SZ: Sie halten die Bundesrepublik nicht für demokratisch?

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Wagenknecht: Sie können heute das Parlament wählen, aber die Entscheidungen, die in den Zentralen der Dax-Konzerne fallen, sind von ungleich größerer Relevanz. Und wie groß ist die Freiheit eines Hartz-IV-Empfängers, der damit rechnen muss, dass überprüft wird, ob er um 18 Uhr am Abend auch zu Hause ist?

SZ: Wenn Sie die DDR meinen, sagen Sie "wir" und "uns". Von der Bundesrepublik reden Sie in der dritten Person.

Wagenknecht: In Ost wie West sagen die meisten "bei uns", wenn sie das Land meinen, in dem sie aufgewachsen sind. Aber richtig ist, dass ich mich mit den heutigen Machtverhältnissen nicht identifiziere.

SZ: War der Mauerbau richtig?

Wagenknecht: Sozialismus muss so attraktiv sein, dass man die Leute nicht einmauern muss. Ob die Mauer unter den damaligen Bedingungen vermeidbar war, mögen Historiker entscheiden. Fakt ist, dass darüber nicht primär in Berlin, sondern vor allem in Moskau und Washington entschieden wurde.

SZ: In Washington? Das glauben Sie doch selbst nicht. Was verdienen Sie eigentlich als Europa-Abgeordnete?

Wagenknecht: 7000 Euro brutto. Davon gehen Steuern und 1300 Euro Spenden im Monat ab. Wichtiger ist aber, ob man mit dem Parlamentsmandat seinen Lebensstil verändert. Ich wohne noch in meiner ersten Wohnung und habe kein Auto. Nicht aus Askese, sondern weil mir andere Dinge wichtiger sind. Ich habe früh eigenes Geld verdient.

SZ: Wie?

Wagenknecht: Als Jugendliche habe ich in den Ferien Post ausgetragen oder Tomaten geerntet. Letzteres war eine nachhaltige Erfahrung. Nach dem ersten Tag konnte ich nicht mehr stehen und sitzen. Ich verstehe jeden, der heute nicht bereit ist, für einen Hungerlohn Spargel zu stechen.

SZ: Bei Ihrem Gehalt können Sie jeden Monat 1000 Euro zurücklegen. Kaufen Sie Aktien?

Wagenknecht: Nein, denn dann müsste ich mich freuen, wenn Firmen Leute rauswerfen, dann steigt ja der Kurs.

SZ: Aktien sind doch das Eigentum an Produktionsmitteln, der Weg zur Macht. Bei der Hauptversammlung der Deutschen Bank könnten Sie die Geschäftspolitik kritisieren.

Wagenknecht: Herr Ackermann wird sich totlachen, wenn ich mit Aktien im Wert von ein paar tausend Euro seine Geschäftspolitik mitbestimmen will.

SZ: Wenn das viele Millionen Deutsche machen würden, dann nicht.

Wagenknecht: Viele Millionen wissen nicht, wie sie angesichts sinkender Realeinkommen ihren bisherigen Lebensstandard aufrechterhalten können. Sie haben andere Sorgen, als im großen Stil Aktien zu kaufen. So kann man den Kapitalismus nicht bezwingen.

SZ: Vielleicht ist der Marxismus eine Illusion. Hatten Sie nie Zweifel?

Wagenknecht: Nein. Die Welt von heute zeigt doch, wie aktuell Marx ist. Auch die Finanzmarktkrise wurzelt letztlich in Widersprüchen des Kapitalismus. Eine Illusion ist, dass entfesselte Märkte zum Gleichgewicht führen. Hier ist Marx viel aktueller als die moderne Mainstream-Ökonomie.

SZ: Selbst in Ihrer Partei waren Sie meist eine linke Randerscheinung. Haben Sie darunter gelitten?

Wagenknecht: Als Randerscheinung säße ich weder im Parteivorstand noch im Europaparlament. Auch bei Veranstaltungen bekomme ich in der Regel ziemlich viel Zuspruch.

SZ: Ihr eigener Parteichef Lothar Bisky nannte Sie einst die Njet-Maschine. Und: die Frau mit den kalten Augen.

Wagenknecht: Das ist lange her.

Sahra Wagenknecht wird 1969 in Jena als Tochter einer Deutschen und eines Iraners geboren. Ihren Vater lernt sie nie kennen. Sie wächst in Ostberlin auf, studiert Philosophie und tritt ein halbes Jahr vor dem Mauerfall 1989 in die SED ein. Sie leitet zusammen mit anderen Genossen die Kommunistische Plattform der Linkspartei und sitzt seit 2004 im Europaparlament. Wagenknecht ist Mitglied des Parteivorstandes der Linken und denkt darüber nach, auf dem Parteitag im Mai als Vize-Chefin zu kandidieren.

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(SZ vom 25.04.2008/mel)