Milchwirtschaft in Norwegen Ein Kilo Butter? 60 Euro!

Ausgerechnet zu Weihnachten ist Backen in Norwegen praktisch unmöglich: Es herrscht akuter Buttermangel. Hauptanbieter Tine hat Fehler bei der Berechnung des Butterbedarfs gemacht - jetzt sind die Regale leer. Auf dem "Schwarzmarkt" werden inzwischen Wucherpreise verlangt.

Von Gunnar Herrmann

Das Backrezept auf der Webseite des norwegischen Molkereiriesen Tine muss auf Verbraucher wie Hohn wirken. Unter der Rubrik "Weihnachtsversuchung" steht dort die Bauanleitung für ein "gemütliches Pfefferkuchenhaus". Lecker sieht es aus, knusprig. "Selbst die Hexe aus Hänsel und Gretel würde neidisch werden", verspricht der Werbetext. Tatsächlich müsste die Hexe sich wohl keine Sorgen machen. Denn wo sollen 125 Gramm Butter herkommen, die laut Rezept für den Pfefferkuchenteig benötigt werden? In Norwegen herrscht seit Wochen akuter Buttermangel. Die Regale der Supermärkte sind leer. Hauptanbieter Tine kann nicht liefern. Am "Schwarzmarkt" werden inzwischen horrende Preise verlangt, 20 Euro und mehr für ein Kilogramm.

Die Suche nach dem Schuldigen läuft. Das ist schwierig, denn die Milchwirtschaft ist kein simples Wechselspiel von Angebot und Nachfrage, sondern ein kompliziertes Puzzle aus Paragraphen, Quoten und Zollvorschriften. Da gibt es viele Köche, die den Reisbrei verderben können, der in Norwegen an Weihnachten traditionell mit Schlagsahne zubereitet wird. Und die werde wahrscheinlich auch bald knapp, prophezeite die Zeitung Aftenposten am Freitag.

Eine zentrale Rolle in der Butterkrise kommt jedenfalls Tine zu, darin sind sich alle einig. Das Genossenschaftsunternehmen ist nicht nur mit Abstand größter Hersteller von Milchprodukten in Norwegen. Es hat auch eine vom Staat übertragene Funktion als Marktregulierer: Tine soll Versorgungssicherheit im ganzen Land garantieren.

Ein Sprecher meint, es sei bedauerlich, dass das diesmal nicht richtig geklappt habe. Man habe Fehler bei der Berechnung des Butterbedarfs gemacht. Doch sei der Mangel auf eine "Kombination von mehreren Faktoren" zurückzuführen. "Es hat in diesem Jahr viel geregnet, darum wurde weniger Milch produziert als erwartet. Gleichzeitig ist die Nachfrage stark gestiegen." Die Norweger würden offenbar einfach mehr fettige Produkte als früher essen. Man habe das zwar erwartet und deshalb 1000 Tonnen mehr Butter produziert als im Vorjahr, doch das reichte nicht.

Das Nachbarland Schweden reagierte mit der für Weihnachten typischen Mischung aus Nächstenliebe und Kommerz auf die Sorgen der Norweger. Die Stockholmer Boulevardzeitung Aftonbladet etwa schickte einen Reporter nach Oslo, der als Wichtel verkleidet schwedische Butter an Passanten verschenkte. Im Internet blüht unterdessen der "Schwarzhandel". So finden sich auf der Kleinanzeigenseite Blocket.se gut 40 Angebote von Privatpersonen aus Schweden, die gerne Butter per Post oder mit dem eigenen Auto über die Grenze liefern würden, für 20 bis 60 Euro pro Kilo.

Oslo senkt Butterzoll

Gute Ratschläge erteilt man dem kleinen Bruder nebenan dagegen umsonst. Vor einigen Monaten gab es nämlich in Schweden auch eine Butterknappheit. Das EU-Land importierte daraufhin einfach mehr Butter aus dem südlichen Europa. Eine gute Lösung, die im Nicht-EU-Land Norwegen mit seinen Schutzzöllen freilich schwieriger umzusetzen sei, wie schwedische Politiker und Journalisten derzeit oft anmerken.

Wobei solche Kommentare nicht immer frei von Schadenfreude sind. "Der Buttermangel in Norwegen beruht auf extrem hohen Zöllen für diese Art von Waren. Das ist protektionistisch und so etwas wird immer bestraft", twitterte Schwedens Handelsministerin Ewa Björling. "Schafft die Zölle ab, damit auch Norwegen ein Weihnachten mit statt ohne Butter feiern kann. Und wenn ihr schon dabei seid, senkt auch gleich die Zölle für Fleisch."

Oslo folgte solchen Empfehlungen immerhin teilweise: Milch- und Importquoten, die Norwegens Bauern vor Überangebot schützen sollen, wurden vorübergehend aufgehoben und der Butterzoll um 80 Prozent auf 50 Eurocent pro Kilo gesenkt. Bei Tine rechnet man trotzdem nicht damit, dass bis Weihnachten genug importiert werden kann. "Auch im übrigen Europa sind die Lagerbestände niedrig", heißt es dort. Ein Ende der Butterkrise sei erst im Januar zu erwarten.