20 Jahre Tafel Hartz IV reicht nicht aus

Unter dem Motto "Armgespeist - 20 Jahre Tafeln sind genug" will das Bündnis an diesem Wochenende in Berlin unter anderem mit einer öffentliche Armenspeisung vor dem Brandenburger Tor darauf aufmerksam machen, dass einige in diesem Land "immer reicher werden, während immer mehr Bürger auf die Abfälle der Wohlstandsgesellschaft angewiesen sind".

Den Kritikern geht es nicht darum, die Tafeln abzuschaffen oder die ehrenamtlichen Helfer für ihr Engagement zu kritisieren. Sie wollen eine neue Debatte über die Aufgaben des Sozialstaats. Der Boom der Tafeln zeige, dass Hartz IV nicht reiche, um das Existenzminimum zu decken, argumentieren sie. Das Bündnis fordert deshalb ein, wie es Selke nennt, "beschämungsfreies Mindesteinkommen". Er nennt die Tafeln "schambesetzte Stressräume, in denen um kleinste Gaben konkurriert wird". Wer dort hin müsse, sei in einer Parallelgesellschaft "gemeinsam ausgeschlossen".

Der Professor ist mit seiner Kritik von den Ideen des Vorsitzenden des Tafel-Bundesverbands, Gerd Häuser, eigentlich gar nicht so weit entfernt. Häuser sagte bereits 2010, die Tafel müssten "direkt helfen, aber genauso politisch tätig werden". Auch er ist für Mindestlöhne und höhere Hartz-IV-Sätze. Langfristig müssten sich die Tafeln "selbst überflüssig machen".

Ökologisch inakzeptabel und unmoralisch

Selke glaubt jedoch, dass sich die Bewegung von ihren Wurzeln längst entfernt hätte. "Sie verfolgen kein Ziel, außer dem Ziel, immer weiter zu wachsen." Sie prangerten "den Überfluss der Konsumgesellschaft an und leben gleichzeitig davon", kritisiert er. Auch Susanne Kahl-Passoth, Direktorin der Diakonie in Berlin, meint: "Die Tafeln passen gut in unsere Zeit, weil sie den Staat von seiner Verantwortung entlasten und die Unternehmen damit ihr Image aufpolieren können." Arme Menschen brauchten aber mehr als Lebensmittelspenden. Es sei zynisch, wenn Hartz-IV-Empfänger "von den Jobcentern auf die Tafeln verwiesen werden". Sie hält es für ein Armutszeugnis für die Hauptstadt Berlin, wenn allein dort regelmäßig 125.000 Menschen den Gang zu einer Tafel antreten müssten.

Tafel-Chef Häuser spricht dagegen von einer Erfolgsgeschichte: "Wenn es die Tafeln nicht gäbe, würden Zehntausende Tonnen einwandfreier Lebensmittel jedes Jahr sinnlos im Müll landen." Dies sei ökologisch inakzeptabel und angesichts des Mangels von Millionen Menschen "schlicht unmoralisch".

Die Tafeln hätten überhaupt erst dazu beigetragen, Armut und die Verschwendung von Lebensmitteln in Deutschland ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. Sie seien kein Ersatz für sozialstaatliche Leistungen und die Fürsorgepflicht des Staats für seine Bewohner. Sie könnten aber bei einem Teil der Betroffenen die Folgen der Armut lindern. Häuser, einst SPD-Bundestagsabgeordneter, sagt auch ganz lapidar: "Würden wir nichts tun, gäbe es mehr Hunger."