Reden wir über Geld: Bechtolsheim "Wie bei den Buddenbrooks"

Finanzberater Christian von Bechtolsheim über Unternehmerfamilien, verprasste Vermögen und seine Erziehung.

Interview: A. Hagelüken und H. Wilhelm

Christian von Bechtolsheim, 49, empfängt auf dem Gut seiner Frau im sehr ländlichen Oberbayern. Der Vermögensberater entstammt einem alten Adelsgeschlecht und ist mit Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg verwandt. Der richtige Mann für ein Gespräch über Adel und Geld. Später gibt es Bauernomelette mit Spinat aus dem Garten, zubereitet von der Frau Baronin.

SZ: Sie heißen Christian Lothar Ludwig Hugo Wilhelm Maria Reichsfreiherr von Mauchenheim, genannt Bechtolsheim. Nennt Sie wirklich jemand so?

Bechtolsheim: Nein. Das steht auch auf keiner Einladung. Da steht immer Baron. Am Telefon sage ich nur Bechtolsheim.

SZ: Ihre Familie ist wie alt?

Bechtolsheim: 900 Jahre.

SZ: Sie sind ein direkter Nachfahre der Fugger, der für lange Zeit reichsten Kaufmannsfamilie Europas. Hat es biographische Gründe, dass Sie Vermögensberater geworden sind?

Bechtolsheim: Ich fand den Umgang mit Geld früher scheußlich. Ich bin überhaupt kein Spekulant. In der Geschichte meiner Familie ist x-mal Vermögen verloren worden. Mich interessiert, was man machen muss, um es zu erhalten - oder neu aufzubauen, was bei mir notwendig war.

SZ: Und was muss man tun?

Bechtolsheim: Sich nicht einseitig ausrichten. Unser Vermögen ist unter anderem dadurch vernichtet worden, dass mein Großvater im Glauben an sein Vaterland im Ersten Weltkrieg eine Million Goldmark in Kriegsanleihen gesteckt hat. Die gesamte Mitgift meiner Großmutter hat er in Kriegsanleihen investiert.

SZ: Die Mitgift! Wir können uns vorstellen, was da zu Hause los war.

Bechtolsheim: Ja. Dann kam die Hyper-Inflation 1923, und dann hat die Familie auch noch zu einem ungünstigen Zeitpunkt nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Grundstücke in München verkauft. In der Kaulbachstraße in Schwabing stand das Palais der Familie.

SZ: Heute sehr viel wert.

Bechtolsheim: Und die haben das Grundstück für 50.000 Mark verkauft.

SZ: Oh Mann, Ihr Großvater hat's vergeigt.

Bechtolsheim: Und er hat nicht mal darüber nachgedacht. Für ihn und meine Großmutter waren andere Dinge wichtiger. Geld war so selbstverständlich, dass man gar nicht darüber nachgedacht hat. Nach all den schlechten Geschäften mit Kriegsanleihen und Immobilienverkäufen lebten meine Großeltern in den fünfziger und sechziger Jahren in München unter schwierigen Verhältnissen. Da gab es nicht mal eine richtige Küche. Meine Großmutter hat auf einer Heizplatte gekocht. Sie lud ihre adeligen Freundinnen trotzdem zum Tee ein.

SZ: Auf Silber serviert?

Bechtolsheim: Genau so.

SZ: Gingen sie so schlecht mit Geld um, weil sie adelig waren?

Bechtolsheim: Weil sie es nie gelernt haben. Auch mein Vater nicht, der ist nie auf Broterwerb hin erzogen worden. Der Grundgedanke bei der Erziehung war: Dass das Vermögen schon ausreichen wird. Tat es aber nicht.

SZ: Und dann?

Bechtolsheim: Er hat es irgendwie geschafft, über die Runden zu kommen. Er konnte sehr gut Englisch und arbeitete für die Amerikaner. Später hat ihm der Schwiegervater eine Ausbildung bei Grundig besorgt, aber als er ein halbes Jahr später dort anrief, um zu fragen, wie sich der Schwiegersohn macht, stellte sich raus: Mein Vater ist lieber auf den Tennisplatz gegangen als zu Grundig. Als Vater war er ein Traum, beruflich allerdings nicht sehr realitätsbezogen.

SZ: Wie hat Ihr Vater Geld verdient?

Bechtolsheim: Zeitweise bei einem Freund im Autohandel. Er hat aber auch viele Jahre gar nichts gemacht.

SZ: Und wo kam das Geld her?

Bechtolsheim: Meine Mutter hatte ein bisschen was, mein Vater hatte auch noch ein bisschen was. Und das zusammen reichte irgendwie. In Bayern nennt man das einen Dreiquartelprivatier: Drei Viertel haste schon irgendwie, und das letzte Viertel muss man noch irgendwie dazuverdienen.

SZ: Wie wurden Sie erzogen?

Bechtolsheim: Durch die Unzufriedenheit, die in meinem Elternhaus herrschte, war bei mir von Anfang an klar: Bub, lern etwas Gescheites.

SZ: Und wieso Vermögensberater?

Bechtolsheim: Mich interessiert, was im Crash 1929 abgelaufen ist und ob man daraus lernen kann. Ich finde es spannend zu versuchen, dass wir bei unserer Vermögensberatung Focam etwas klüger agieren als andere Marktteilnehmer.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, was Christian von Bechtolsheim an Unternehmensfamilien besonders findet - und warum die dritte Generation häufig alles verprasst.