Denkmäler Wieder "unter Dampf"

Für Jahrzehnte war der ehemalige Postbahnhof im Leipziger Stadtteil Schönefeld dem Verfall preisgegeben. Nun will die CG-Gruppe das acht Hektar große Areal revitalisieren.

Von Steffen Uhlmann

High Noon gleich neben dem Leipziger Postbahnhof: Sprengmeister Holger Klemig zündet an einem Mittwoch im Frühsommer 2014 um die Mittagszeit eine amerikanische Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg und ist danach sichtlich froh. "Die Sache ist ohne Komplikationen abgelaufen", freut sich Klemig. "Die Straßen und Gleise können wieder freigegeben werden, und die Anwohner wieder in ihre Häuser zurück."

Christoph Gröner verspricht den Leuten in dieser Gegend neue Aufregung in der kommenden Zeit, wenn auch ganz anderer Art. "Statt Sprengung und Abbruch ist jetzt Aufbruch hier angesagt", kündigt der Chef der gleichnamigen Unternehmensgruppe (CG) selbstbewusst an. "Wir werden dem Postbahnhof neues Leben einhauchen." Noch aber schläft das mehr als acht Hektar große Gelände vor sich hin. Mehr als zwei Dutzend Gleise führen ins Nirgendwo. Auf den 16 Bahnsteigen hat sich Wildwuchs durch Beton und Mauerwerk gebrochen. Die riesige Bahnsteighalle mit ihren acht gewaltigen Stahlbögen rostet vor sich hin. Fensterfronten sind zerschlagen, einst rotgebrannte Ziegel schwarz verfärbt. Vor mehr als hundert Jahren nahm der größte Postbahnhof der Welt in Leipzig seinen Betrieb auf. Milliarden von Paketen sind von 1912 an hier angekommen, umgeschlagen und wieder auf die Reise geschickt worden. Eine logistische Großleistung, die auch ihre Fortsetzung fand, als Deutschland wieder einig war. Da aber waren die Tage gezählt. Als die Deutsche Post privatisiert wurde, bekam der Paketverkehr in der Luft und auf der Straße den Vorrang zur Schiene. Und damit ging eine Ära zu Ende, 1994 wurde der Postbahnhof-Betrieb in Leipzig eingestellt.

Seitdem haben sich diverse Investoren für das an der Konrad-Adenauer-Allee im Leipziger Stadtteil Schönefeld gelegene Areal interessiert. 2008 fiel es in die Hände des US-Investmentfonds Lone Star, der der Bundespost bundesweit alle ihre Bahnanlagen für eine Milliarde Euro abgekauft hatte. Die Amerikaner aber hatten wenig Interesse am Postbahnhof mit seinen denkmalgeschützten Gebäuden. An einem Weiterverkauf schon. Nur fand sich außer dem aus München stammenden Projektentwickler Peter Kolar kein Interessent dafür. Kolar aber scheiterte mit seinen Kauf- und Bebauungsplänen. Zum Glück für Gröner, der erst im August vergangenen Jahres das wilde Grundstück mit seinen verwunschenen Gebäuden für sich entdeckt hatte. "Im Vorbeifahren", wie er sagt. "Ich habe damals angehalten und bin rauf auf das Gelände", erinnert er sich. "Sie sollten mal die Stahlsäulen in der Bahnsteighalle sehen. Sie sind geschmiedet und genietet - genau wie beim Eiffelturm in Paris."

Quartiere, die individuelles Flair verströmen, sind gefragt. Ein Beispiel dafür ist das ehemalige Rübesam-Areal in Leipzig-Plagwitz.

Gröner ist kein Neuling in diesem Geschäft. Seine Gruppe, die der gebürtige Karlsruher vor 20 Jahren in Leipzig gründete, gehört heute bundesweit zu den führenden mittelständischen Projektentwicklern in Sachen Wohnungs- und Gewerbebau. Die historische Bausubstanz, das riesige Areal mit kurzem Weg zur Autobahn und der Möglichkeit, wieder eine Gleisanbindung zu schaffen, habe ihn geradezu "elektrisiert", sagt er. "Das Grundstück schreit regelrecht nach einem Investment - nicht in das Wohnen, sondern ins Gewerbe." Gröner weiß wovon er spricht. Die Wohnungswirtschaft dränge in den großen Kommunen immer mehr Gewerbe raus aus der Stadt, sagt er. "Entsprechend groß ist der Bedarf an innerstädtischen Gewerbe- und Büroflächen - und auch unsere Chance."

Marktstudien geben Gröner recht. Nach einer Studie der TLG Immobilien AG sind die gewerblichen Immobilienmärkte in Leipzig und in anderen ostdeutschen Wachstumszentren wie Potsdam, Dresden, Erfurt, Magdeburg oder Jena und Rostock für Investoren in den vergangenen Jahren lukrativer geworden. Deutliche Einwohnerzuwächse, weiter sinkende Arbeitslosenquoten, Anstiege bei Wirtschafts- und Kaufkraft belegten diese positive Dynamik, heißt es in dem TLG-Marktbericht 2014. Das bestätigt auch das Wirtschaftsinstitut Prognos: "Diese Städte verfügen über eine hohe Standortattraktivität, sowohl als Wohn- als auch als Wirtschaftsstandort." Mit stabilen und in einzelnen Segmenten steigenden Mietpreisen rücken laut TLG diese B- und C-Standorte immer mehr in den Fokus der Investoren. Transaktionszahlen sprechen dafür. Zwischen 2009 und 2012 ist das Investitionsvolumen im Bereich gewerbliche Immobilien in den fünf ostdeutschen Ländern von circa 320 Millionen Euro auf knapp 1,9 Milliarden Euro angestiegen. Und im ersten Halbjahr 2014 lag es schon wieder bei fast 1,4 Milliarden Euro. Leipzig selbst stieg in diesem Zeitraum bei Gewerbeimmobilien zu den begehrtesten deutschen Städten auf. Lange hat der CG-Chef nicht gebraucht, um sich mit dem Verkäufer, vor allem aber auch mit der Stadtoberen in Sachen Postbahnhof einig zu werden. "Noch im August habe ich angefangen zu telefonieren", sagt er. "Im November waren die Verträge schon unterschrieben." Erste Nutzungspläne liegen inzwischen vor, und noch im Frühjahr dieses Jahres soll mit bauvorbereitenden Maßnahmen begonnen werden. "Zunächst werden wir das Gebäude direkt an der Adenauer-Allee für die Vermietung umbauen", blickt Gröner voraus. "Dort gewinnen wir Flächen mit mehr als 11 000 Quadratmetern für Büros, Werkstätten und Läger." Mietanfragen dafür gebe es schon jetzt genug, behauptet Gröner. Die erzielten Mieten will er dann komplett in die Entwicklung des eigentlichen Postbahnhofsgeländes stecken. Zwischen 50 und 80 Millionen Euro sollen in den nächsten fünf bis zehn Jahren in das Projekt fließen. Die denkmalgeschützten Bauten werden revitalisiert, die restlichen Brachflächen mit Neubauten erschlossen. Etwa 80 000 Quadratmeter stehen dafür bereit - viel Platz für Gewerbe, Logistik, Handwerker und Dienstleister. Sogar einen Busbahnhof kann sich Gröner vorstellen. Nur Einzelhandel will er nicht auf dem Gelände haben. Dafür ein Büro für den nebenan trainierenden Fußballclub FC International, den er ohnehin schon unterstützt.

Noch nagt der Rost an der mehr als 100 Jahre alten Halle des Postbahnhofs, wo einst Milliarden von Paketen umgeschlagen wurden.

Für sein Projekt Postbahnhof hat er sich wieder mit dem Architekturbüro von Peter Homuth zusammengetan. Gemeinsam mit ihm hat Gröner schon das frühere Rübesam-Areal in Leipzig-Plagwitz aus dem Dornröschenschlaf gerissen. Auf dem 18 Hektar großem ehemaligen Industriegelände sind Kunst- und Gewerbehöfe entstanden, auch moderne Produktionshallen und Räume für innovative Unternehmen oder Büros für trendige Dienstleister. Daneben Flächen und Gebäude für Gastronomie, Freizeit, Fitness und Kultur. "Aus dem Ladenhüter ist ein Erfolgsmodell geworden", sagt Gröner. "Gut für die Stadt und nicht so schlecht für uns Investoren."