Mietrecht Ausweitung der Pinkelzone

Früher stritt man bei Mietprozessen vor allem ums Geld. Heute steht oft mehr auf dem Spiel. Es geht um persönliche Freiheiten - und das Recht, in privaten Momenten seinen Mann stehen zu dürfen.

Von Catrin Gesellensetter

Recht und Gerechtigkeit mögen nicht immer das Gleiche sein. Manchmal aber gibt es sie: Urteile, die in weiten Teilen der Bevölkerung für zufriedene Genugtuung sorgen. Eines davon hat im Januar das Amtsgericht Düsseldorf gefällt und entschieden: Mieter dürfen auf der Toilette ihrer Wohnung im Stehen urinieren. Die Verrichtung der Notdurft in aufrechter Haltung gehöre "zum vertragsgemäßen Gebrauch einer Mietwohnung" (Az.: 42 c 10583/14).

Im konkreten Fall wollte der Vermieter eines bekennenden Stehpinklers 1900 Euro der Kaution einbehalten, weil der Marmorboden der Toilette seinen Glanz verloren hatte. Als Ursache dafür hatte ein eigens eingeschalteter Gutachter Urinspritzer ausgemacht, die der Unbeugsame dort hinterlassen hatte. Der Richter hielt das für glaubwürdig. Dennoch schlug er sich auf die Seite des Mieters. Begründung: "Trotz der in diesem Zusammenhang zunehmenden Domestizierung des Mannes ist das Urinieren im Stehen noch weit verbreitet. Jemand, der diesen früher herrschenden Brauch noch ausübt, muss zwar regelmäßig mit bisweilen erheblichen Auseinandersetzungen mit - insbesondere weiblichen - Mitbewohnern, nicht aber mit einer Verätzung des [...] Marmorbodens rechnen."

Streit um die Lebensführung

Die Männerwelt feixte. Für Fachleute sind Verfahren dieser Art indes nichts Ungewöhnliches. "Die Toleranz, Belästigungen durch die Nachbarn zu tolerieren, sinkt konstant", beobachtet Christian Langgartner, Rechtsanwalt aus München. "Konflikte, bei denen es um die persönliche Lebensführung geht, gehören zu den modernen Klassikern des Miet- und Nachbarschaftsrechts", sagt auch Inka-Marie Storm, Referentin für Miet-und Immobilienrecht beim Eigentümerverband Haus & Grund.

Die Gründe für diese Entwicklung: Viele Sachfragen - Kinderlärm, Haustierhaltung, Berechnung der Quadratmeterzahl - sind inzwischen geklärt und bieten kaum noch Raum für eine gerichtliche Auseinandersetzung. Wer seinen Vermieter oder Nachbarn vor Gericht bringen will, muss also kreativer werden. Zudem schließen immer mehr Menschen eine Rechtsschutzversicherung ab. Dadurch steigt die Bereitschaft zu klagen, während die Schamgrenze weiter sinkt.

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"Ein öffentliches Verfahren, in dem es um primäre Körperfunktionen geht, ist heute niemandem mehr peinlich", sagt Anwalt Langgartner. Im Gegenteil. Fragen, die die Verrichtung der Notdurft betreffen, haben es streitlustigen Mietern derzeit besonders angetan. Das Landgericht Berlin etwa musste sich vor einiger Zeit mit der Frage beschäftigen, ob die Mieterin einer Altbauwohnung, die sich durch Urinstrahlgeräusche ihres Nachbars gestört fühlte, vom Vermieter eine schallschutztechnische Aufrüstung verlangen oder die Miete mindern könne.