Reden wir über Geld: Henry Hübchen "Ich hatte nie eine Lebensstrategie"

SZ: Sie haben vor mehr als dreißig Jahren geheiratet und leben seit mehr als zehn Jahren mit einer anderen Frau zusammen. Sie haben sich aber nie scheiden lassen. Warum?

Hübchen: Mein Leben ist unordentlich in so vielen Punkten.

SZ: Schauspielerei ist nicht gerade ein geregelter Beruf. Hatten Sie mal Existenzängste?

Hübchen: Nein, in der DDR musste ich die nicht haben, da gab es den Vater Staat und ein verfassungsmäßiges Recht auf Arbeit. Um auf Ihr Thema zu kommen, ich hatte irgendwie auch immer Geld. Aber auch ein Staat kann pleitegehen.

SZ: Und nach der Wende?

Hübchen: Komischerweise nicht. Da hatte ich ja die harte D-Mark, zwar nur noch die Hälfte der Ersparnisse, aber immerhin hart. Mein festes Engagement an der Volksbühne war auch nicht flöten gegangen. Erst nach meiner zweiten Währungsreform, nach der Einführung des Euro, wurde mir klar, dass Geld ja nur Papier ist. Ein Versprechen auf werthaltige Einlösung, das in der Konsequenz natürlich nicht gehalten wird. Das sehen wir ja gerade, dass der Staatsbankrott keine Erfindung der Kommunisten ist. Jetzt bekommt der Kapitalismus so ein sozialistisches Element: Immer mehr Regulierung und Solidarität im eigenen und gemeinsamen Interesse. Ich bin gespannt, wie es ausgeht.

SZ: Sie haben ja in der DDR mal eine Pause vom Schauspielern gemacht und sind gleich Meister im Windsurfen geworden.

Hübchen: Ich habe keine Pause, ich habe nur weniger gemacht. Regisseure, die mich interessiert hatten, waren in den Westen gegangen. Ich bin durch meine Eltern mit dem Segelsport groß geworden. Das Windsurfen weckte meine Leidenschaft für Regatten wieder, und wenn ich an Wettkämpfen teilnehme, will ich auch Erster werden. Auf den Urkunden stand Brettsegeln, aber natürlich ist niemand gebrettsegelt. Alle surften.

SZ: Sind Sie ehrgeizig?

Hübchen: Ich weiß nicht. Sicher. Aber nicht übertrieben. Alles, was ich mache, will ich gut machen. Ich liebe das Gefühl, wenn mir etwas gelingt. Das heißt, ich muss es selbst als gelungen empfinden, unabhängig vom Beifall. Wobei Beifall mir das weniger Gelungene oder Misslungene auch schönfärbt. Ich will Beifall und keine Buhrufe, obwohl Buhrufe einen auch stärken, wenn man eine Überzeugung hat. In der DDR zum Beispiel war ein Aufführungsverbot auch so etwas wie ein Ritterschlag. Man bekam Aufmerksamkeit, die Westpresse war da, man wurde wichtig und hatte das Gefühl, ernst genommen zu werden. Welcher Künstler in Deutschland hat denn heutzutage das Gefühl einer staatspolitischen Wichtigkeit? Wer Geld hat, hat die Macht und interessiert sich nicht für Possenreißer.

SZ: Das heißt, Sie wussten, was Sie wollten?

Hübchen: Nein. Ich hatte nie eine Lebensstrategie. Mein Leben hat sich immer ergeben. Ich habe mir nie etwas vorgenommen. Ich bin ziellos, das fällt mir gerade wie Schuppen von den Augen.

SZ: Unzufrieden?

Hübchen: Nein. Wahrscheinlich ist die Ziellosigkeit der Grund dafür, dass mein Leben bisher ganz angenehm, auch mit Zieldurchgängen, verlaufen ist. Man muss die Ziele einfach erst nach dem Erreichen festlegen. Wenn ich mit achtzehn mir vorgenommen hätte, ich will nach Hollywood, hätte ich eine 99-prozentige Chance zu scheitern gehabt.

SZ: Dann wären Sie vielleicht immer noch in Magdeburg?

Hübchen: Oder arbeitslos wie viele Schauspieler. Aber vielleicht rede ich mir meine nicht vorhandene Strategie auch nur schön (lacht). Obwohl: Eine Konzeption erst nach der Tat festzulegen ist auch ein künstlerisches Prinzip. Man ist freier, schränkt sich nicht ein, und Zufall und Intuition werden produktive Verbündete. Ich könnte so viele verschiedene Sachen machen.

SZ: Aber dann müssten Sie sich entscheiden.

Hübchen: Ja, das ist das Problem. Vor allem wenn man mit einer gewissen Massenträgheit von Körper und Geist ins gewohnte breit gesessene Sofa gedrückt wird. Das wird ja im Alter nicht besser. Jedoch würde ich jedem playboymäßigen Rumscharwenzeln eine erfüllende, froh stimmende Arbeit vorziehen, die natürlich auch quälend sein kann. Aber was ist das Zauberwort in der Geldwirtschaft? Diversifizieren. Das gilt auch im Leben, viel Abwechslung. Dazu gehört natürlich auch ausgiebiger Müßiggang.