Harold James "Der Euro zerbricht an Deutschland"

Wen interessiert Griechenland? Für Wirtschaftshistoriker James stellt Deutschland die größte Gefahr für den Euro dar.

Interview: C. Hoffmann und A. Mühlauer

Harold James sitzt im Münchner Stadtcafé und fühlt sich wie zu Hause. Er kennt München, auch hier hat er schon mal gelebt. Der 54-Jährige ist einer der angesehensten Experten für die Geschichte der Weltwirtschaftskrise und für die deutsche Wirtschaftsgeschichte. Zurzeit lehrt und forscht der Princeton-Professor in Florenz. Nach dem Gespräch wird er an den Starnberger See fahren, zur Akademie für Politische Bildung in Tutzing. Vorher kauft er noch ein Geburtstagsgeschenk für seinen Sohn. "Wahrscheinlich Notenbände", sagt er, "in München gibt es einfach eine bessere Auswahl als in Italien."

SZ: Herr James, reden wir über Geld. Droht der Welt nach der Bankenkrise nun eine Schuldenkrise der Staaten?

Harold James: Die Schuldenkrise ist ja schon da. Historisch waren Schuldenberge stets eine Folge militärischer Auseinandersetzungen. Nach dem Krieg wurden die Schulden dann gestrichen. Jetzt aber erleben wir eine einmalige Situation: Wir müssen riesige Schulden schultern ohne den Kriegswahnsinn, weil seit der Lehman-Pleite die Schulden der Privatwirtschaft verstaatlicht werden.

SZ: Aber die Schuldenmacherei ging doch schon vorher los.

James: Es war sehr leicht, einen Kredit zu bekommen. Die Schwellenländer haben uns mit ihren gewaltigen Sparsummen die Gelegenheit dazu geboten. Da nimmt man das Geld gern. Ich will nicht sagen, dass wir von den chinesischen oder indischen Sparern gezwungen worden sind, ihr Geld zu nehmen - aber sie haben die massive Schuldenmacherei erst möglich gemacht.

SZ: Wird nun eine Reihe von Staaten pleitegehen?

James: Es ist nicht wahrscheinlich, dass es eine Welle von Konkursen geben wird. Die kleineren Staaten in Europa können keine Inflation anheizen, weil sie keine eigene Notenbank haben. Wenn sie bankrott gehen, sind die Folgen für sie dramatisch. Betrachtet man die letzten 60 Jahre, ist es erstaunlich, wie wenige Staaten bankrottgegangen sind: Brasilien, Peru, Argentinien.

SZ: Wie kommen die Problemstaaten Europas aus dem Schlamassel?

James: Es gibt nur eine Lösung, und die ist unangenehm: Die Staaten müssen ihre Verschuldung zurückfahren, Steuern erhöhen.

SZ: Ist der politische Wille überhaupt da, dies durchzusetzen?

James: Was ist denn die Alternative? Griechenland weiß, dass es nicht aus der gemeinsamen Währungsunion austreten kann. Es müsste die Schulden ja nach wie vor in Euro bezahlen. Eine Politik der Härte ist das einzig Denkbare.

SZ: Wir erkennen nicht, dass die Politiker zur Härte fähig sind, zumindest ist Sparen für deutsche Politiker noch immer ein Fremdwort.

James: Das Problem ist, dass die Politiker noch immer national denken. Das sehe ich als die große Krisenerfahrung. Das kann leicht zu Protektionismus und nationalen Ressentiments führen. Nehmen wir das Beispiel Deutschland-Griechenland. Man beschimpft sich gegenseitig anstatt zu entpolitisieren.

SZ: Haben wir also nichts aus der Vergangenheit gelernt?

James: Es wird ja immer behauptet, dass wir daraus lernen. Aber wenn Sie jetzt die Reaktionen auf die Krise beobachten, sehen Sie, dass die nationalen Politiker vor allem an eines denken: die nächste Wahl. Das ist verständlich. Die Wähler fragen ja nicht, was haben die Politiker Gutes für die Welt getan, sondern, was haben sie Gutes für mich getan?