Reden wir über Geld: Schafmeister "In dieser Branche haben alle Angst"

Schauspieler Heinrich Schafmeister über Existenzsorgen, Monate ohne Arbeit - und den besten Job der Welt.

Von A. Hagelüken und H. Wilhelm

Heinrich Schafmeister, 52, ist Schauspieler. Bekannt wurde er vor allem durch Fernsehfilme und seine Rolle in Joseph Vilsmaiers Kinoerfolg "Comedian Harmonists". Schafmeister kämpft seit Jahren für eine bessere soziale Absicherung seiner Kollegen - und verwaltet die Kasse des Schauspielerverbandes. Grund genug, um mit ihm über Geld zu reden. Bitte sehr.

SZ: Herr Schafmeister, reden wir über Geld. Was verdienen Schauspieler?

Schafmeister: Respekt.

SZ: Und außerdem?

Schafmeister: Sie meinen: Was bekommen Schauspieler? Sie bekommen sehr unterschiedliche Gehälter. In kurzer Zeit wahnsinnig viel, dann mal ein Jahr gar nichts.

SZ: Wir wollen Zahlen. Was haben Sie für "Comedian Harmonists" bekommen, einer der erfolgreichsten deutschen Filme der vergangenen Jahre?

Schafmeister: 150.000 Mark. Für vier Monate Arbeit. Das ist schon was Besonderes.

SZ: Aber?

Schafmeister: Naja. Danach war ein halbes Jahr gar nichts, wir zogen durch Deutschland, haben den Film vorgestellt, gefeiert. Das ist mit das Schönste bei Kinofilmen, aber Geld gibt es dafür natürlich nicht.

SZ: Aber danach waren Sie doch der große Star.

Schafmeister: Ich sage Ihnen mal was: Danach hatte ich eine Midlife Crisis ...

SZ: Wie bitte?

Schafmeister: Wir Schauspieler des Films waren damals auf einen Ball in Düsseldorf eingeladen und traten dort quasi als Vorgruppe von Joe Cocker auf. Danach tranken wir Champagner. Das war in der gleichen Halle, in die ich mit Anfang Zwanzig über den Blitzableiter eingestiegen bin, um ohne zu zahlen ein Joe Cocker-Konzert zu hören. Jetzt trat ich dort selbst auf und trank Champagner. Da dachte ich: Was soll jetzt noch kommen? Ich träumte davon, eine Wohnung in New York zu kaufen. Meine Frau dachte, ich spinne. Ich habe sie angeschrieen, wie im Wahn: "Wovon träumst Du, wovon?" Sie: "Dass wir zusammenleben in einer Höhle - mit einem Bär als Chauffeur." Damit hat sie mich zurück auf den Teppich geholt, die Midlife Crisis war beendet.

SZ: Na hoffentlich. Nach dem Film konnten Sie sich doch vor Aufträgen kaum retten, oder?

Schafmeister: Von wegen. Keiner hat angerufen, weil alle dachten, ich mach' nach dem großen Erfolg nur noch Kinofilme. Ich war so froh, als endlich eine Anfrage kam: "Herr Schafmeister, entschuldigen Sie, seien Sie bitte nicht beleidigt, wenn wir fragen, aber würden Sie für uns auch eine Gastrolle in einer Serie übernehmen?" "Das ist doch mein Beruf!", habe ich gesagt, "natürlich mache ich das."

SZ: Warten, hoffen, bangen: Sieht so der Arbeitsalltag aus?

Schafmeister: Normalerweise wartet man und wartet. Plötzlich kommen ein, zwei Drehtage, oder viele, manchmal auch gar nichts.

SZ: Ist Ihnen das schon passiert?

Schafmeister: Ja, ein Dreivierteljahr lang, als ich damals mein festes Engagement am Theater aufgab. Ich kenne keinen Schauspieler, der nicht immer wieder Existenzangst hat. Eine sehr bekannte Kollegin von mir hatte kürzlich eineinhalb Jahre lang keinen einzigen Drehtag. Ein anderer Schauspieler, sehr renommiert, ist plötzlich wie abgeschnitten. Nichts mehr. Jetzt spielt er Theater. Da verdient man nicht so viel, je nach Theater, manchmal nur 50 Euro pro Vorstellung. Und ist trotzdem glücklich, einfach weil man schauspielen darf.

SZ: Und Sie?

Schafmeister: Ich gehöre sicher zu den Privilegierteren. Aber wer weiß? Meine Glatze kommt durch, hübscher werde ich auch nicht.

SZ: Bis wann haben Sie Arbeit?

Schafmeister: Bis Ende des Jahres sieht es ganz gut aus. Als nächstes mache ich eine Kinderserie fürs Fernsehen. Danach spiele ich Theater in Hamburg.

SZ: Und dazwischen?

Schafmeister: Melde ich mich arbeitslos, obwohl ich kein Arbeitslosengeld bekomme. Es geht darum, die Rentenlücke zu verringern. Ja, wir leben im Sozialversicherungsdschungel! Wir werden für jeden Film extra angestellt und zwar nur für die Zeit, die wir gebraucht werden. Wir werden pro Drehtag bezahlt und manchmal auch nur pro Drehtag sozialversichert, fälschlicherweise. Das ist so, als wenn eine Sekretärin nur pro Brief angestellt würde, den sie tippt. Darum kriegen wir auch nie die Zeit zusammen, um Arbeitslosengeld I oder später eine angemessene Rente zu bekommen.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum es Heinrich Schafmeister peinlich ist, auf das Arbeitsamt zu gehen - und wie er zu seinem Beruf steht.