Deutsche Bank in den USA "Versuch doch, jemanden übers Ohr zu hauen"

Ramsch-Anlagen für US-Kunden: Die Deutsche Bank fand ihre Produkte selber "Mist", vertrieb sie aber weiter. Zu dieser massiven Kritik kommt der US-Senat in einem Untersuchungsbericht.

Von H. Freiberger und M. Koch

Der Deutschen Bank droht ein schwerer Konflikt mit den Ermittlungsbehörden in den USA. In einem Abschlussbericht über zwielichtige Wertpapiergeschäfte an der Wall Street erhebt ein Ausschuss des US-Senats schwere Vorwürfe gegen das Institut. So soll die Deutsche Bank ihren Kunden systematisch minderwertige Anlageprodukte angepriesen haben. Der Ausschussvorsitzende, der Demokrat Carl Levin, kündigte an, der Senat werde den Fall an die Börsenaufsicht SEC und das Justizministerium übermitteln.

Die möglichen Klagen würden die Deutsche Bank schwer treffen. Im vergangenen Jahr wollte die SEC die Investmentbank Goldman Sachs wegen ähnlicher Praktiken vor Gericht ziehen. Goldman wies die Anschuldigungen entschieden zurück, willigte schließlich aber in eine Strafzahlung in Höhe von 500 Millionen Dollar ein, um das Verfahren beizulegen. Es war die höchste Strafe, die jemals an der Wall Street verhängt wurde.

Die Aktie der Deutschen Bank fiel in Frankfurt um mehr als drei Prozent und war damit größter Verlierer im Deutschen Aktienindex (Dax). "Aus dem Bericht des Senats resultiert ein Negativ-Potential für die Deutsche Bank, das einige Anleger offensichtlich veranlasst hat, die Aktie zu verkaufen", sagte Michael Seufert, Analyst bei der Nord LB.

Die Gefahr, dass es in den USA Klagen gegen die Deutsche Bank geben könnte, sei schon seit einiger Zeit latent vorhanden. Seufert kann sich nicht vorstellen, dass die Strafe gegen das Institut so hoch ausfällt wie bei Goldman. "Damals wollten die US-Behörden auch ein Exempel statuieren", sagt er. Die Deutsche Bank erklärte, sie habe selbst viel Geld mit ihrem Engagement auf dem Immobilienmarkt verloren.

Zwei Jahre lang befasste sich der Untersuchungsausschuss des Senats mit der Verbriefung und Vermarktung von Hypothekenkrediten. Die Politiker durchforsteten fast 6000 Seiten vertraulicher Dokumente und Emails von Washington Mutual, Goldman Sachs, der Deutschen Bank und Regulierungsbehörden.

Banker: Angebote sind "Mist"

Die Wall Street verdiente in den Jahren vor der Finanzkrise von 2008 Milliardensummen damit, Immobilienkredite aufzukaufen und sie in einem mehrstufigen Verfahren zu komplexen Wertpapieren, sogenannten Collateralize debt obligations (CDOs), zu verarbeiten. Andere, noch riskantere Produkte kamen sogar ohne Hypotheken als Rohstoff aus und waren reine Wetten auf die Preisentwicklung am Immobilienmarkt (CDO squard).

Einige Banker an der Wall Street erkannten rechtzeitig, dass der amerikanische Häusermarkt kippte. Zu ihnen zählte Greg Lippmann, ein Star unter den Händlern der Deutschen Bank. In E-Mails bezeichnete Lippman CDOs als "Mist" und "Schweine". Doch statt ihre Klienten zu warnen, vermarktete die Deutsche Bank die toxischen Wertpapiere weiter.

Fall Goldman ad acta

Konkrete Beweise für Betrug finden sich in dem Bericht nicht. Doch er zeigt den Zynismus der Banker, ihre Gier und die Geringschätzung, die sie ihren Klienten entgegenbrachten. Unter anderem zitiert der Bericht aus E-Mails von Lippmann. Als er aufgefordert wurde, ein bestimmtes Wertpapier zu kaufen, antwortete er, das CDO werde nur "selten gehandelt", aber er könne es nehmen und versuchen, jemanden "übers Ohr zu hauen", um es schnell wieder los zu werden.

Levin erneuerte auch die Vorwürfe gegen Goldman Sachs: "Meiner Ansicht nach hat Goldman seine Klienten und auch den Kongress getäuscht." Dass Goldman wegen seines umstrittenen Wertpapiergeschäfts abermals vor Gericht gezerrt wird, gilt jedoch als unwahrscheinlich. Die Bank sagte in einer Stellungnahme, sie stimme mit dem Bericht nicht überein, nehme aber die vom Senat angeprangerten Vorgänge ernst.

Wall-Street-Banker beteuern Unschuld

Goldman verwies darauf, seine Geschäftsstandards überarbeitet zu haben. Praktiken wie zu Zeiten der Finanzkrise sollen künftig intern unterbunden werden. Goldman hatte den Hedgefondsmanager John Paulson Hypotheken aussuchen lassen, gegen die er wetten wollte. Für seine Wette brauchte Paulson aber Gegenparteien. Goldman übernahm die Suche und wurde unter anderem bei der Mittelstandbank IKB fündig, die durch ihre Fehlspekulationen in den USA schwere Verluste erlitt und 2008 von der heutigen KfW gerettet werden musste.

Grundsätzlich beteuern die Großbanken der Wall Street, dass ihre Praktiken bei der Wertpapier-Vermarktung legal waren. Schließlich hätten sie es mit "professionellen Investoren" wie Hedgefonds und anderen Finanzkonzernen zu tun gehabt, nicht mit ahnungslosen Kleinanlegern.