Fremdwährungs-Kredite Verzockt mit dem Franken

Wie gut die Kunden über die Risiken eines Franken-Kredits aufgeklärt wurden, ist bisher unklar.

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  • Nicht nur Ruhrpott-Kommunen und Spekulanten haben sich mit Franken-Krediten verzockt - sondern offenbar auch viele Privatleute.
  • Zeitweise hatten deutsche Verbraucher Privat-Darlehen von mehr als sieben Milliarden Euro in fremden Währungen, vor allem in Schweizer Franken. Viele davon stammten vom genossenschaftlichen Dach-Institut DZ Bank.
  • Der Schaden für die Schuldner könnte sich allein durch die jüngste Franken-Aufwertung auf bis zu eine Milliarde Euro summieren. Vielen Häuslebauern droht damit ein finanzielles Desaster.
Von Heinz-Roger Dohms und Meike Schreiber, Frankfurt

Als die Vertriebsmaschine noch lief, gab es für die Streber 1000 Euro Preisgeld und eine Schmuckurkunde. Zu den Prämierten gehörte beispielsweise die Volksbank Rüsselsheim. Denn "dank intensiver Kundenberatung" hatte sie "den höchsten Volumenzuwachs im gesamten Verbandsgebiet" geschafft. Eine "schöne Bestätigung unserer täglichen Arbeit", nannte Vorstand Klaus Weber die Ehrung. Das war im Herbst 2010. Damals kostete ein Euro noch 1,35 Schweizer Franken.

Anderthalb Wochen liegt der "Franken-Schock" nun zurück. Wer die großen Verlierer sind, glaubte man inzwischen zu wissen: ein paar obskure Währungs-Broker. Gut zwei Dutzend NRW-Kommunen. Der ein oder andere Immobilienfonds. Osteuropäische Häuslebauer. Nun aber zeigt sich, dass offenbar auch ganz normale Bankkunden hierzulande in weit größerem Ausmaß betroffen sind als bislang vermutet. So haben nach SZ-Informationen allein die Volks- und Raiffeisenbanken in den Jahren vor der Euro-Krise mehr als 30 000 Fremdwährungskredite vergeben - davon die allermeisten in Schweizer Franken. Auf dem Höhepunkt der Entwicklung 2011 erreichten die Darlehen ein Volumen von 7,1 Milliarden Euro. Der durchschnittliche Kunde nahm, je nach Wechselkurs, umgerechnet rund 150 000 Euro auf.

Bis zu einer Milliarde Euro Schaden für die Kunden

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Wie groß der Gesamtschaden für die Kunden ist, lässt sich bislang nur sehr grob kalkulieren. Zuletzt soll der Umfang der Fremdwährungskredite bei rund sechs Milliarden Euro gelegen haben - davon schätzungsweise vier bis fünf Milliarden in Schweizer Franken. Nach der Abkoppelung vom Euro verteuerten sich die Franken und damit die Darlehen zuletzt um etwa 20 Prozent. Rein rechnerisch könnten demnach allein die jüngsten Belastungen bis zu eine Milliarde Euro betragen.

Allerdings: Überproportional viele Kredite wurden offenbar im Schweizer Grenzgebiet vergeben. So zählt allein die Volksbank Konstanz rund 500 Betroffene. Gut möglich, dass einige dieser Kunden jenseits der Grenze arbeiten - und ihren Franken-Kredit mit ihrem Franken-Einkommen abbezahlen. Zudem wurden die Darlehen nicht nur an private Häuslebauer, sondern auch an Firmenkunden vertrieben. Auch hier ist denkbar, dass Mittelständler das Geld beispielsweise nutzten, um den Bau einer Maschine zu finanzieren, die wiederum gegen Franken in die Schweiz verkauft wurde; in diesem Fall wäre der Kredit nichts anderes als ein Absicherungsgeschäft gewesen. Die DZ Bank, die als Dachinstitut über den deutschen Genossenschaftsbanken steht, wollte Fragen nach der Höhe der Schäden vergangene Woche nicht konkret beantworten.

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Dass ausgerechnet die vermeintlich braven Volksbanken im großen Stil Fremdwährungskredite vergaben, mag auf den ersten Blick überraschen. Tatsächlich aber ist der genossenschaftliche Bankensektor für den offensiven Vertrieb hauseigener Produkte bekannt - etwa auch bei Versicherungen, Fonds oder Bausparverträgen. Die Fremdwährungsdarlehen wurden von einer Auslandstochter der DZ Bank entwickelt und liefen unter dem Namen Luxcredit. Der Vorteil für Kunden sollte in der günstigeren Finanzierung liegen. Wenn eine zehnjährige Baufinanzierung in Euro in den Nullerjahren zum Beispiel mit fünf Prozent verzinst wurde, war der Franken-Kredit mitunter für weniger als vier Prozent zu haben. Wie intensiv die Kunden über das Währungsrisiko aufgeklärt wurden, ist unklar. Die Volksbank Dreieich wirbt für den Luxcredit sogar heute noch mit dem Hinweis: "Währungsgewinne durch Wechselkurs möglich".

Obwohl jede der mehr als 1000 deutschen Genossenschaftsbanken autonom entscheidet, welche Produkte sie verkauft, wurde der Luxcredit fast flächendeckend vertrieben - von der Volksbank Wetzlar-Weilburg bis zur Sylter VR Bank, von der Volksbank Jever bis zur Raiffeisenbank Weiden. 2009 hielten die Genossen in einer internen Broschüre selbstzufrieden fest, dass inzwischen "28 Prozent aller Währungskredite in Schweizer Franken in Deutschland" von der DZ Bank stammten. Und weiter: "Über 80 Prozent der Genossenschaftsbanken nutzen Luxcredit - ein überzeugender Beleg der hohen Banken- und Kundenakzeptanz."

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Desaster für Häuslebauer

Während die DZ auf Bankenseite offenbar von überschaubaren Verlusten ausgeht ("auf die Risikotragfähigkeit des Kunden wurde stets geachtet"), könnte der Franken-Schock für viele private Bauherren zum Desaster werden. Zumal: Die jüngste Aufwertung von 1,20 auf rund 1,00 Franken je Euro treibt die Entwicklung ja nur auf die Spitze; in den Nullerjahren, als der Luxcredit besonders oft vergeben wurde, war ein Euro zeitweise mehr als 1,60 Franken wert. Aus den Banken ist zu hören, man suche mit betroffenen Kunden das Gespräch.

Die Schmuckurkunden sollten sie bei der Gelegenheit wohl lieber von der Wand nehmen.

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