Moody's und die Banken Eine denkwürdige Warnung

"Too big to fail" - dieser Satz hat die Regierungen in den USA und Europa viele Milliarden gekostet. Weil sie sich nicht trauten, Banken in die Pleite zu schicken. Doch Moody's sagt nun, dass das künftig anders sein könnte. Die Anleger sind entsetzt. Aber es ist der richtige Ansatz.

Ein Kommentar von Hans von der Hagen

Noch vor wenigen Monaten geisterte ein verhängnisvoller Satz durch die Medien. Er hieß: "Als wäre nichts gewesen."

Das war die Zeit, als in den Investmentabteilungen der Banken kurz nach der Krise wieder das große Geld gescheffelt wurde und die Boni für die Finanzhasardeure in Strömen flossen. Als plötzlich jene Institute wieder glänzend dastanden, die mit den großen Risiken spielten - und biedere Banken erneut die Langweiler waren.

Die Bemühungen um eine Umgestaltung der Finanzbranche schienen verpufft zu sein, zu erfolgreich hatten offenbar die Lobbiysten der Banken dagegengehalten.

Und doch gibt es nun ein kleines Indiz dafür, dass sich sogar etwas ganz Entscheidendes getan haben könnte. Dieses Signal sendet die Ratingagentur Moody's aus. Sie stufte mehrere große Banken in den USA herab. Die Begründung war, dass sich Washington künftig sträuben könnte, Banken in Existenznot zu retten. Zwar geht Moody's davon aus, dass die Regierung auch weiterhin wichtige Finanzfirmen unterstützen würde, doch die Wahrscheinlichkeit sei gewachsen, dass sie das Scheitern eines großen Instituts tolerieren könnte. Starke Worte, die an der Börse bei Bankaktien zu erheblichen Kursabschlägen führten.

2008 mussten zahlreiche Finanzinstitute von der US-Regierung aufgefangen werden. Nur einmal ließ es Washington darauf ankommen - bei Lehman Brothers. Eine Pleite dieser Investmentbank schien zunächst überschaubar zu sein - ideal, um ein Exempel zu statuieren.

Am Ende wurde aus dem Exempel das kostspieligste Experiment der Geschichte - und der komplette Bankensektor regelrecht schockgefrostet. Allerorten herrschte Misstrauen, jede Bank galt als möglicher Wackelkandidat. Weil die Folgen der Pleite seinerzeit außer Kontrolle gerieten, gilt längst wieder die unausgesprochene Garantie des Staates: Die großen Institute dürfen nicht fallengelassen werden, darauf sollen sich alle verlassen dürfen.

Es ist eine verhängnisvolle Einladung zum fröhlichen Laissez-faire - nicht nur für die Banken. Auch die Investoren wissen, dass die Wahrscheinlichkeit für den Zusammenbruch eines systemrelevanten Instituts sehr gering ist - und legen ihr Geld entsprechend an. So profitieren sie von den Gewinnen, ohne den Totalverlust fürchten zu müssen.

Es gab allerdings im vergangenen Jahr eine Neuerung, die zumindest Moody's nun beeindruckt hat: Den "Dodd-Frank-Act". Dieses US-Gesetz wurde 2010 verabschiedet - es war die bislang weitreichendste Reaktion des amerikanischen Gesetzgebers auf die Finanzkrise. Der "Dodd-Frank-Act" will Banken stärker in die Pflicht nehmen, ihre Verantwortlichkeit erhöhen, um das "Too-big-to-fail"-Dilemma zu durchbrechen. Zudem ist darin das Prozedere einer geordneten Bankenabwicklung festgelegt.

Die Finanzwelt nimmt das Gesetz nicht sonderlich ernst: Noch immer mag nach den Erfahrungen mit Lehman kaum einer glauben, dass die Regierung heute anders handeln und eine Pleite zulassen würde. Doch Moody's tut es und das hat jetzt sichtbare Konsequenzen, auch für die, die nicht daran glauben wollen: Die Schulden von der Bank of America, von Wells Fargo und der Citigroup gelten mit der Herabstufung des Ratings als riskanter. Für Anleger ist das ein Warnsignal, gerade jetzt, wo die Gefahr einer Rezession groß ist: Moody's zwingt sie förmlich, sich mit der Frage nach dem "too-big-to-fail" zu beschäftigen und ihr Geld anders als bisher zu investieren.

Noch mehr gilt das für die Banken untereinander. Die Möglichkeit, dass eine große Bank ausfallen könnte, galt in der Kreditwirtschaft als unvorstellbar. Darum gab es am Ende den großen Schock. Künftig aber müssen die Banken einen solchen Fall einkalkulieren und die Geschäftsmodelle entsprechend umstellen.

Das würde einige Zeit brauchen - doch wenn es passiert, wird es einmal in den Schlagzeilen heißen: "Nichts ist, wie es war" - und Max Frisch hätte zurecht gesagt: "Krise ist ein produktiver Zustand. Man muß ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen."