Kitas Aus der Höhle auf die Galerie

Eine gelungene Kindertagesstätte zu bauen, das ist ein richtiges Meisterwerk. Denn es bringt Funktionalität, Ästhetik, Wirtschaftlichkeit und eine Menge Vorgaben unter einen Hut.

Von Stephanie Schmidt

Hier funkelt ein Fuchs, dort ein Schaf oder eine Katze. Sie sind kirschrot gefärbt, was besonders dem Schaf eine ungewöhnlich kecke Anmutung verleiht. Man muss schon genau hinschauen, um all die Tiere aufzuspüren, die in den Böden der Bauernhof-Kindertagesstätte in München-Feldmoching wohnen. Erst vor einem Jahr wurde die Kita eröffnet. "Wir haben als spielerische Elemente Scherenschnitt-förmige Vertiefungen im Estrich geschaffen und die Tierfiguren mit Kunstharz ausgegossen", erklärt Holger Heinrich, Gründer des Münchner Architekturbüros Raumspur, während eines Ortsbesuchs. Die Tiermotive finden sich auf T-Shirts und Stempeln für die Kinder wieder. Auf dem insgesamt 7000 Quadratmeter großen Gelände der Bauernhof-Kita gibt es Beete, eine Obstbaumwiese, Weideflächen und sogar echte Tiere - Ziegen, die die Kinder streicheln und füttern dürfen. "Im Laufe dieses Jahres sollen noch Schafe und Esel hinzukommen", sagt Heinrich.

Die Waschbecken ähneln Trögen. Auch sie erinnern daran, dass das Gebäude ein Schweinestall war

Seit 1. August 2013 hat jedes Kind in Deutschland vom vollendeten ersten bis zum dritten Lebensjahr einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz in einer Kindertageseinrichtung. Diese gesetzliche Regelung hat den Kita-Bau stark angekurbelt. Dabei nutzen Bauherren - Kommunen, die Kirche, Vereine oder Privatleute - oft das Potenzial leer stehender Gebäude. Auch das Bauwerk in Feldmoching war jahrelang leer gestanden. Eine schlammfarbene Holzverschalung, die einzelne rot gestrichene Bretter akzentuieren - dieses neue Kleid trägt das Gebäude nach der Sanierung. Früher war es ein Schweinestall. Wo früher Ferkel in Ställen und Pferchen grunzten, lachen jetzt Kinder - es gibt drei Krippenräume für unter Dreijährige und zwei Gruppenräume für Kindergartenkinder. Architekt Heinrich sagt, ihm sei wichtig gewesen, "den Bestand zu ehren" und ein Erscheinungsbild zu schaffen, das zugleich ländlich und modern wirke. Die gewölbte Decke ist teils bis zu 3,50 Meter hoch, die Höhe der Wände aber beträgt nur 2,20 Meter. In die Zwischenräume ließ der Architekt Glas einsetzen, sodass hier eine Art von Halle entsteht, die heller ist als die frühere, aber dennoch an die Vergangenheit erinnert. "Sehen Sie diese Betonwaschbecken? Die sehen doch aus wie Tröge", sagt der Architekt mit heiterer Stimme. Zudem war es Heinrich wichtig, der gelernter Schreiner ist, das Gebäude bis hin zur Möblierung zu planen. Er dachte sich etwa eine Kommode mit ausfahrbarer Treppe aus, auf der Kleinkinder zum Wickeln hochgeführt werden können.

Assoziationen an Heu erweckt die Struktur der weißen Heraklith-Decken. "Sie sind das Beste gegen Schall. Zum Glück sind Heraklith-Decken inzwischen schöner geworden", sagt Heinrich. Wie schafft man guten Schallschutz? Wie schützt man das Gebäude vor Überhitzung? Das seien zwei Kernfragen beim Kita-Bau. Für den Sonnenschutz hat er mehrere Lösungen miteinander kombiniert. Eine Balkenkonstruktion, die so aussieht, als würden mehrere Futterkrippen in einer Reihe stehen. An der Ostseite schirmen Schiebetüren die verglaste Fassade von der Sonne ab, ohne dass sie den Raum dahinter zu stark verdüstern. Die Bauernhof-Kita bietet vieles, was derzeit bei Bauten dieser Art im Trend liegt. Dazu gehört eine Küche mit kindgerechten Maßen, wo die Kleinen selbst Essen zubereiten. Oder der 27 Meter lange Flur, in dem alle Kinder spielen und miteinander in Kontakt kommen sollen.

Bei speziellen Führungen sollen Kinder mehr darüber erfahren, wie Architektur funktioniert

Ob so etwas wirklich funktioniert, möchte das Team des in Sachen Kita-Bau erfahrenen Münchner Büros Pollok & Gonzalo Architekten vor Beginn seiner Planungen für eine Kindertagesstätte so genau wie möglich in Erfahrung bringen. "Wir fragen zuvor: Was braucht ihr Erzieher und Eltern? Und wir fragen so lange, bis wir eine Lösung finden", sagt Architekt Clemens Pollok. Oft strapazieren solche Gespräche die Geduld der jeweiligen Beteiligten, aber es kommen ausgefeilte Ergebnisse dabei heraus. So entwickelten die Baumeister für ihr Kinderhaus in Altenerding einen Schlafraum mit Kinderbetten, die zueinander im rechten Winkel angeordnet sind. Eine Erzieherin habe auf diese Weise die Möglichkeit, zwei unruhige Kinder gleichzeitig zu streicheln und zu beruhigen, eines mit ihrer linken, das andere mit ihrer rechten Hand. "Dass wir frühzeitig mit den Pädagogen sprechen können, machen wir sogar zur Bedingung dafür, ob wir einen Auftrag annehmen oder nicht", sagt Polloks Partner Roberto Gonzalo. Ein separates Restaurant für Kinder finden sie wichtig, damit "Kinder die Wertschätzung fürs Essen erlernen", wie Pollok sagt.

Die Ansprüche an eine Kita sind heutzutage hoch. Manchmal präsentiert sie sich als Erlebniswelt mit besonderem Thema. Eine solche hat das Berliner Büro Baukind, ein Team von Architekten und Produktdesignern, in Hamburg für 65 Kinder gebaut, die Kita "Company-Kids Hafencity". Ihre Räume haben alle etwas mit Wasser, Hafen und Meerestieren zu tun. In der Garderobe erinnern laternenartige Leuchten an eine Hafenstraße; ihre Klamotten verstauen Kinder in bunten "Containern". Im Kinderbad gestaltete eine Künstlerin ein Wandmosaik mit nautischen Motiven und - ja, selbstverständlich - essen die kleinen Nutzer im Kinderrestaurant zu Mittag, das sich nachmittags in einen Erlebnisraum mit Rutsche verwandelt. Baukind hat bereits circa 60 Kitas geplant - vom Kinderladen für ein Dutzend kleine Menschen bis hin zu großen Häusern für zahlreiche Gruppen. "Die meisten Projekte sind Umnutzungen, seit zwei Jahren machen wir auch Neubauten", sagt Nathalie Dziobek-Bepler, eine der beiden Geschäftsführerinnen.

Verschiedenartige Kita-Neubauten, mit großem oder kleinem Budget, hat das Münchner Büro Hirner & Riehl Architekten und Stadtplaner realisiert, das etwa 20 Mitarbeiter beschäftigt. Die lange Spielstraße, Kindermensa und Kochinsel zum Lernen bei Kitas sind stark im Kommen, bestätigt Baumeister Martin Riehl - auch er hat solche Funktionen bereits geplant. Von Trends einmal abgesehen, entwickeln Büros, die öfters Kitas bauen, ihren eigenen Stil. "Für uns spielen Farben im Inneren ein große Rolle", sagt Riehl. Einige Kollegen lehnen dies ab, weil sie Reizüberflutung der Kinder befürchten. Der Stadtplaner findet am Bauen für Kinder "interessant, dass man sehr differenzierte Räume schaffen kann." Er legt Wert auf das "Haus im Haus" - das Spielhaus für Kinder in zahlreichen Varianten, mit höhlenartigen Verstecken, einer Rutsche oder einem Bällebad. In der Kindertagesstätte Erding, eines der jüngsten Projekte des Büros, steigen Kinder über eine Treppe auf eine Galerie. Letztere ist ein gefragtes Gestaltungselement. Wie ein umgekehrtes Boot sieht die mehrere Meter hohe Eingangshalle der Kita aus, die Fenster in Bullaugenform prägen. Sie dienen dem Zweck, dass Pädagogen und ihre Schützlinge einen besseren Durchblick haben, aber es ist nicht ihr alleiniger. "Für Kinder ist das Haptische wichtig. Deshalb haben wir manche Bullaugen mit unterschiedlichen Stoffen verkleidet", merkt der Stadtplaner an. Für das "Haus für Kinder" in Gilching schuf das Büro eine überdachte Terrasse im Freien, sodass der Nachwuchs in Übergangszeiten, wenn der Rasen noch nass ist, trotzdem draußen spielen kann. Aus gutem Grund ist die Brüstung der Terrasse perforiert. "Kinder müssen hindurchschauen können, sonst wollen sie drüberklettern", betont Stadtplaner Riehl. Hirner & Riehl veranstalten Führungen speziell für den Nachwuchs und erklären ihm, wie Architektur funktioniert. "In Skandinavien ist es ganz normal, dass bereits Kindergartenkinder Unterricht in Architektur bekommen", sagt Riehl.

Für diesen Gebäudetyp gibt es viele Auflagen. Ähnlich komplex ist das Thema Fördermittel

Manche Projekte von Hirner & Riehl vereinen Krippe, Kindergarten und Hort, wie etwa in Erding. Und was, wenn ein Kindergarten auf eine Gruppe schrumpft und man für die Krippe künftig drei statt zwei Gruppenräume benötigt? Kein Problem, denn das Büro baut nach dem Prinzip des Raumclusters. "Wir versuchen elastische Strukturen zu schaffen, also räumliche Einheiten, die wandelbar sind", erklärt Riehl. Je nach Standortbedingungen kann aber auch eine kleine Kita eine anspruchsvolle Aufgabe für Planer darstellen. Zwei leer stehende Altbauten im Zentrum von Schwandorf, das war die Ausgangssituation für den in München und Weiden ansässigen Architekten Karlheinz Beer. Im modernisierten, gelborangefarbenen Altbau befinden sich nun Räume für die Pädagogen. Unmittelbar daneben entstand nach Abriss des Schadstoff-belasteten zweiten Altbaus ein mattgrün gestrichener Neubau für zwei Gruppen von Krippenkindern. Mit zahlreichen Fenstern und Perspektiven auf die Landschaft, das Rathaus, die benachbarte Kirche. "Damit schon die Kinder ein Gefühl für das Umfeld bekommen", sagt Beer. Er wolle "die historische Situation lesbar lassen", wie er sagt: Die beiden mit moderner Technik ausgestatteten Häuschen verkörpern einen Baustil, der für die Oberpfalz typisch ist - eine gewisse Kargheit, Lochfassade, Satteldach.

Die Situation am jeweiligen Standort und das jeweils zur Verfügung stehende Budget schränken die gestalterische Freiheit der Architekten ein. "Außerdem gibt es gerade bei Kitas eine ganze Reihe von technischen Auflagen", berichtet Beer. Zum Beispiel in Sachen Rettungswege oder Geländer oder Brandschutz. "Man kann den Brandschutz aber gut unter Kontrolle bringen, da Kitas in der Regel maximal zweigeschossig sind", sagt Riehl, der auch als Brandschutzfachplaner tätig ist. Für öffentliche Kitas gibt es Raumprogramme, die sich von Bundesland zu Bundesland unterscheiden. Diese Programme schreiben unter anderem Mindestgrößen für Gruppen- und Ruheräume vor. Private Bauherren haben prinzipiell mehr Freiheiten, sofern sie ohne Fördermittel klarkommen. Benötigen sie welche, müssen sie darauf achten, welche Bedingungen sich an sie knüpfen.

Was brauchen wir für die Baugenehmigung und für die Betriebserlaubnis? Welche Fördertöpfe kommen infrage? Welche Subventionen bietet Bund, welche bieten die Länder? Ein ganzes Bündel von Fragen hat jedenfalls, wer ein Haus für Kinder plant. Auch lohnt es sich, auszuloten, ob es spezielle kommunale Förderprogramme gibt. Der Berliner Senat beispielsweise gewährt neuerdings einen Zuschuss von bis zu 2000 Euro pro neu geschaffenem Kitaplatz. "Der Kita-Bau ist eine komplexe und auch bürokratische Sache", sagt Nathalie Dziobek-Bepler von Baukind. Deshalb bietet ihr Büro bei Bedarf ein Rundumpaket an. Dazu gehört die Unterstützung bei der Suche nach geeigneten Grundstücken und Gebäuden sowie bei Förderanträgen. Fürs Innenleben von Kitas hat Raumkind einen Katalog mit selbstentworfenen Produkten erstellt - vom röhrenförmigen Regal bis hin zum Zahnputzbecher-Halter.

Außerhalb des direkten Einflussbereichs von Baumeistern und Designern ist indes, ob das Zusammenspiel von Erziehern und Kindern gut klappt. "Architektur kann die Pädagogik nur unterstützen", sagt Clemens Pollok. "Entscheidend sind die Menschen, die die Kita leiten."