Gespräch mit einem Wohnsoziologen Die neue Wirtlichkeit der Städte

Tilman Harlander über die veränderten Ansprüche der Menschen, die Wohnung als neues Status- und Erfolgssymbol und den großen Irrtum von Bund, Ländern und Gemeinden.

Von Dagmar Deckstein

Wer Tilman Harlander, 70, beim Dozieren so zuhört, den beschleicht nicht von ungefähr das Gefühl, es könnte sich hier um eine Art Wiedergänger des namhaften Psychoanalytikers Alexander Mitscherlich handeln. Auch der schrieb und sprach Mitte der Sechzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts leidenschaftlich-engagiert über "Die Unwirtlichkeit der Städte", indem er seinerzeit den seelenlosen Funktionalismus der Nachkriegsstadtplanung geißelte: "Das Einfamilienhaus, ein Vorbote des Unheils, den man immer weiter draußen in der Landschaft antrifft, ist der Inbegriff städtischer Verantwortungslosigkeit und der Manifestation des privaten Eigentums."

Was nun städtische Verantwortung für ausreichenden und obendrein noch bezahlbaren Wohnraum anbetrifft, da sieht es 50 Jahre später immer noch - oder besser: wieder - ziemlich unwirtlich aus. "Die Renaissance der Städte, die wir seit ungefähr 2000 in statistisch signifikantem Ausmaß erleben, die hatte doch keiner so erwartet."

Harlander ist wie Mitscherlich ebenfalls nicht vom genuinen Baufach, sondern Sozialwissenschaftler. 1997 begründete er als Novum in Deutschland den Lehrstuhl für Architektur- und Wohnsoziologie an der Universität Stuttgart, den er bis 2011 innehatte. Und vielleicht noch mehr als Baufachleute und Stadtplaner macht sich Harlander als Soziologe und Architekturhistoriker bis heute Gedanken darüber, wie Menschen unter welchen Bedingungen wohnen müssen, wie sie aber lieber wohnen möchten, wie die Städte und ihre Planer diesen Bedürfnissen entsprechen müssten, könnten - aber es eben nicht tun. "Wie sehen die zeitgemäßen Ansprüche und Bedürfnisse der Menschen ans Wohnen aus?" Das ist eine der Leitfragen, an denen sich Harlander in seiner Forschung seit Jahrzehnten ausrichtet.

Wenn Tilman Harlander aus dem Fenster seines Büros im zehnten Stockwerk der Fakultät für Architektur und Stadtplanung schaut, blickt er direkt hinein in den Stuttgarter Talkessel. Schon diese Kessellage verdeutlicht, wie schwer es besonders der baden-württembergischen Landeshauptstadt fällt, die Bürgerwünsche nach einer neuen Wirtlichkeit der Stadt zu erfüllen. Und auch die Zahlen sprechen für sich: Schrumpfte Stuttgarts Einwohnerzahl, die im Jahr 1963 einmal fast 650 000 betragen hatte, bis zur Jahrtausendwende auf 580 000, leben heute schon wieder 615 000 Bürger in der Stadt. In vielen anderen Städten Deutschlands sieht es ähnlich aus, auch dort sorgt die rege Nachfrage in erster Linie für hohe Miet- und Eigentumspreise.

Viele Frauen haben keine Lust mehr, als "grüne Witwe" draußen auf dem Land zu versauern

Für den Soziologen Harlander ist das keine Überraschung: "Der Irrtum begann bereits damit, dass zum Beispiel die Statistischen Ämter vor Jahren schon wegen des anhaltenden Geburtenrückgangs die weitere Entvölkerung der Städte eindimensional hochgerechnet und bis ins Jahr 2030 projiziert hatten. Aber die Renaissance der Städte, die Neubewertung historischer Stadtkerne, der Retro-Trend inklusive des Denkmalschutzgedankens begannen eigentlich schon in den 70er-Jahren." Die funktionalistische Entsorgung der Vergangenheit in Architektur und Stadtkultur sei bereits damals an ihr Nachkriegsende gelangt. Verstärkend hinzugekommen seien gesellschaftliche Trends wie die Alterung der Bevölkerung, die berufliche Emanzipation der Frau, der höhere Drang breiter Bevölkerungsschichten nach Bildung, die weitere Ausdifferenzierung der Lebensstile - einhergehend mit wachsender Anzahl von Singlehaushalten und immer großzügigerer Dimensionierung von Wohnungen. "Gaben sich die Menschen in den 50er-Jahren durchschnittlich noch mit 15 Quadratmetern Wohnraum pro Kopf zufrieden, mussten es im Jahr 2000 schon 40 Quadratmeter sein, und heute sind es bereits 45 Quadratmeter", so Harlander.

Stichwort demografischer Wandel: Zunehmend verlassen ältere Menschen ihr einst von Alexander Mitscherlich inkriminiertes Eigenheim auf dem Land, um ihren Lebensabend in der Stadt zu verbringen. Spätestens, wenn der Gesundheitszustand das Autofahren nicht mehr erlaubt, wird ein Umzug in die Stadt mit ihrer fußläufig erreichbaren Vielfalt von Einkaufs-, Unterhaltungs- und Dienstleistungsangeboten ins Auge gefasst.

Stichwort veränderte Rolle der Frau: Als berufstätige, gleichberechtigte Partnerin des Mannes hat sie keinerlei Lust mehr, wie früher als "grüne Witwe" irgendwo draußen in der Reihenhaussiedlung auf Haushalt und Kinder reduziert ihr Leben zu fristen, sondern will die Bildungs- und Weiterbildungsinfrastruktur der Stadt für ihr eigenes berufliches Fortkommen nutzen. Wofür natürlich eine Stadtwohnung geeigneter ist als ein Haus weit draußen auf dem Land.

Stichwort Bildungszuwanderung: Städte wie auch Stuttgart mit ihren zahlreichen universitären und berufsbildenden Einrichtungen ziehen zunehmend junge Menschen zwischen 18 und 30 Jahren an, die aber, so betont Harlander, durchaus nicht studentenbudenmäßig im kleinen Einzimmerapartment wohnen wollen. "40 Prozent dieser Neu-Stadtbewohner möchten in Wohngemeinschaften leben. Was also heißt, dass sich das Wohnangebot nicht nur auf Single-Bedürfnisse á la Zweizimmer-Küche-Bad beschränken darf. Es braucht nach wie vor große Vier- bis Sechs-zimmerwohnungen."

Stichwort Fluchtbewegungen: "Alle früheren Statistiken wurden über den Haufen geworfen. Neu in die Städte gedrängt sind einerseits die Zuwanderer, vor allem auch aus den osteuropäischen Staaten im Zuge der EU-Osterweiterung. Dann kamen Balkankriegsflüchtlinge und Russlanddeutsche. Jüngst erfolgte der Zuzug weiterer Flüchtlinge aus Nahost und Afrika. Auch das hat den Nachfragedruck in den Städten ungeahnt erhöht", sagt der Soziologe.

Das alles hätte längst zu einer anderen Bau-, Boden- und also Flächennutzungspolitik der Kommunalverantwortlichen führen müssen. Aber diese Aufgabe, und damit gerät Tilman Harlander wirklich in Rage, hätten Bund, Länder und Kommunen seit vielen Jahren flächendeckend ignoriert. "Aus Bodenpolitik wurde Haushaltspolitik. Das heißt, die Stadtkämmerer schauten nur noch darauf, wie sie aus dem Verkauf von kommunalen Grundstücken Höchstpreise von Investoren erzielten, um ihre Stadtkassen zu füllen."

Tilman Harlander, Jahrgang 1946, ist Architektur- und Wohnsoziologe. Er lehrte an der Architekturfakultät der Uni Stuttgart und ist heute freiberuflich tätig. Er ist unter anderem Mitherausgeber der Zeitschrift "Forum Stadt".

(Foto: oh)

Auslöser für diese Fehlentwicklung war für Harlander die noch bis Anfang dieses Jahrhunderts herrschende Überzeugung, die klassische Wohnungsfrage der Nachkriegszeit habe sich erledigt, ein gewisser Ausgleich von Angebot und Nachfrage auf den Wohnungsmärkten sei erreicht. Diese Marktgläubigkeit habe dazu geführt, dass sich der Bund aus der Wohnungsbauförderung weitestgehend zurückgezogen habe. Harlander dazu: "Ab 2006 hat der Bund diese Aufgabe ganz allein den Ländern überlassen, und der klassische soziale Wohnungsbau war längst auf ein Minimum reduziert, konzentrierte sich nur noch auf wirklich randständige und unterprivilegierte Gruppen."

"In Deutschland haben wir einen als gravierend anzusehenden Schwund von belegungs- und mietpreisgebundenen Wohnungen. Um da mal nur eine Zahl zu nennen: Ende der 80er-Jahre hatten wir noch etwa vier Millionen mietpreis- und belegungsgebundene Wohnungen, heute sind es noch etwa 1,3 Millionen."

Das und die zunehmende Gentrifizierung, die Aufwertung von Wohnungsbeständen durch Investoren, habe in vielen Städten systematisch zur Vertreibung einkommensschwächerer Gruppen geführt. "Ich kann mich als damals Münchner Bürger gut erinnern, wie schon in den 80er-Jahren in dem Stadtteil Schwabing Investoren von Haus zu Haus gegangen sind und versucht haben, so viel Altbauten wie möglich aufzukaufen, um die dann luxuriös zu modernisieren und von Miet- in Eigentumswohnungen umzuwandeln."

Aber auch diesen, der Differenzierung der Lebensstile geschuldeten und zur Neuorientierung des Städtebaus zwingenden Schöner-wohnen-Trend verkennt Harlander nicht: "Die Wohnung ist das neue Auto. Als Status- und Erfolgssymbol."

Das könnte angesichts der grassierenden Demokratiekrise auch im Sinne Alexander Mitscherlichs noch eine Rolle spielen. Schon damals unkte Mitscherlich angesichts der funktionalistischen Nachkriegsbauweise: "Man pferche den Angestellten hinter den uniformierten Glasfassaden dann auch noch in die uniformierte Monotonie der Wohnblocks, und man hat einen Zustand geschaffen, der jede Planung für eine demokratische Freiheit illusorisch macht."