Online-Lexikon Wikipedia: Mehr als hundert Fehler, super!

Immer weniger Menschen schreiben für Wikipedia. Wer selbst dabei war, weiß, warum.

Von Thomas Urban

"Wikipedia stirbt", verkündete unlängst ein deutsches Lifestyle-Magazin. Der Grund: Immer weniger Autoren wollen bei der Internetenzyklopädie mitmachen. Noch sind die Exitus-Meldungen verfrüht und übertrieben: Wikipedia zählt mittlerweile fast 35 Millionen Artikel in rund 280 Sprachen, jeden Tag nutzen Millionen Menschen das Lexikon. Am größten ist die englischsprachige Version mit knapp fünf Millionen Artikeln, die deutschsprachige liegt mit fast 1,9 Millionen auf dem zweiten Rang, kann dafür aber im Durchschnitt mit den ausführlichsten Darstellungen aufwarten. Doch die Begeisterung, eigenes Wissen mit aller Welt zu teilen, erfasst immer weniger Menschen. 2007 war dabei der Gipfel erreicht, seitdem geht es kontinuierlich bergab.

Wissenschaftler der Universitäten von Berkeley, Washington und Minnesota haben in der Studie "The Rise and Decline of an Open Collaboration System" zwei Hauptgründe für diese abfallende Kurve ausgemacht: Da ist zum einen das abschreckend komplizierte Regelwerk der Wikipedia. Wer dagegen verstößt, dessen Textbeiträge werden "revertiert", also gelöscht. Zum anderen mangelt es an Willkommenskultur: zwar gibt es viele Empfehlungen, wie neue Autoren zu behandeln sind - doch das klappt selten.

Der Grundton auf den Diskussionsseiten, die es zu jedem Artikel gibt, ist gereizt, die in den Wikipedia-Regeln vorgeschriebene Freundlichkeit eher die Ausnahme. Die amerikanischen Wissenschaftler haben dem Gesamtphänomen einen Namen gegeben: "Calcification" - Verkalkung. Wikipedia leidet an fortschreitender bürokratischer Erstarrung, die den verzweifelt gesuchten "goldenen Autoren", die sowohl guten Willen als auch profundes Fachwissen mitbringen, das Mitmachen verleidet.

Ein Fußballexperte klagt

Besonders schwer von den rückläufigen Zahlen der Autoren ist die deutschsprachige Version des Lexikons betroffen. Die Zahl der aktiven Wikipedianer ist auf mehrere Tausend zurückgegangen. Manche der langjährigen Aktivisten begründen ihren Ausstieg, so wie etwa der Fußballexperte mit dem Pseudonym Ureinwohner. Auf seine Profilseite hat er den Spruch gestellt: "Die Revolution frisst ihre eigenen Kinder ... die Wikipedia auch".

Der Italienexperte Hans-Jürgen Hübner merkt auf seiner Seite an: "Leider hat die unangemessene Diskussionskultur sehr viele Autoren verprellt - und noch viel mehr von vornherein abgeschreckt." Hinzu kommt, dass von den verbliebenen Aktivisten nur ein Bruchteil zur inhaltlichen Erweiterung und Verbesserung beiträgt. Die meisten sind Häkchenmacher: Sie beschränken sich auf die Korrektur von Komma- und Tippfehlern, vereinheitlichen Textformate, verlinken Textelemente. Dies ist kein Kleinkram, sondern Kärrnerarbeit, damit die Enzyklopädie überhaupt funktioniert.

Doch bei den Inhalten ist man im Kriechgang angelangt. Um die WP-User zu mehr Aktivität und Kreativität zu verleiten, werden einige interne Auszeichnungen ausgelobt, vom "Wikikranz mit Stern" über den "Artikel des Tages" bis zum "Schreibwettbewerb". Der Erfolg ist überschaubar: nur wenige Dutzend beteiligen sich daran. Und die Ergebnisse sind mitunter angreifbar, wie ein sich seit drei Jahren hinziehender bizarrer Streit um den "Schreibwettbewerb 2011" zeigt, bei dem der Artikel "Das Massaker von Katyn" siegte. In der Nähe dieses russischen Dorfes hat Stalin 1940 mehr als 4000 polnische Offiziere und Fähnriche, überwiegend Reservisten mit Hochschulbildung, erschießen lassen. Der 75. Jahrestag war Anlass für eine Gruppe junger Historiker, Publikationen dazu zu untersuchen, darunter auch den preisgekrönten Wikipedia-Artikel. Das Ergebnis: Er enthält mehr als 130 Sachfehler, darunter einige schwere Brocken, und er ignoriert die neue Fachliteratur vollkommen.