Bezahlen Bargeld ist geprägte Freiheit

Profitieren würden von einer Abschaffung des Bargelds vor allem die Banken - die Bürger würden dagegen wieder ein Stück mehr überwacht.

(Foto: dpa)

Die Argumente gegen Scheine und Münzen sind schwach. Das Bargeld abzuschaffen, wäre vor allem anmaßend.

Kommentar von Marc Beise

Bares, zumal Münzen, kann lästig sein, besonders für Männer. Bargeld beult die Brieftasche aus, weshalb mancher darauf verzichtet und sich das Geld in die Hosentasche steckt, aus der es dann beim Sitzen unbemerkt herausfällt. Bündel Scheine wiederum werden mitunter im Hemd oder in der Jackentasche verstaut, was bei Gebrauch rasch ein wenig halbseiden aussieht.

Dagegen stehen die Segnungen der Elektronik: Die EC- oder Kreditkarte trägt kaum auf und erfordert kein Wechselgeld, sie ist einfach nur praktisch. Amerika-Reisende schätzen die schöne neue Welt, in der man klaglos kleinste Beträge im Schnellimbiss mit Karte bezahlen kann. Und weil die Systeme immer besser, das Angebot breiter und die Menschen bequemer werden, ist das Bargeld weltweit auf dem Rückzug.

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Der Kampf gegen das Bargeld wird schärfer

In zehn Jahren, hat kürzlich der Chef der Deutschen Bank gesagt, werde es wahrscheinlich kein Bargeld mehr geben. Ausgerechnet der, hat man da gedacht, wo doch die Deutsche Bank nicht eben im Ruf steht, gut mit Geld umgehen zu können. Aber klar, die Welt wird digital, und warum soll es dann ausgerechnet das Schmiermittel jeder Wirtschaft, das Geld, nicht auch werden? Immer mehr Experten sprechen vom Ende des Bargelds, in immer mehr Ländern gerät Geld aus der Mode, zum Beispiel in Dänemark.

Noch aber ist dieser Trend in Deutschland nicht angekommen, im Gegenteil wollen die meisten Bürger aufs Bare nicht verzichten - weshalb dessen Gegner nun aufrüsten. Der Kampf gegen das Bargeld nimmt an Schärfe zu, er wird verdächtigerweise sehr einträchtig geführt von Geschäftsbankern, Notenbankern und jetzt auch von Politikern. Letztere wollen eine Obergrenze für Bargeschäfte einführen, um dem weltweiten Terror das Handwerk zu legen, und der internationalen Mafia gleich mit, von Drogenhandel und Schwarzarbeit ganz zu schweigen. Das ist gut gemeint wie immer bei Politikern, und es geht ja nur um große Summen: 5000 Euro könnte sich die Bundesregierung als den Zahlbetrag vorstellen, von dem an man sich strafbar machte, wie oft trägt man so viel Geld mit sich herum?

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Es geht um Kontrolle, und um Anmaßung

Nur: Glaubt jemand ernsthaft, man würde Kriminalität verhindern können, wenn man größere Bargeldsummen verbietet? Bargeld ist eine relativ neue Sache. Kriminalität ist uralt. Und läuft da nicht längst ganz viel im Netz? Nicht sehr stichhaltig sind auch die Argumente der Banken. Für sie wird das Geschäft einfacher ohne Bargeld, effizienter, lukrativer. Die Notenbanken wollen bei Bedarf die Bürger zum Geldausgeben anhalten, indem sie bei Bedarf Strafzinsen berechnen für die, welche ihr Geld horten. Gibt es noch Bargeld, kann man dem ausweichen, indem man einfach Geld abhebt. Alle diese Bemühungen gegen das Bargeld haben einen gemeinsamen Nenner: Es geht um Kontrolle - und um Anmaßung.

Jenseits von 5000 Euro, sagen SPD-Politiker, gebe es keinen "plausiblen, legalen" Grund mehr, Geschäfte mit Bargeld abwickeln zu wollen - gut, dass die SPD das so genau weiß. Der Bürger braucht aber keinen Grund, mit viel oder wenig Bargeld zu bezahlen, er muss sich nicht rechtfertigen. Was er mit seinem Geld macht, geht zunächst niemanden etwas an, keinen Staat und auch keine Bank. Bargeld ist, ein Wort des Russen Fjodor Dostojewski abgewandelt, geprägte Freiheit. Man kann auch sagen: gelebter Datenschutz. Wenn das Bargeld abgeschafft wird, ist Big Brother nicht weit.

Die Abschaffung des Bargelds wäre viel mehr als nur ein technischer Vorgang

Die Deutschen haben im Laufe der Geschichte mehrfach die Bedeutung von Bargeld erlebt, im Guten wie im Schlechten. In des Volkes Erinnerung ist die Hyperinflation der Weimarer Republik, als im Dezember 1923 in Berlin ein Liter Milch 360 Milliarden Reichsmark kostete. Beinahe wertloses Papiergeld, nicht schön anzusehen, unpraktisch, aber ein Hinweis auf das, was schieflief. Oder die Währungsreform vom 20. Juni 1948, als jeder Bürger zunächst 40 D-Mark "Kopfgeld" erhielt und damit das Wirtschaftswunder startete. Das Begrüßungsgeld 1989, als jeder Ostdeutsche sich im Westen 100 Mark bar auf die Hand abholen konnte: geprägte Freiheit eben. Den Tausch Mark gegen Euro, verkörpert in den Starterkits im Dezember 2001 mit 20 Euro-Münzen. Das waren im Wortsinne handgreifliche Erfahrungen. All das soll nun anonym im Netz verschwinden?

Wenn das Bargeld nun begrenzt, womöglich abgeschafft würde, dann wäre das nicht allein ein technischer Vorgang. Es ist dies ein Zeichen: "Wer das Bargeld abschafft, schafft die Freiheit ab", sagt der Dichter Hans Magnus Enzensberger. In einer reglementierten Welt ist die beliebige Verfügbarkeit von Bargeld eine der letzten Nischen der Freiheit. Sie sollen bewahrt werden. Rettet das Bargeld!

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