Wikileaks-Gründer Assange Enthüller mit umstrittener Mission

Veröffentlichung um jeden Preis: Die Arbeit des Wikileaks-Gründers Julian Assange findet nicht nur Zustimmung. Vor allem für seinen Dogmatismus erntet er heftige Kritik.

Von Andrian Kreye

Die geheimnisvolle Aura steht Julian Assange gut. Wenn der Gründer der Aufdecker-Webseite Wikileaks spricht, dann senkt er seine Stimme, lässt seinen Blick schweifen, während er nach Worten sucht, die dann so vorsichtig gewählt sind, als ob jeder Satz einer juristischen Prüfung standhalten muss.

Genau so stellt man sich einen Aufklärer vor, der mit der Veröffentlichung von geheimen Dokumenten im Internet regelmäßig Staatsregierungen in Bedrängnis bringt. Seitdem Wikileaks das Bordvideo eines amerikanischen Kampfhubschraubers ins Netz stellte, dessen Besatzung irakische Zivilisten erschoss, wird Assange vom amerikanischen Amt für Heimatschutz gesucht und vom Weißen Haus verflucht. Nach Amerika reist er nicht mehr.

Mit seinen weißen Haaren wirkt der Australier älter als seine 39 Jahre. Seine eigene Geschichte bleibt so geheimnisvoll wie seine Aura. Als junger Teenager lebte er angeblich mit seiner Mutter und seinem Halbbruder auf der ständigen Flucht vor dem Vater seines Halbbruders, der einer sinistren Sekte angehörte.

Mit 16 begann Assange auf einem Commodore-64-Computer Programme zu schreiben und zu hacken, also über Telefonleitungen und das Internet unerlaubt in fremde Computer einzudringen. Er schloss sich einer Hackergruppe mit dem Namen "International Subversives" an.

Zwischen Transparenz und Dogmatismus

Und er entwickelte einen dogmatischen Glauben daran, dass jede Art von Daten und Informationen für jedermann zugänglich sein müsse. Mit zwanzig wurde er für diesen Glauben zum ersten Mal verhaftet. Weil er in den Zentralcomputer der kanadischen Telefonfirma Nortel eingedrungen war, stellte man ihn wegen kriminellen Hackens vor Gericht. Das Urteil war milde. Assange musste lediglich ein wenig Schadensersatz entrichten.

Trotzdem bezahlte er einen hohen Preis. Seine Frau verließ ihn mit dem gemeinsamen Kind. Und es quälten ihn schwere Depressionen. Assange schlug sich mit Jobs durch, reiste durch die Welt, studierte Physik.

2006 begann er mit seiner Arbeit an der Wikileaks-Webseite. Im Dezember desselben Jahres ging Wikileaks.org ans Netz. Das erste Dokument war der Befehl eines somalischen Rebellenführers, Regierungsbeamte zu ermorden. Bis heute ist nicht sicher, ob das Dokument authentisch ist.

In den vergangenen dreieinhalb Jahren veröffentlichte Wikileaks Hunderttausende geheime Dokumente. Zwei legendäre Aufdecker erklärten sich mittlerweile mit Julian Assange solidarisch: Daniel Ellsberg, der Entdecker der "Pentagon Papers", und der investigative Reporter Seymour Hersh, der unter anderem die Fotos aus dem Abu-Ghraib-Gefängnis veröffentlichte.

Zwischen Enthüllung und Verrat

Trotzdem ist Assanges Arbeit umstritten. Als er vorletzte Woche als unangekündigter Überraschungsgast auf der Ted-Konferenz in Oxford auftauchte, wurde er zwar als Freiheitskämpfer des digitalen Zeitalters gefeiert.

Doch ein anderer Konferenzgast, der ehemalige Infanterie-Leutnant und Gründer der unabhängigen Organisation für Veteranen der Kriege in Irak und Afghanistan, Paul Rieckhoff, war ganz anderer Meinung. "Bin kein Fan", drückte er sich höflich aus.

Denn mit seinem dogmatischen Willen, jede Art von Geheimdokumenten unzensiert ins Internet zu stellen, bewegt sich Assange im Graubereich zwischen Enthüllung und Verrat.

Wikileaks zensiert beispielsweise keine Namen. Und noch eines unterscheidet ihn von Aufdeckern wie Seymour Hersh. Assange und sein Team stellen die Dokumente meist ohne Kontext ins Netz. Den zu schaffen überlassen sie den Medien und der Internetgemeinde.

Lesen Sie hierzu Berichte in der Süddeutschen Zeitung.