Reden wir über Geld: Henry Hübchen "Aufführungsverbot war ein Ritterschlag"

Henry Hübchen zählte schon in der DDR zu den bekanntesten Schauspielern und reüssierte auch nach der Wende. Er findet, dass man über Geld, Krankheiten und Kommunismus nicht redet - tut es aber doch. Ein Gespräch über Lebensziele, seine Entscheidungsschwäche und die Frage, ob er ein Playboy ist.

Interview: Alexander Hagelüken und Hannah Wilhelm

SZ: Herr Hübchen. Reden wir über Geld.

Schauspieler Henry Hübchen, 64: "Erst nach meiner zweiten Währungsreform, nach der Einführung des Euro, wurde mir klar, dass Geld ja nur Papier ist."

(Foto: dpa)

Henry Hübchen: Gut. Geld ist Macht und Macht ist Geld. Und wo das Geld aufhört, wird Neues erfunden, oder wir sind im Kommunismus. Meine Großmutter hat gesagt: Über Geld redet man nicht, das hat man. Später kam dazu: Über Krankheiten redet man nicht, die hat man. Über Kommunismus redet man übrigens auch nicht, den braucht man nicht. Nur als Teufelsecke, in die man jemanden schieben kann. Schon das Wort wird verteufelt aus Machtgründen, und so sind wir wieder beim Geld.

SZ: Kann Kommunismus denn funktionieren?

Hübchen: Natürlich nicht. Kommunismus ist eine Utopie, ein Grenzwert, wie in der Mathematik, den man nie erreicht: eine Gesellschaft ohne Geld und jeder nach seinen Bedürfnissen. So eine Art Schlaraffenland. Aber man könnte sich dem nähern wie dem globalen Klimaschutz. Das fällt natürlich schwer, wenn der "Tanz ums goldene Kalb" die erstrebenswerte Lebensform ist und wir uns nur über monetären Reichtum und Statussymbole definieren. Manchmal muss allerdings so ein Statussymbol wie zum Beispiel ein Porsche auch herhalten, um einen linken Politiker zu diffamieren. Ja, so widersprüchlich ist die Welt.

SZ: Fahren Sie denn Porsche wie Linken-Chef Klaus Ernst?

Hübchen: Nein. Aber ich tanze schon gern mal den Tanz ums goldene Kalb. Das letzte Auto hatte einen Totalschaden, und dann konnte ich mich nicht entscheiden, welches ich kaufen sollte. Dieses Überangebot von Marken! Jetzt miete ich immer irgendein Auto, und ich muss mich nicht entscheiden.

SZ: Sind Sie entscheidungsschwach?

Hübchen: Ja. Ich weiß nicht, ob das angeboren ist. Ich leide oft darunter. Daher entscheidet oft jemand anderes für mich. Das finde ich im ersten Moment gar nicht gut, hinterher bin ich dann aber ganz froh. Ich brauche Hilfe.

SZ: Wer hat entschieden, dass Sie Schauspieler werden?

Hübchen: Die Umstände. Da bin ich reingerutscht. Ich wollte in die Gegend, in die Gegend von Film, Theater, Studio, Bühne. Ich hatte als Kind Studioluft gerochen. Man hatte mich für eine Fernsehsendung ausgesucht. Ich wollte irgendwie dahin, aber nicht als Schauspieler. Eher wie Hans Hass über die Meere, und Filme drehen.

SZ: Aber zunächst haben Sie studiert?

Hübchen: Ja, um die Welt zu begreifen. Und vor allem, um ein Student zu sein. Ich habe Physik studiert, die Königin der Wissenschaften. Nach einem halben Jahr habe ich gemerkt: Kein Mensch studiert Physik, der nicht Physiker werden will, nur Schwachköpfe. Als neuer Mensch brach ich das Studium ab und kam ins Stolpern. Um von der Straße weg zu sein, die Gegend aber weiterhin im Visier, bin ich meiner Freundin gefolgt und habe mich an der staatlichen Schauspielschule in Berlin beworben. Die haben mich genommen. Und so kam ich ins Rutschen. In der DDR war garantiert, dass man nach der Schauspielschule ein Engagement an einem Theater bekommt, und so war das ein Selbstläufer, und ich rutschte immer weiter hinein. Ich stand dann in Magdeburg auf der Bühne und bin gar nicht mehr dazu gekommen, darüber nachzudenken, was ich will. Ich bin hängengeblieben und hatte einen schönen Beruf.

SZ: Sich für etwas zu entscheiden heißt ja auch, sich gegen etwas anderes zu entscheiden.

Hübchen: Deshalb bin ich kein Freund von Chartlisten: Das Schönste? Das Beste? Das Liebste?