Wikileaks-Finanzierung Assange und der Irak-Scoop

Assange hatte das Gefühl, dass Medien ihr Interesse verlieren, sobald Daten allgemein zugänglich und kostenlos sind. So versuchte er 2008, ein weiteres geheimes Datenpaket unter Zeitungsverlagen zu versteigern.

Doch die Auktion von 7000 E-Mails eines früheren Redenschreibers des venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez erwies sich als juristisch und organisatorisch zu aufwendig.

Es dauerte etwa ein weiteres Jahr, bis Assange ein Geheimpaket mit einem Video aus dem Irak erhielt, von dem er wusste: Das könnte der Scoop werden, der die Aufmerksamkeit für ausreichend Spenden erzeugt.

Unter dem Code-Name ProjectB machte sich Assange daran, das Videomaterial zu entschlüsseln, mit Ton zu versehen und auf eine sichere Webseite zu stellen, um es zu veröffentlichen. Dafür zog er sich mit einem halben Dutzend Wikileaks-Aktivsten nach Island zurück. In der Hauptstadt Reykjavik mieteten sie sich ein unauffälliges Haus, das sie von da an nur noch "den Bunker" nannten.

Mit dabei war auch der dänische Hacker und Internet-Unternehmer Rop Gonggrijp. "An allen Tagen bis auf einen habe ich in Reykjavik im Bunker mitgearbeitet, eingesperrt hinter zugezogenen Vorhängen", berichtet er über die geheime Mission.

Nach einigen Wochen, in denen er sich vor allem von Chips, Salzstangen und Pizza ernährte, war das Band entschlüsselt und fertig geschnitten. Am Ostermontag, in einer Zeit ohne große Medien-Ereignisse, präsentierte Assange das Video.

"Ein neues Finanzierungsmodell"

Darauf ist zu sehen, wie amerikanische Soldaten aus einem Hubschrauber irakische Zivilisten erschießen. Die Bilder scheinen so viele Menschen bewegt zu haben, dass Wikileaks zwei Tage später über Twitter mitteilte: "Seit Montag haben wir mehr als 150.000 Dollar Spenden bekommen. Ein neues Finanzierungsmodell für den Journalisms."

Nun konnten die Internet-Rechercheure weitere Datenleitungen, den Unterhalt neuer Server in mehreren Ländern und Reisekosten bezahlen. Obwohl einige Unterstützer weiterhin kostenlos Computer, Leitungen und auch juristische Hilfe zur Verfügung stellen, betragen die festen Jahreskosten der Organisation 150.000 Euro.

Allerdings strebt Wikileaks jährliche Einnahmen von 460.000 Euro an. Davon könnten die fünf festen Mitarbeiter und einige der etwa 900 Gelegenheitshelfer künftig Aufwandsentschädigungen erhalten. Bislang bekommt nicht einmal Assange ein Gehalt. Er lebt von Erspartem, hat keinen festen Wohnsitz und schläft auf seinen permanenten Reisen oft bei Freunden.

Der neue Erfolg rief jedoch auch Kritiker auf den Plan. Auf der konkurrierenden Internetseite Cryptome.org, deren Betreiber ebenfalls geheime Dokumente veröffentlichen, schrieb Anfang Juli ein anonymer Besucher über Wikileaks: "Was uns beunruhigt ist, dass der Empfang von Spenden immer undurchsichtiger wird." Assange sei der einzige mit direktem Zugang zu Finanzmitteln bei der Organisation, monierte der selbsternannte "Insider" und fragte: "Herr Assange, wo ist das Geld von Wikileaks?"