Anlagebetrug Riesenrazzia gegen Börsentrickser

Möglicherweise wurden an den Börsen Kleinanleger reihenweise abgezockt. Die Münchner Staatsanwaltschaft hat 31 Personen im Visier. Pikant ist, dass bei einer Razzia wohl auch die Räume der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger durchsucht wurden. Wurde aus den Reihen der Anlegerschützer mitgetrickst?

Lange Ermittlungen, über Jahre hinweg, dann kam am Dienstag die große Razzia: Die Münchner Staatsanwalt geht dem Verdacht von Kursmanipulationen an den Börsen in großem Stil nach. Bei einer Durchsuchung von 48 Büros und Privatwohnungen in Deutschland und Österreich suchten die Ermittler am Dienstag dieser Woche nach Beweisen gegen 31 Geschäftsleute, die an den Aktienmärkten illegal Gewinne in Millionenhöhe eingestrichen haben sollen.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Geschäftsleute, die an den Aktienmärkten illegal Gewinne in Millionenhöhe eingestrichen haben sollen.

(Foto: ddp)

Oberstaatsanwältin Barbara Stockinger bestätigte auf Anfrage, dass ein Verfahren wegen Marktmanipulation und Insiderhandel bei insgesamt 20 Aktiengesellschaften laufe. Die Beschuldigten sollen durch die Verbreitung von Gerüchten via Internet und über andere Medien die Kurse der Unternehmen hochgejubelt oder heruntergeredet haben - ohne zu erkennen zu geben, dass sie selbst Aktien dieser Firmen besitzen. An den Kursausschlägen sollen die Geschäftsleute dann kräftig verdient haben.

Im Fokus der Ermittlungen steht dabei nach Informationen der Financial Times Deutschland der organisierte Betrug mit Penny-Stocks aus Nordamerika, also mit Aktien, die nur wenige Cents oder gar Cent-Bruchteile wert sind.

Aktien von 20 verschiedenen Gesellschaften

Ihr Vorteil: Sie werden bereits am Finanzmarkt gehandelt, darum ist der sogenannte Börsenmantel für Betrüger interessant. Solche Börsenmantel, die es vor allem in den USA zu Tausenden gibt, werden gekauft, umbenannt und im Freihandel der Frankfurter Börse zugelassen. In diesem Börsensegement können Firmen tun und lassen, was sie wollen - es gelten nicht die Zulassungsbedingungen wie etwa im amtlichen Handel, in dem beispielsweise die Dax-Werte notieren.

Später werden die Kurse etwa mit entsprechend gestalteten Internetpräsenzen der Aktiengesellschaften oder Einträgen in einschlägige Börsenblogs in die Höhe getrieben. Dann machen die Betrüger Kasse.

Dem Vernehmen nach soll die Razzia erfolgreich gewesen sein. Es sollen mehrere Belege für die Vorwürfe gefunden worden sein. Das Ermittlungsverfahren läuft bereits seit mehreren Jahren, erste Durchsuchungen hatte es schon vor zwei Jahren gegeben.

Drei Beschuldigte sitzen nach Angaben der FTD bereits in Untersuchungshaft. Durchsucht wurden auch die Geschäftsräume der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger in München (SdK). Auf Anfrage von sueddeutsche.de bestätigte SdK-Pressesprecher die Durchsuchung. Er verwahrte sich aber gegen den Eindruck, dass die SdK etwas mit Penny-Stocks zu tun habe. Die SdK warne vor diesen Papieren seit 15 Jahren - das sei ihr einziger Bezug dazu.

Affären um Wirecard und Thielert

Die Durchsuchung habe vielmehr in Zusammenhang mit den Affären um die Unternehmen Wirecard und Thielert aus den Jahren 2006 bis 2008 gestanden.

Das ehemalige SdK-Vorstandsmitglied Markus Straub hatte 2008 dem im Aktienindex TecDax notierten Bezahldienstleister Wirecard öffentlich Bilanzmanipulation vorgeworfen. Zugleich wettete er zusammen mit anderen Personen privat auf fallende Kurse der Aktie. Straub war darauf hin aus dem SdK-Vorstand ausgeschieden. Ob Straub nun zu den jetzt Inhaftierten gehört, ist bislang nicht bekannt. Er wisse nicht, wer in Haft genommen worden sei, sagte der Sprecher.

Zum Fall Thielert könne er nur sagen, dass die SdK Recht behalten habe, betonte er. "Das war praktizierter Aktionärsschutz." Die SdK hatte 2006 vor einem Investment in Aktien des damals im SDax notierten Flugzeugmotorenherstellers Thielert gewarnt.

Grund der Warnung war damals eine anonyme Strafanzeige, die bei den Gerichten in Hamburg und Chemnitz eingegangen war, in der dem Unternehmen vorgeworfen wurde, durch fiktive Umsätze und Aktivierung von Forderungen eine falsche und deutlich zu positive Unternehmensdarstellung erzeugt zu haben. Die Thielert-Verantwortlichen täten sich sehr schwer, diese Vorwürfe zu entkräften, warnte die SdK damals.

Nach dieser Warnung ging der Kurs der Thielert-Aktie auf Talfahrt. Später musste das Unternehmen Insolvenz anmelden. Tatsächlich wurden anschließend mehrere Thielert-Bilanzen gerichtlich für nichtig erklärt. Warum dieser Fall nun aber immer noch Gegenstand von Ermittlungen ist, begründete die SdK nicht konkret.