Universalhistoriker Yuval Harari "Warum benötigst Du Menschen in der Wirtschaft?"

Was ist mit der Prognose, dass der Zugang zu neuen Technologien größere Teilhabe erlaubt? Wo liegt der Fehler?

Ich weiß nicht, ob die Prognose falsch ist. Ich weise allerdings darauf hin, dass ihr ein Denkmuster in den Strukturen des 19. und vor allem des 20. Jahrhunderts zugrunde liegt, dem Massenzeitalter. Damals profitierten in der Tat unglaublich viele Menschen von der technologischen und medizinische Entwicklung, man betrachte nur die Steigerung der Lebenserwartung zwischen 1900 und 2000. Aber dieser Einfluss der Massen ist in der Geschichte der Menschheit nur ein klitzekleines Fenster, und wir können nicht automatisch davon ausgehen, dass er auch im 21. Jahrhundert bestehen bleibt.

Wieso sollte es anders sein?

Im vergangenen Jahrhundert brauchten die Eliten die Massen, für die Armeen und die Fabriken. Wer eine starke Wirtschaft und eine starke Armee wollte, musste einfachen Arbeitern zumindest Grundbildung, ein Sozial- und Gesundheitssystem geben, in den Wohlstand einer Gesellschaft investieren. Im 21. Jahrhundert brauchen kein Land mehr eine große Armee, sie benötigen eine kleine Zahl von Experten und gute Technik. Und auch in der Wirtschaft ist es angesichts hochintelligenter Maschinen und Computer überhaupt noch nicht klar, wer überhaupt noch gebraucht wird.

Die Furcht, dass Maschinen den Menschen ersetzen, gab es bereits in der industriellen Revolution.

Menschen haben zwei Arten von Fähigkeiten, physische und kognitive. In der industriellen Revolution ersetzten Maschinen viele jener Jobs, die physische Fähigkeiten benötigten, konnten aber bei den kognitiven Fertigkeiten nicht mithalten. So entstanden mehr und mehr neue Jobs, die kognitive Fähigkeiten voraussetzten. Nun aber haben wir Maschinen, die immer stärker in kognitiven Dingen mit uns konkurrieren. Aber wir können nicht einfach sagen: Gut, jetzt erledigen die Maschinen auch die kognitiven Aufgaben, dann machen wir eben etwas anderes - denn es gibt sonst nichts. Zumindest können wir noch nichts in dieser Art erkennen. Wenn Maschinen in physischen und kognitiven Aufgaben besser sind, was bleibt uns dann?

Gibt es keine optimistische Interpretation dieser Entwicklung?

Ja, die lautet: Es wird schon etwas entstehen. Nur: Warum sollte das so sein? Wir erleben etwas völlig Neues, die Entkopplung von Intelligenz und Bewusstsein. In der Geschichte der Menschheit gingen Intelligenz und Bewusstsein bislang immer zusammen, die einzigen Wesen mit hoher Intelligenz waren Menschen. Wenn Sie ein Auto fahren, Schach spielen, Terroristen töten oder Krankheiten diagnostizieren wollten, konnten das nur Wesen mit Bewusstsein - Menschen. Jetzt erschaffen wir hochintelligente Maschinen, Computer, die kein Bewusstsein besitzen. Und es ist überhaupt nicht klar, ob es überhaupt noch Dinge gibt, die bewusste Wesen besser als Intelligenz ohne Bewusstsein machen.

Was werden wir also einmal tun, wenn Computer unsere Jobs übernehmen?

Die Wahrheit ist, dass wir es nicht wissen. Die größte ökonomische Frage des 21. Jahrhunderts ist: Warum benötigst Du Menschen in der Wirtschaft? Die hat sich zuvor noch nie gestellt, denn wer sollte den Weizen ernten oder in den Fabriken arbeiten, wenn nicht Menschen? Eine Antwort auf die Frage lautet also: Wir brauchen Menschen als Produzenten. Wenn das der Fall ist, sind wir in ziemlichen Schwierigkeiten. Die andere, recht amerikanische Antwort lautet: Wir brauchen die Menschen als Konsumenten. In der Praxis wird das bedeuten, dass wir nicht mehr arbeiten werden, sondern nur noch konsumieren, das ist dann unser Job. Die USA entwickelt sich gerade in Richtung dieser Idee, doch es gibt ein Problem: Sie widerspricht jedem ökonomischen Modell in der Geschichte der Menschheit. Du bräuchtest dafür ein neues Modell, das noch nicht existiert.