Eurokrise Griechenland und die große Gruselshow

Ist der Rauswurf aus dem Euroraum ein Allheilmittel für die Finanzprobleme Griechenlands? Zuletzt haben die Euro-Staaten wenig mehr zur Problemlösung beigetragen, als Geheimtreffen zu veranstalten und die Menschen und Märkte noch weiter zu verunsichern.

Ein Kommentar von Claus Hulverscheidt

Hans-Werner Sinn, der ebenso wortgewandte wie meinungsfreudige Präsident des Münchener Ifo-Instituts, ist dieser Tage mit einer wahrhaft düsteren Gruselshow auf Tournee. "Warum Deutschland ein Schulden-Tsunami droht", lautet der bedrohlich klingende Titel seines Bühnenprogramms; die Botschaft sieht, vereinfacht gesagt, so aus: Jahrelang haben die Müßiggänger in den südlichen Ländern der Europäischen Währungsunion (EWU) über ihre Verhältnisse gelebt, weshalb sie nun pleite sind und vom deutschen Steuerzahler mit der schier unvorstellbaren Summe von 400 Milliarden Euro unterstützt werden müssen.

Diese "tickende Zeitbombe" will Sinn entschärfen - indem er die Müßiggänger einfach aus dem Euro-Club hinauswirft und ihnen ihre alten Währungen zurückgibt, den Griechen also die Drachme.

Vieles von dem, was der Wissenschaftler in seinen Reden, Interviews und Zeitungsbeiträgen vorbringt, ist durchaus bedenkenswert - auch wenn er bei der Aufzählung der deutschen Haftungsrisiken gerne Äpfel, Birnen und Zitronen zusammenzählt, um am Ende einen möglichst großen Obstsalat präsentieren zu können.

Die Schlichtheit seiner Schlussfolgerungen aber lässt den Verdacht zu, dass der Top-Ökonom Sinn zuletzt zu viel Zeit mit Politikern in den Sabbel-Sendungen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks verbracht hat. Um die "große Party am Mittelmeerstrand" und den "Untergang Europas" zu verhindern, so dichtete er unlängst, müsse Deutschland "den Geldhahn zudrehen". Das hätte ein Euro-Skeptiker wie der FDP-Finanzpolitiker Frank Schäffler nicht schöner sagen können.

Sinns Worte sind so bedeutsam, weil der Ifo-Chef der wichtigste Belastungszeuge aller Kritiker des Euro-Schutzschirms ist. Und tatsächlich würde ein EWU-Austritt Griechenlands einen Teil der Probleme lösen: Das Land könnte seine Leitzinsen wieder selbst festlegen und die Drachme gegenüber dem Euro kräftig abwerten.

Griechische Waren und Dienstleistungen wären damit auf den Weltmärkten leichter verkäuflich, der Urlaub in der Ägäis würde für Ausländer erheblich billiger. Im Ergebnis zöge die Wirtschaftsleistung kräftig an, das Loch im Staatsetat würde dank der höheren Steuereinnahmen endlich geschlossen.

Soweit die Theorie. Was deren Fürsprecher aber gerne verschweigen, ist die Kehrseite eines solchen Projekts: Die Griechen, die im Übrigen bei einem EWU-Austritt auch aus der Europäischen Union flögen, könnten ihre Altschulden endgültig nicht mehr bezahlen, weil sie auf Euro lautende Kredite mit ihrer neuen Schwachwährung begleichen müssten. Zudem dürften die Sparer des Landes die Banken stürmen (und damit in die Pleite treiben), weil viele zwar der Drachme öffentlich nachtrauern, ihr Geld aber doch noch gern in Euro abheben würden.

Auch gäbe es niemanden mehr, der der Regierung auch nur einen Cent leihen würde: weder ausländische Finanzinstitute noch der Internationale Währungsfonds oder die gerade düpierte EU. Und schließlich: So weit abwerten, dass die griechischen Warenpreise mit den chinesischen mithalten könnten, ließe sich die Drachme gar nicht. Im Ergebnis entstünde am südöstlichen Rand der EU das neue Armenhaus Europas - ein hochinfektiöses Gebilde, das politische Unruhen, neue Migrationsbewegungen und weitere Staatspleiten auf dem gesamten Kontinent auslösen könnte.

Da ein Austritt aus EWU und EU kein gangbarer Weg ist, bleibt nur noch ein Schuldenschnitt - was nichts anderes bedeuten würde, als dass alle Gläubiger Griechenlands auf einen Teil ihrer Forderungen verzichten müssten. Die Banken im In- und Ausland ebenso wie die EZB und die Steuerzahler in Deutschland, Frankreich und anderswo. Auch dieser Weg wäre schmerzhaft und riskant, er böte den Griechen aber zumindest die Chance auf einen Neuanfang.

Allerdings: Selbst wenn ein Schuldenschnitt ohne Panik auf den Finanzmärkten über die Bühne ginge, wäre wenig gewonnen, solange die verkrusteten Strukturen der griechischen Volkswirtschaft nicht aufgebrochen werden. Dazu müssten Politik und Unternehmen jenseits von Tourismus und Feta-Käse Zukunftsbranchen definieren und massiv in diese investieren - Experten nennen Logistik, Schiffbau und Solarenergie. Auch wäre es sinnvoll, den starren Dienstleistungsmarkt im Inland zu liberalisieren.

All dies könnte Athen aber nicht allein bewerkstelligen. Vielmehr müsste die EU den volkswirtschaftlichen Effekt vervielfachen, indem sie kräftig Zuschüsse gibt für private Investitionen. So abgedroschen es klingen mag: Griechenland benötigt eine Art Marshall-Plan.

Auf Konzepte der EU-Kommission oder des Europäischen Rats dazu wartet man jedoch bisher vergebens - nicht zuletzt weil sich die Präsidenten José Manuel Barroso und Herman van Rompuy derzeit statt mit Griechenland lieber mit den innenpolitischen Problemen in ihren Heimatländern Portugal und Belgien befassen.

Auch die Regierungen der Euro-Zone haben zuletzt wenig mehr zur Problemlösung beigetragen, als Geheimtreffen zu veranstalten, die Menschen und Märkte noch weiter verunsichern. Wer so agiert, braucht sich über die Popularität von Gruselshows nicht zu wundern.