Zehn Jahre Facebook Der Julia-Engelmann-Blues der Softwareentwickler

Evan Spiegel ist 23 Jahre alt, Sohn einer wohlhabenden amerikanischen Anwaltsfamilie. Gemeinsam mit einem Freund hat Spiegel eine Software entwickelt, die eine der grundlegendsten Ideen zerschmettert, an die im Internet bisher geglaubt wurde: an das unbegrenzte Speichern von Informationen. "Snapchat" heißt sein Programm, das nicht nur Fotos und Videos zwischen Smartphone verschickt, sondern sie auch mit einem Verfallsdatum versieht.

Öffnet der Empfänger die Datei, bleibt ihm eine vom Sender bestimmte Zeitspanne, danach wird das Objekt für immer gelöscht. Es ist wie ein digitaler Radiergummi, der Beginn einer digitalen Vanitas. Netz-Kommunikation erinnert hier wieder mehr an ein Kneipengespräch als an einen Briefwechsel. Schau mal! Gesehen? Okay, anderes Thema.

Leben im Hier und Jetzt

"Die Art, wie traditionelle soziale Medien Identität verstanden haben, ist radikal: Du bist die Summe deiner veröffentlichten Erlebnisse", referierte Spiegel kürzlich bei einem Wirtschaftstreffen in den USA. Dieses ewige Schaulaufen, dieses Rumgeprotze, diesen fortwährenden Blick auf die Vergangenheit wären die Leute aber nun leid, weshalb Snapchat das Prinzip umkehre. "Wir sind, wer und wie wir heute sind, genau jetzt", sagt Spiegel. Wenn jedes Bild, jede Videosequenz nach einigen Sekunden wieder verschwindet, muss man sie eben im Gedächtnis behalten, sie lässt sich nicht dauerhaft in einer digitalen Timeline darstellen.

Die vielen Gesichter des Gesichtsbuchs

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Leben im Hier und Jetzt, das ist der Julia-Engelmann-Blues, der junge Softwareentwickler gerade umtreibt. Und die Menschen mögen dieses Snapchat-Prinzip. Was die Anzahl der täglich verschickten Fotos angeht, hat Snapchat Facebook bereits überholt. Mark Zuckerberg hat das erkannt. Er wollte Snapchat aufkaufen. Doch Spiegel schlug nicht nur ein Milliardenangebot aus. Er machte sich in einem unwürdigen Spektakel auch noch über den Facebook-Chef lustig und veröffentlichte dessen E-Mails auf Twitter.

"Wenn du immer unter dem Druck deiner realen Identität stehst, dann denke ich, dass dies schon irgendwie eine Bürde ist", sagte Zuckerberg kürzlich in einem Interview. Ein bemerkenswerter Satz für einen Mann, der die Identität im Internet schließlich eingeführt hat. Ein bisschen so, als hätte Henry Ford nach Erfindung der Fließbandproduktion ein liebevolles Lob auf die Handarbeit angestimmt. Oder Steve Jobs nach der Erfindung des iPhones die Wählscheibe und den Bakelit-Hörer gepredigt.

Sexy oder seriös

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