Betrugsmasche Vorsicht, Dachhaie

Hausierende "Handwerker" treiben in Deutschland ihr Unwesen. Sie bieten Hausbesitzern oft die unnötige Beschichtung oder Reinigung ihres Daches an.

(Foto: Frank Rumpenhorst/dpa)

Dubiose Handwerker bieten ihre Dienste gern an der Haustür an. Sie überrumpeln Immobilienbesitzer und verweisen auf vermeintliche Schäden. Doch wer sich darauf einlässt, erlebt oft böse Überraschungen.

Von Marianne Körber

Es ist an Frechheit kaum zu überbieten. Sie legen die Menschen auf perfide Art und Weise herein, manchmal sogar zwei Mal hintereinander. Und trotz aller Warnungen sind sie wieder unterwegs, die Dachhaie. Die Innungen und Kammern bemühen sich seit Jahren, den Betrügern das Handwerk zu legen, und dennoch finden diese falschen Experten immer wieder Opfer, im Norden Deutschlands ebenso wie im Süden.

Die Masche der Dachhaie ist simpel. Sie suchen sich meist ältere Hausbesitzer aus, gern alleinstehende Damen, gern auf dem Land, und bieten ihnen an der Haustür sehr freundlich ihre "Dienste" an. "Rein zufällig" haben sie gesehen, dass auf dem Dach etwas nicht stimmt, ein paar Ziegel locker sind, etwas morsch ist oder einfach nur verschmutzt. Und rein zufällig haben sie oft schon alles dabei, was für die Reparatur nötig ist, Gerüst, Geräte, und natürlich haben sie auch Zeit. Jetzt oder in zwei Wochen, wenn die Widerrufsfrist für "Haustürgeschäfte" abgelaufen ist (siehe Kasten unten). Und die Kosten? Kaum der Rede wert, supergünstig, ein Sonderangebot. Wenn die älteren Herrschaften dann unterschrieben haben, gibt es kaum noch ein Entrinnen. Die reisenden Handwerker steigen ihnen aufs Dach, und richten dort oft erst richtig Schaden an.

Einer der jüngsten Fälle: eine 74-jährige Forchheimerin. Sie ließ sich an der Haustür zu kleinen Reparaturarbeiten überreden, für 100 Euro. Sie setzte ihre Unterschrift unter den Vertrag, die Dachdecker kamen nach 14 Tagen und stellten plötzlich einen Schaden von 1500 Euro fest. Was sein muss, muss sein, dachte die Hausbesitzerin, und unterschrieb erneut. Da witterten die falschen Handwerker Morgenluft - und machten einen handschriftlichen Kostenvoranschlag von mehr als 15 000 Euro. Aus der kleinen Reparatur wurde plötzlich eine komplette Dachsanierung. Jetzt erst schlugen bei der Dame die Alarmglocken; sie bat ihre Söhne um Hilfe, und die rieten zur Stornierung des letzten Vertrags. Die 1500 Euro aber musste sie bezahlen.

"Je mehr betrogen wird, desto weniger gehen die Menschen damit an die Öffentlichkeit."

Über einen ähnlich schrägen Fall berichtete die Kieler Kriminalpolizei. Anfang November war es, als vermeintliche Handwerker einer Demenz-kranken 86-Jährigen an der Haustür ihren Service anboten. Sie wollten am Grundstück der Seniorin Arbeiten durchführen, gegen Barzahlung. Die Frau gab den Männern zunächst 800 Euro, wenige Tage später dann weitere 700 Euro für Reinigungsarbeiten an ihrer Terrasse, die nicht fachgerecht durchgeführt wurden. Dass die alte Dame nicht so viel Bares zu Hause hatte, störte die angeblichen Experten wenig: "Die Handwerker fuhren die Frau sogar mit einem weißen Lieferwagen zu einer Bankfiliale, wo sie das Geld jeweils abhob und den Männern aushändigte", berichtete die Kripo. Sie empfiehlt dringend, sich nicht auf Haustürgeschäfte einzulassen und in besonders dreisten Fällen eine ganz bestimmte Nummer zu wählen: 110.

Betrogen und getrickst wird auf vielfältigste Art und Weise. So geben sich dubiose Handwerker als Mitarbeiter von bekannten Innungsbetrieben aus, um an Aufträge zu kommen. Nach deren Erledigung "sparen" sie sich dann aber das Ausstellen einer für das Finanzamt notwendigen Rechnung. Wer bar bezahlt, kann aber nicht von den Steuervorteilen profitieren - 20 Prozent der Arbeitsleistung sind absetzbar. Das Anmahnen von korrekten Rechnungen und Beschwerden bei der Innung bleibt logischerweise erfolglos.

Mit welchen Maschen die Betrüger auch unterwegs sind (siehe Artikel rechts), das Ziel ist stets, die Hausbesitzer zu prellen. Wie viele solche Fälle es schon gegeben hat, lässt sich nicht beziffern. Wem so übel mitgespielt wurde, der schämt sich oft, und geht nicht zur Polizei. Es mag auch sein, dass manche gar nicht mitbekommen haben, dass sie übers Ohr gehauen wurden. Doch die Warnungen häufen sich, die Polizei führt für Senioren Informationsveranstaltungen durch, Innungen berichten immer wieder von dubiosen Machenschaften und Drückerkolonnen; Anrufe von enttäuschten und verärgerten Kunden gehören bei ihnen inzwischen zum Alltag.

Warum ist es so schwer, die Betrüger zu stoppen? Markus Schmidt, Obermeister der Dachdecker-Innung Bamberg-Forchheim: "Je mehr betrogen wird, desto weniger gehen die Menschen damit an die Öffentlichkeit." Die dubiosen Handwerker grasten ganze Wohngebiete ab, und wenn sie einen Hausbesitzer herumgekriegt hätten, gingen sie zum Nachbarn, schildert Schmidt die Lage. "Die finden immer jemanden", sagt er, und wenn's der Nachbar macht, kann es ja nicht so verkehrt sein. Es sind in der Tat viele, die in die Falle tappen. Schmidt schätzt ihre Zahl in Oberfranken - Dachdecker- und Malerarbeiten zusammengenommen - auf 100 bis 200, und das allein in den vergangenen sechs Monaten.

Seriöse Fachleute kommen nicht ohne Aufforderung

Es sei einfach gruselig, und man könne nichts dagegen tun, außer aufzuklären. Haustürgeschäfte seien schließlich nicht verboten. Aber "seriöse Firmen machen keine", sagt Schmidt. "Niemand käme auf die Idee, ein Auto von einem Unbekannten an der Haustür zu kaufen oder sein nächstes Gebiss bei ihm in Auftrag zu geben", wundern sich Schmidt und sein Kollege, Maler- und Lackierermeister Erwin Held. Sie fordern die Menschen auf, sich vor der Auftragsvergabe über die Unternehmen zu informieren und mehrere Angebote einzuholen. Wenn der Vertrag erst einmal unterschrieben sei, sei es zu spät, zumal die Kunden in diesen Verträgen oft auf ihr Widerrufsrecht verzichteten. Betroffene könnten dann zwar einen Rechtsanwalt und einen Sachverständigen engagieren, aber das koste noch einmal Geld, und die Aussichten auf Erfolg seien eher gering. Die Betrüger aber machten "einen Riesen-Reibach", und ruinierten dabei das Geschäft von ehrlichen Handwerkern.

Auch viele andere Dachdeckerinnungen warnen die Kunden, so die in Bremen. Sie listet beispielsweise auf, was seriöse Dachdecker ausmacht: Sie kommen nicht ohne Aufforderung, beginnen die Arbeit erst nach einem schriftlichen Angebot, erstellen einen Montagebericht, verlangen die Bezahlung erst nach Abschluss der Dienstleistungen und fordern nie Barzahlung.

Falsche Handwerker machen sich aber nicht nur auf dem Dach zu schaffen, sie haben längst andere Bereiche für sich entdeckt: Sie legen - angeblich - feuchte Keller trocken und "sanieren" schimmelige Wände, sie betätigen sich als Kanalreiniger und treten im Namen von Kommunen auf. Dass sie mit ihrer Masche Erfolg haben, liegt auch hier daran, dass sie Menschen unter Druck setzen und mit Niedrigpreisen locken - wer würde nicht gern sparen?

Wer in die Falle getappt ist und bereits bezahlt hat, sieht sein Geld nie wieder. Nur in seltenen Fällen konnten Firmen wegen unberechtigter Handwerksausübung bestraft werden. Die meisten kommen unbehelligt davon: Weil das Widerrufsrecht ausgehebelt wurde, weil Firmenangaben dürftig oder falsch sind, weil die Helfer zu Drückerkolonnen gehören, die längst über alle Berge verschwunden sind. Vielen Opfern bleibt nichts anderes übrig, als das Ganze als Lehrgeld abzuhaken. Und wie die Forchheimerin an die Öffentlichkeit zu gehen, um andere vor ähnlich schlechten Erfahrungen zu schützen.