Kreditkartenbetrug Deutsche sind leichte Opfer

Die Bundesbürger nutzen ihre Kreditkarten besonders oft - und meist einen leicht knackbaren Kartentypus. Darum bevorzugen Betrüger die Deutschen.

Von Alexander Hagelüken und Hannah Wilhelm

Was die Deutschen zur Zeit erleben, ist ungewöhnlich. Mehrere hunderttausend Bundesbürger erhalten in diesen Wochen eine neue Kreditkarte, um Betrug zu verhindern. Der Verdacht auf ein Datenleck in Spanien löst die wohl größte Umtauschaktion aller Zeiten in einem Land aus, das sich längst ans Zahlen mit der Karte gewöhnt hat. Manche Fachleute glauben, dass dies kein Zufall ist.

Der Verbraucherschützer Boris Wieta aus Schleswig-Holstein vermutet, die Deutschen könnten auch deshalb so häufig betroffen sein, weil sie derzeit konsumfreudiger sind als andere Völker: "Dieses Jahr werden in Deutschlands Internetshops 150 Milliarden Euro umgesetzt. Viel davon wird über Kreditkarten abgerechnet. Und wenn die Kartendaten einmal im Internet vorhanden sind, bleiben sie auch dort."

Neuer Chip erschwert Abgreifen von Daten

Ein anderer Grund: Die meisten der 27 Millionen deutschen Kreditkarten funktionieren über Magnetstreifen, nicht über einen neuen Chip, der das Absaugen von Daten und damit Betrug erschwert. Deshalb sind Deutsche leichte Opfer für Kriminelle, meint Hugo Godschalk von der Beratungsfirma Paysys, die auf die Branche spezialisiert ist: "In Großbritannien und Frankreich sind fast alle Karten mit der neuen, besseren Technik ausgestattet. Deshalb nehmen die Betrüger Deutschland ins Visier. Der Missbrauch hat sich nach Deutschland verlagert".

Godschalks These vom Verbrecherparadies Bundesrepublik lässt sich aus Schätzungen ablesen, die er für den Markt erstellt. Demnach lag der Schaden durch Kreditkartenbetrug im Jahr 2007 bei 60 Millionen Euro. Dieses Jahr könnte er auf 155 Millionen Euro steigen: "Der Schaden hat sich seit 2007 fast verdreifacht." Schlecht für die Kreditkartenfirmen. Und eine Verunsicherung der Kunden, die seit Wochen das Gefühl haben müssen, Ziel schwer verständlicher Attacken von Cyber-Kriminellen zu sein.

Experten warnen vor Hysterie

Zwar warnen zahlreiche Experten vor Hysterie. In den meisten Fällen haften ja die Kartenfirmen oder Banken für die Schäden durch Betrug - immer dann, wenn der Kunde aufpasst, seine Auszüge auf seltsame Abbuchungen durchforstet und zum Beispiel nicht die Pin-Nummer auf sein Plastik-Viereck kritzelt. Trotzdem: Es ist zumindest lästig, wenn die Karte umgetauscht ist oder wegen Manipulationen tagelang nicht einsetzbar ist.

Eine Auswertung der Kölner Beratungsfirma Psychonomics zeigt, dass die Betrugsaffäre der vergangenen Wochen womöglich die Einstellung der Bundesbürger zu Kreditkarten verändert. Mastercard und Visa, die zusammen weit über 90 Prozent aller Karten in Deutschland stellen, verlieren leicht an Vertrauen. Ihr Image leidet bereits etwas. Noch ist die Veränderung gering, doch es könnte ein Warnzeichen für die Firmen sein, die traditionell gute Image-Werte haben.

Der Anbieter Visa setzt darauf, dass mehr und mehr Kreditkarten in Deutschland mit den sicheren Chips ausgestattet werden. In Deutschland sind es bei Visa erst 30 Prozent und bei anderen Anbietern auch nicht mehr - also deutlich weniger als in Großbritannien oder Frankreich.

Fachleute glauben, dass die Banken daran teilweise kein so großes wirtschaftliches Interesse haben. Die Umstellung aller Karten kostet leicht ein paar Millionen Euro. Die Schäden durch Betrug geben manche Banken in den Geschäftsberichten mit weniger als einer Million Euro an.

Außerdem: Der Chip erschwert oder verhindert zwar das Absaugen von Daten durch Betrüger an Laden- oder Restaurantkassen. Manipulationen beim Zahlen mit der Karte im Internet kann er aber auch nicht stoppen.

Zur Umstellung verpflichtet

Auch die flächendeckende Einführung der Chips würden den Betrug also nicht auf Null reduzieren - und den Kunden nicht das erwünschte Gefühl geben, dass ihre Karten unangreifbar sind. Deshalb dauert es mit der Umrüstung: Die Branche hat sich europaweit verpflichtet, bis Ende nächsten Jahres die Karten umzustellen.

Mysteriös bleibt der Ursprung der Affäre. Visa warnte vor Wochen, es gebe die Gefahr eines Datenabgriffs in Spanien - darauf tauschten die Banken die Karten um. Heute sagt Visa, bisher gebe es keinen Beweis, dass wirklich Daten verschwanden. Ein Rätsel in der virtuellen Welt der Milliarden Informationen, die inzwischen das Leben der Menschen bestimmen.

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