Chaos in der Euro-Zone EZB gegen das Investorenrudel

In den Euro-Krisen-Staaten übernehmen jetzt Ökonomen die Führung, sie sollen die unheimliche Macht der Märkte eindämmen. Doch so sehr Europa auf Griechenlands Papademos und hoffentlich Italiens Monti setzen kann - sie allein werden die Krise nicht lösen. Vielmehr steht die EU vor der Frage: Verteidigt sie den Euro - oder gibt sie ihn auf?

Ein Kommentar von Alexander Hagelüken

In diesen Tagen könnte einem der seltsame Gedanke kommen, dass die Euro-Turbulenzen auch ihr Gutes haben. Immerhin vermag die Krise, was den Italienern in 17 Jahren misslang: Silvio Berlusconi von der Macht zu trennen. Der am längsten herrschende italienische Premier aller Zeiten hinterlässt eine Bilanz des Grauens. Sollte tatsächlich Ex-EU-Kommissar Mario Monti an die Spitze rücken und nicht einer von Berlusconis Protegés, bekommt das Land, was ihm schmerzlich fehlt: einen international geachteten Ökonomen, der nicht nur in seinen Urteilen unbestechlich ist.

Mit Italiens Problemen ist die Währungsunion am Scheideweg angekommen. Es gibt nur noch zwei Möglichkeiten: Entweder Europa verteidigt den Euro durch eine massive Garantie für seine Staaten - oder es gibt ihn auf.

(Foto: AFP)

Ähnlich positiv erscheint die Berufung des griechischen Notenbankers Lucas Papademos zum neuen Premier. Er versteht besser als manch anderer Kandidat, welche Signale man ausländischen Kreditgebern senden darf. Zwar ist auch Papademos von den Sünden der Vergangenheit nicht völlig frei. Er amtierte als Zentralbankchef, als Athen nur durch manipulierte Haushaltsdaten in den Euro gelangte. Damals geißelte er die Tricks keineswegs so klar, wie er nachher behauptete. Die Frage ist aber, welchen Einfluss er wirklich hatte. Papademos ist kein Teil des unfähigen Politsystems, das Griechenland in den Abgrund regierte - und deshalb eine Chance für das Land.

Vertrauen in die Reformkraft verschwunden

Vielleicht ist es kein Zufall, dass womöglich in beiden Krisen-Staaten unabhängige Ökonomen die Führung übernehmen. Ihnen trauen viele zu, der unheimlichen Macht der Finanzmärkte etwas entgegenzusetzen. Die Frage ist, ob sie über genug Durchsetzungskraft und Charisma verfügen, um die Sanierung bei Abgeordneten und Bürgern durchzusetzen.

So sehr Europa auf Papademos und hoffentlich Monti setzen kann, sie allein werden über das Schicksal des Euro nicht entscheiden. Das zeigte schon die frustrierende Reaktion der Investoren, als Berlusconi seinen Rücktritt ankündigte. Die Finanzierungskosten für italienische Anleihen stiegen trotzdem auf ein Niveau von mehr als sieben Prozent, das den Staat auf Dauer überfordern würde. Das Vertrauen in die Reformkraft der südeuropäischen Euro-Staaten ist so geschwunden, dass die Anleger flüchten.

Dabei hat Italien, anders als Griechenland, eine halbwegs moderne Volkswirtschaft mit international erfolgreichen Konzernen. Und obwohl Italien relativ wenig neue Schulden macht, prügeln die Märkte auf das Land ein - aber nicht auf Amerika, dessen Schuldenberg ähnlich beängstigend ist.

Leider bleibt Europas Regierungen wenig Zeit, um auf solche Widersprüche hinzuweisen - und darauf, dass erst die durch Banken verursachte Finanzkrise Italiens Schulden explodieren ließ. Der drittgrößte Euro-Staat muss nächstes Jahr 300 Milliarden Euro alte Kredite durch neue ersetzen - und er benötigt dabei ein Zinsniveau, das ihn nicht langfristig lähmt. Mit Italiens Problemen ist die Währungsunion am Scheideweg angekommen. Es gibt nur noch zwei Möglichkeiten: Entweder Europa verteidigt den Euro durch eine massive Garantie für seine Staaten - oder es gibt ihn auf.

Mehr Finanzkraft als das Investorenrudel

Eine Garantie bedeutet, dass im Notfall die Europäische Zentralbank (EZB) in noch größerem Stil Anleihen aufkauft, da der Rettungsschirm die Investoren nicht überzeugt und bei einem Absturz Italiens nicht ausreicht. Eine Notenbank verfügt als einzige Institution über eine so gewaltige Finanzkraft, dass ihr kein noch so großes Investorenrudel gewachsen ist. Eine Transformation der EZB zum letzten Kreditgeber wäre das Signal, dass Europa den Euro nicht den Spekulanten opfert.