Bargeld Prall gefüllte Briefumschläge und Portemonnaies

Reisen ohne Rechnen

Südfrankreich im Sommer 2002: Das Abi in der Tasche, auf dem Weg ans Meer, was war die Welt grandios, grenzenlos. Genauso wie Europa, das in diesem Jahr noch grenzenloser schien. Zumindest fielen mit dem endlich eingeführten Euro all die lästige Wechselei und Rechnerei weg. Erledigt hatte sich eine der großen Fragen des Reisens: Wie viel soll ich nur wechseln? Genauso wie das Reste-Problem, die Münzen, vielleicht noch ein paar kleine Scheine, die sich vor der Heimreise partout nicht mehr ausgeben ließen. Macht ja nichts, dachte der Reisende stets, beim nächsten Besuch nimmt man das Kleingeld einfach wieder mit. Nur passiert ist es nie. Jahrzehntelang mischten sich Francs und Rubel, Lira und Pfund, Schilling und Gulden wild in der Schublade. Vorbei war all das 2002, dank des Euro. Eine Währung für alle, und statt monetären Altmetalls gab es interessante neue Münzen, die auch daheim noch etwas wert waren. Alles viel praktischer mit dem brandneuen Bargeld, viel einfacher. Nur für den Abiturienten in der Praxis auch ziemlich ernüchternd. Auf den ersten Blick war unmissverständlich klar, was das Leben an der Côte d'Azur wirklich kostet. Die Erkenntnis war für den Abiturienten dann gar nicht mehr so grandios.

Kurzer Reichtum

Ein Briefumschlag voller Geld. So dick und schwer, dass man davon gefühlt ewig leben könnte. Er ist ein Geschenk, eine Unterstützung für die erste eigene Wohnung. Am Anfang ist das Bündel Scheine nur dafür da, angeschaut zu werden. Es wird herausgenommen, durchgeblättert. Manche Scheine sind frisch und noch ganz steif. Andere abgegriffen und dreckig. Im Umschlag riecht es irgendwie unanständig. Ja, man hat das Vielfache davon auf dem Konto, aber als Bündel drängelt es sich ständig in die Gedanken der Besitzerin. Erst nimmt sie ein paar Scheine für das Sofa heraus. Dann für den Sessel. Den Ikea-Einkauf. Die Wandfarbe und Diverses aus dem Baumarkt. Der Umschlag wird schmaler. Die Besitzerin verunsichert das, sie hängt an den Scheinen. Sie beginnt, weitere Anschaffungen mit der Karte zu bezahlen. Am Ende hat sie weit mehr ausgegeben als im Umschlag war. Typisch, sagen Verbraucherschützer: Wer bargeldlos zahlt, gebe viel schneller viel mehr aus und verschulde sich auch einfacher. Schließlich ist es doch etwas anderes, eine Karte ins Lesegerät zu stecken, als Fünfziger abzuzählen.

Keine Scheine, keine Verbrecher - was gegen Bargeld spricht

Ohne Münzen und Scheine ließen sich Kriminalität besser bekämpfen und Finanzkrisen besser lösen. Von Harald Freiberger mehr ...

Elektro-Trinkgeld

Ein prall mit Bargeld gefülltes Portemonnaie zu haben, ist ja an sich etwas Schönes. Wenn man in einer überfüllten Kneipe kellnert und sich mit vollen Biergläsern zwischen angetrunkenen Menschen durchschieben muss, kann man aber schon ein mulmiges Gefühl bekommen. Denn am Ende des Abends trägt man manchmal mehr Geld mit sich herum als der studentische Aushilfsjob im Monat einbringt. Da kann man nur hoffen, dass niemand unbemerkt den kleinen Haken öffnet, der den Geldbeutel am Gürtel befestigt. Wenn es kein Bargeld gäbe, gäbe es auch weniger Trinkgeld, sagen Verteidiger der Geldscheine. Doch erstens kann schon jetzt jeder mit der Karte den gewünschten Trinkgeldbetrag überweisen und zweitens: Was machen schon ein paar Euro weniger gegen den Verlust eines ganzen Abendumsatzes? Den muss man nämlich im Zweifel selbst finanzieren. Das eigene Bier fällt dann wohl weg.

Geld in der Tasche

Eine Kugel Erdbeereis, der neueste Mickey-Maus-Comic oder eine Tüte Süßigkeiten am Kiosk: Die Investitionsmöglichkeiten für das wöchentliche Taschengeld sind seit jeher fast unbegrenzt. Taschengeld - schon der Name verrät, dass es sich dabei um Münzen oder Scheine handeln muss. Die, einmal von den Eltern mit mahnender Miene verteilt, für die folgenden Stunden oder gar Tage bedeutungsvoll in den Hosentaschen klimpern und knistern. Wie falsch dagegen würde es sich für Eltern anfühlen, einen Dauerauftrag über wenige Euro auszufüllen, zahlbar zum letzten Werktag jeder Woche? Ihr Eis zahlen die Kinder dann mit Kreditkarte? Überhaupt ist Bargeld eindrücklicher als ein virtueller Kontostand: Es lässt sich stapeln, sortieren, in Häufchen sammeln. Und sie lassen sich mit schwitzigen Kinderfingern wieder und wieder umdrehen. Zum Beispiel dann, wenn die Entscheidung pro oder contra Gummibärchen mal wieder länger dauert.

Kredit ohne Karte

Nello macht tolle pasta alla puttanesca, die beste Holzofen-Pizza weit und breit, die Einrichtung seines Restaurants ist angenehm unprätentiös - man könnte auch sagen: von gleichgültiger Hässlichkeit. Alles perfekt. Nur eins bietet Nello nicht an: Bargeldloses Bezahlen. Keine Kreditkarten, keine EC-Karten, aus Prinzip nicht. Diese Verbrecher mit ihren Gebühren! Und weil im Portemonnaie natürlich keine Scheine stecken, wird es nach dem Espresso ungemütlich: Ins Auto, zum Automaten, Geld holen, wieder ins Auto, Geld abliefern. Bis zum dritten Besuch. Dann sagt Nello den wunderschönen Satz: "Gibst Du mir einfach beim nächsten Mal." Irgendwo hinterm Tresen liegt dann ein unleserlicher Zettel, auf dem Nello eine Zahl zu finden vorgibt, wenn man ihn beim nächsten Besuch daran erinnert. Irgendwie schade, wenn es das mal nicht mehr geben sollte.

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Wer würde vom Ende des Bargelds profitieren?

Die Bundesregierung plädiert für ein Bargeld-Limit von 5000 Euro. Andere vermuten, dass Scheine und Münzen auf Dauer ganz verschwinden. Das hätte gewaltige Folgen. Von Markus Zydra mehr ...