haben Sie nicht überlegt aufzuhören, als Ihre Tochter entführt wurde?

Somaly: Nein. Es war schrecklich. Aber ich habe entschieden, die Angst nicht mein Leben regieren zu lassen.

SZ: Sina, haben Sie Angst, noch mal entführt zu werden?

Somaly: Sie ist zu alt für ein Bordell (beide lachen).

Sina: Nein, ich habe keine Angst. Ich bin ja schon gestorben.

SZ: Bitte?

Sina: Das hier ist nicht das Leben, das ich mir als Kind vorstellte. Ich bin im Bordell gestorben, seitdem fühle ich mich tot. Das Einzige, was ich noch mit meinem Leben machen kann, ist, anderen Opfern zu helfen. Sonst habe ich nichts.

Somaly: Verstehen Sie uns nicht falsch. Unser Leben ist trotzdem schön. Wissen Sie, wir lachen viel, wir weinen viel. Wir haben furchtbare Erinnerungen an das, was uns zugestoßen ist. Deshalb ist es das Beste, die ganze Zeit zu arbeiten und nicht nachzudenken. Wenn ich hier mit Ihnen rede, kommt mein altes Leben zurück.

SZ: Woher nehmen Sie eigentlich Ihren Antrieb?

Somaly: Die kleinen Mädchen im Zentrum sind glücklich, sie lachen, sie gehen zur Schule. Wenn ich ihnen was Süßes mitbringe, teilen sie es, ohne zu streiten. Wenn Sie es sehen könnten. Diese Mädchen sind das Beste in meinem Leben. Sie geben mir Licht. Ich habe das Gefühl, in ihrer Liebe zu baden. Ich habe jetzt Skype auf meinem iPhone. Und jetzt rufen sie den ganzen Tag an (lacht) ...

Sina: ...und mitten in der Nacht!

Somaly: Es ist so einfach, diese Mädchen zu lieben.

SZ: Viele Probleme der Menschen im Westen müssen Ihnen banal vorkommen.

Somaly Mam: Sina und ich waren mal bei einem Kongress in Washington und standen vor dem Coffee-Shop in der Schlange. Die Menschen schimpften, weil sie warten mussten. Wir lachten und fragten uns: Warum sind sie nicht glücklich? Sie leben in Amerika, sie haben Geld, sie sind frei...

SZ: ... und trotzdem unzufrieden.

Somaly: Das Leben ist nichts. Und es ist alles. Es kommt nur darauf an, wie Sie es leben. Bei uns im Zentrum gibt es ein HIV-positives Mädchen. Als sie zu uns kam, war sie vier. Der Doktor gab ihr noch sechs Monate. Sie und ich weinten bei der Diagnose. Aber dann haben wir gesagt: Vergessen wir die Zeit, machen wir aus jeder Stunde eine glückliche Stunde. Das war vor drei Jahren. Nun ist sie sieben, geht zur Schule, nimmt Medikamente und will leben. Ich weiß nicht, wie lange sie lebt. Aber auf jeden Fall hatte sie drei glückliche Jahre.

SZ: Schaffen es einige Ihrer Mädchen, trotz der Erlebnisse eine Beziehung aufzubauen?

Somaly: Ja, manche. Ich bringe ihnen bei, den Richtigen auszusuchen und sich nicht aussuchen zu lassen. So herum ist es besser. Und ich sage den Mädchen, dass sie ihr eigenes Geld verdienen sollen. Dann kann man zu jedem Mann Nein sagen, auch zum eigenen. Wir müssen alle umlernen. Wir Frauen dürfen uns nicht mehr als Sklaven verhalten und fühlen. Und Männer müssen lernen, dass sie nicht automatisch die Bosse sind. Wir haben nun ein Radio-Programm, in dem wir darüber sprechen, wie man respektvoll zusammenlebt. Oh mein Gott, wir reden uns den Mund fusslig (lacht). Aber es verändert sich etwas. Wir haben Hoffnung.

SZ: Für Sie ist es bestimmt auch schwierig, eine Beziehung zu führen.

Somaly: Nein, es ist nicht schwierig. Ich mache es einfach nicht mehr (lacht). Ich habe es versucht, ich habe geheiratet. Es war schlimm für meinen Mann. Er hat so gelitten. Wissen Sie: Ich sehe jeden Tag, wie diese Kinder misshandelt werden, wie Mädchen von Männern geschlagen und von ihrem eigenen Vater vergewaltigt werden. Da kann ich nicht nach Hause kommen und meinem eigenen Mann ins Gesicht schauen. Deshalb haben wir uns getrennt. Wissen Sie, ich mag Männer. Aber ich will ihnen nicht zu nah sein.

Auf dieser Website können Sie für die Stiftung von Somaly Mam spenden.