Reden wir über Geld: Franz Xaver Kroetz "Ich bin ein Star, ihr könnt mich mal"

Der Dramatiker Franz Xaver Kroetz war schon früh sehr erfolgreich - und sehr links. Erst trat er in die DKP ein, dann fuhr er mit seinem Mercedes zu den Parteitagen. Er spielte Baby Schimmerlos in Kir Royal und wurde noch populärer. Ein Gespräch über Geld, Aufmerksamkeit und Porno-Drehbücher.

Interview: Alexander Hagelüken und Alexander Mühlauer

Franz Xaver Kroetz streift durch den Garten seines Elternhauses in München-Obermenzing. Damals zahlte sein Vater 40.000 Mark, jetzt ist es eine Million Euro wert. Wie die Zeit vergeht. Im Fall von Kroetz, 65, brachte die Veränderung eher Negatives. Seit Jahren ist es still geworden um ihn, der in den Siebzigern mit seinen sozialkritischen Stücken der meistgespielte und meistverdienende deutsche Dramatiker war. Heute kennen ihn die Leute höchstens wegen seiner Rolle als Klatschreporter Baby Schimmerlos in der Kultserie "Kir Royal". Glaubt er. Kroetz sitzt in der Stube seines Elternhauses im Ohrensessel. Draußen geht langsam die Sonne unter. Es wird dunkel in der Stube, so dunkel, dass sein Gesicht kaum mehr zu erkennen ist.

SZ: Herr Kroetz, reden wir über Geld. Sie haben ganz früh ganz viel verdient...

Franz Xaver Kroetz: ... ja, da habt's recht. Mit 28 hab' ich einen Bauernhof gekauft, der hat 160.000 Mark gekostet. Mein Verleger Siegfried Unseld war großzügig und gab mir 50.000 Vorschuss.

SZ: Und den Rest haben Sie geliehen?

Kroetz: Na, das Geld hatte ich. Zwei Jahre vorher hatte ich schon eine Jagdhütte für 50000 Mark gekauft. Das war ein Fehler, ich hab' zu viel bezahlt. Das hat mich zehn Jahre lang geärgert. Beim Geld werd' ich fuchsig. Meine alte Saftpresse ist nach 20 Jahren kaputtgegangen, da hab' ich mir heute für 24,95 eine neue gekauft. Das fiel mir schwer.

SZ: Sie waren 23, als Ihr erstes Stück "Heimarbeit" an den Münchner Kammerspielen Premiere hatte und Sie über Nacht bekannt wurden. Wie war das?

Kroetz: Des war scho a Wahnsinn, auch des viele Geld, nach den harten Jahren davor. Ich hatte vorher 40 oder 50 Absagen. Ich hab' ja schon mit 15 geschrieben wie ein Irrsinniger, hier unten im kalten Keller. Ich hab' mich abends angezogen, weil es so kalt war, nicht ausgezogen. Dann bekamen wir eine Untermieterin, mit der konnte ich was anfangen, da zog ich nach oben.

SZ: Wie fanden es Ihre Eltern, dass Sie wie ein Wahnsinniger schrieben?

Kroetz: Mein Vater hatte eine Pension hinterlassen, die nicht reichte. Meine Mutter sagte immer: "Franzl, du musst arbeiten! Schreiben möcht' a jeder."

SZ: Und, haben Sie gearbeitet?

Kroetz: Zwischen 18 und 25 hatte ich zehn Berufe. Bauarbeiter, Lagermeister, Fahrer in der Großmarkthalle, so was.

SZ: Wie war die Arbeitswelt damals?

Kroetz: Eine gute Welt. Mein Gott, was haben wir mit den Italienern gelacht! Nur bei der Gärtnerei hörte ich auf, weil ich Unkraut jäten musste. Da hab' ich nach drei Tagen gesagt: Ihr könnts mich am Arsch lecken.

SZ: Sie arbeiteten fünf Jahre im Proletariat. Wurden Sie Kommunist, weil Sie es befreien wollten?

Kroetz: Nein, am Bau waren wir zufrieden. Ich bin in die DKP eingetreten, weil ich mich nicht vereinnahmen lassen wollte von dieser Kultur-Bourgeoisie.

SZ: Was war so schlimm an denen?

Kroetz: Mit den italienischen Gastarbeitern war es offen und ehrlich. Dann kamen diese Kulturmenschen, diese Unselds und Everdings. Die waren abgehoben, die betütelten mich. Durch den Eintritt in der DKP konnte ich sagen: Ich bin keiner von euch!

SZ: Hat das funktioniert?

Kroetz: Nicht wirklich. Aber die Theater umarmten mich: ein junger Kommunist! Das förderte meine Karriere.

SZ: Sie verdanken Ihre ersten Immobilien Ihrem Eintritt in die DKP?

Kroetz: Ja, vielleicht. Ich wär' auch in die RAF eingetreten damals, aber die stand nicht im Telefonbuch. Es war eine wilde Zeit. Ich hab' alles beobachtet ...

SZ: ... und als Kommunist sehr viel verdient. Haben Sie geteilt?

Kroetz: Ja sonst noch was! Ich kaufte mir einen Mercedes und fuhr damit zu den Parteitagen. Die haben gemault, da sagte ich: "Ich bin ein Star, ihr könnt mich mal." Die wussten schon, was sie an mir haben. Meine Mutter war entsetzt: "Mein Gott, Franzl, wenn du Kommunist wirst, enterbe ich dich!" Ich protestierte gegen das kleinbürgerliche faschistoide Klima, in dem ich aufwuchs.

SZ: Ihr Vater war Nazi?

Kroetz: Ja, selbstverständlich.

SZ: Wie bitte?

Kroetz: Ich sag' so: Wenn Ernst Jünger kein Nazi war, dann war mein Vater auch keiner. Er war Bahnhofsvorsteher in der Ukraine. Ich möchte gern wissen, wie oft mein anständiger, liebenswürdiger Vater vielleicht stolz darauf war, einen Transport mit Menschen pünktlich aus seinem Bahnhof herauszubekommen. (Er stockt.) Also, ich trink' ein Weißbier, und ihr? (Er erhebt sich aus seinem Ohrensessel und holt drei Flaschen.)

Kir Royal

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SZ: Was verdient ein Theaterautor?

Kroetz: Es gibt eine Vereinbarung zwischen Theatern und Bühnenverlegern. Bei großen Häusern gibt es 1600 Euro pro Abend für den Autor. Man kann sehr gut verdienen. Auch heute noch.

SZ: Aber Ihre Stücke werden kaum noch gespielt.

Kroetz: Ja, ich bin heute vergessen. Man spielt mich nicht mehr.

SZ: Wovon leben Sie denn?

Kroetz: Ich verdiene über 100.000 Euro im Jahr. Ich spiele jedes Jahr in einem Film mit und von den 60 Stücken, die ich geschrieben habe, sind zehn Welterfolge.

SZ: Es gab Jahre, da haben Sie bestimmt eine Million verdient ...

Kroetz: ... eine nicht, aber eine halbe.

SZ: Von 1970 bis 1990 wurden Sie viel gespielt. Dann nicht mehr. Warum?

Kroetz: Geschadet hat mir als Bühnenautor sicherlich "Kir Royal"...

SZ: ... die Kultserie von Helmut Dietl, in der Sie den Klatschreporter Baby Schimmerlos spielten...

Kroetz: ... das war anfangs keine Kultserie. Viele sagten: Mei, der Kroetz, was macht'n der? Jetzt macht er Boulevard!

SZ: Aber Sie waren doch populär. Jeder erkannte Sie, jeder liebte den Baby.

Kroetz: Aber nicht am Theater. Ich hab's noch schlimmer gemacht, indem ich für die Bild-Zeitung geschrieben hab! Dabei zahlten die eh schlecht.

SZ: Warum haben Sie das gemacht?

Kroetz: Ich arbeitete zwei Jahre an einem Gedichtband. 480 Exemplare wurden verkauft. Ich dachte: Kein Schwein liest dich, da schreibst halt für die Bild.

SZ: Sie waren schon immer sensibel, was den Applaus angeht. Sie protestierten dagegen, dass Sie niemand mehr wahrnahm.

Kroetz: Ich hab' die Linken vor den Kopf gestoßen. Eine Erlösung! Klaus Staeck, der Präsident der Akademie der Künste, sagte, ich sei der Höhepunkt der intellektuellen Heuchelei. Mei, den Hang zum Unappetitlichen, den hab' ich.

SZ: Wie hat der sich noch geäußert?

Kroetz: Ich hab' das Drehbuch zu einem Porno geschrieben. Gott sei Dank. Sonst wär' ich ja langweilig geworden.

SZ: Was kriegt man da?

Kroetz: Über Honorare spreche ich nicht. Ich würde aber gerne einen Porno schreiben, wo Leute nur reden. Die gegenseitigen Vorwürfe führen zu sexuellen Höchstleistungen. Ich glaub', der Film wird nie gemacht, weil die einschlägigen Schauspieler sich keine langen Texte merken können (lacht).

Rotkäppchen Royal

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