20 Jahre Tafel Meckern über die Wohltat

Seit 20 Jahren gibt es in Deutschland Lebensmittel-Tafeln für Bedürftige - und jedes Jahr werden es mehr. Jetzt machen die Kritiker der modernen Armenspeisung mobil. Sie fragen: Was tut eigentlich der Sozialstaat?

Von Thomas Öchsner, Berlin

Es ist eine der ganz großen Erfolgsgeschichten in den vergangenen 20 Jahren. Sie begann 1993, als die Berliner Sozialpädagogin Sabine Werth die erste Tafel in Deutschland gründete und eine einfache und charmante Idee aus den USA aufgriff: Ehrenamtliche verteilen das Überflüssige um, in dem sie übrig gebliebene Lebensmittel einsammeln und an Bedürftige weiterreichen. Doch was als "Mahlzeit-Nothilfe" vor allem für Obdachlose gedacht war, hat sich längst zu einer modernen Armenspeisung in einem der reichsten Länder der Erde entwickelt.

Überall in der Republik expandieren die Tafeln, vor allem seit Einführung von Hartz IV. 2005 versorgten sich so noch 500.000 Menschen mit Obst, Gemüse, Wurst Schokolade oder Nudeln, jetzt sind es 1,5 Millionen: Rentner und Migranten, genauso wie Kinder und Alleinerziehende, Geringverdiener und Hartz-IV-Empfänger.

"Eine Metapher für den eigenen sozialen Abstieg"

Inzwischen gibt es gut 900 Tafeln mit mehr als 3000 Ausgabestellen. Aber ist der 20.Geburtstag dieser sozialen Bewegung ein Grund zum Feiern? Können Politiker, spendende Handelskonzerne wie Rewe, Lidl, Aldi oder Edeka und die 50.000 Helfer stolz darauf sein, dass das Essen dahinkommt, "wo es hingehört", so der Slogan des Bundesverbandes Deutsche Tafeln?

Der Soziologe Stefan Selke hat in den vergangenen drei Jahren für ein neues Buch bundesweit Tafeln, Suppenküchen, Kleiderkammern und Sozialkaufhäuser besucht und mit den Menschen geredet, die bei den Tafeln - so wie die Arbeitslosen in den Jobcentern - inzwischen "Kunden" heißen. Er kommt zu dem Schluss: Für die Betroffenen seien die Tafeln "eine Metapher für den eigenen sozialen Abstieg und den sozialen Ausschluss aus der Mehrheitsgesellschaft". Für die Gesellschaft seien sie ein willkommenes, sympathisch wirkendes Almosensystem, das ein schlechtes Gewissen und Wohlstandsmüll entsorgt, den Blick auf die Helfer und ihr mildtätiges Tun lenkt, ohne aber die Ursachen der Armut zu beleuchten und zu bekämpfen.

Selke, Professor an der Universität Furtwangen, hat deshalb zusammen mit anderen Mitstreitern das "Kritische Aktionsbündnis 20 Jahre Tafeln" gegründet. Mit dabei sind zum Beispiel das Armutsnetzwerk, der Deutsche Frauenrat, die Caritasverbände der Stadt Köln und der Diözese Limburg, die Diakonie Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz und die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe.