Umstrittenes Video "Kony 2012" Eine Kampagne, die frösteln lässt

Eben noch unbekannt, jetzt allgegenwärtig: Die Macher des Videos "Kony 2012" haben es geschafft, Millionen auf den Massenmörder Joseph Kony hinzuweisen. Das ist bemerkenswert, aber auch beängstigend. Denn wer sich der Kampagne anschließt, unterstützt einen Militäreinsatz - mit unklaren Folgen.

Von Niklas Hofmann

Eines ist jetzt schon klar: "Kony 2012", die virale Kampagne, die den als Kriegsverbrecher gesuchten, ugandischen Soldateskaführer Joseph Kony zu Strecke bringen will, hat die Maßstäbe für gelungene Massenmobilisierung im Netz gewaltig verschoben. Mit einem vergleichbar überwältigenden Shock-and-Awe-Effekt ist jedenfalls noch selten ein Thema, das für die Öffentlichkeit bis eben noch völlig obskur war, auf die Agenda von Millionen vor allem sehr jungen Menschen gesetzt worden.

Erst am Montag wurde das halbstündige Video "Kony 2012" bei Youtube online gestellt, bis zum Samstagnachmittag ist es dort nun schon weit mehr als 65 Millionen Mal angesehen (oder zumindest angeklickt) worden. Dazu kommen noch einmal mehr als 15 Millionen Abrufe bei Vimeo, wo das Video schon seit zwei Wochen zu sehen ist.

Von Twitter über die internationalen Medien bis in die Washingtoner Politik ist der Name von Joseph Kony nun allgegenwärtig. Der Plan, ihm bis zum 20. April zu weltweiter Bekanntheit zu verhelfen, scheint schon nach wenigen Tagen glänzend aufgegangen zu sein.

Die Kritik an dem Film und an der Organisation "Invisible Children", die ihn produziert hat, hat inzwischen ebenfalls viel Raum bekommen. Das Video simplifiziere oder verfälsche die Situation in Uganda, heißt es, es arbeite emotional manipulativ, es nehme eine koloniale Perspektive auf Afrika ein, und nicht zuletzt sei unklar, ob Invisible Children die im Rahmen der Aktion eingesammelten Spenden überhaupt sachgerecht verwenden werde.

Zu vielen dieser Punkte hat die Organisation inzwischen auf ihrer Website Stellung genommen, und sie erhält auch von Kennern der Situation in Uganda durchaus Lob für den massiven Aufmerksamkeitsschub, den sie dem Problem der Kindersoldaten verschafft hat. Die unmittelbare Effektivität von Kony 2012 ist so oder so beeindruckend, und wenn Jason Russell, der Mann hinter Invisible Children und Regisseur des Films, gegenüber der New York Times davon spricht, er und seine Mitstreiter sähen sich als das "Pixar der Menschenrechtsberichte", dann hat er darin was die Produktionsqualität und die emotionale Kraft angeht, keinesfalls unrecht. An Kony 2012 werden sich NGOs also in Zukunft messen lassen müssen.

Nur, ist das wirklich eine gute Sache?

Sie fragten sich vielleicht, "wer seid ihr schon, dass ihr einen Krieg beenden könntet?", ruft Jason Russell in dem Video in einen mit Zuhörern dicht gefüllten Saal. "Ich bin hier, um euch zu sagen: Wer seid ihr, dass ihr es nicht könntet?" Die Botschaft ist schön. Aber am Ende des Films bleibt das Gefühl, dass man doch eher gelernt hat, mit welchen Mitteln man einen Krieg beginnen, als wie man einen beenden könnte.

Tatsächlich ist Kony 2012 ja mehr als nur ein Spendenaufruf. Und die Kampagne will mehr, als nur Aufmerksamkeit für Joseph Konys Verbrechen zu schaffen. Wer sich Kony 2012 anschließt, unterzeichnet eine Petition, nein sogar eine "Verpflichtung" zur Unterstützung eines Militäreinsatzes, der der Festnahme Konys und der Entwaffnung seiner Lord's Resistance Army (LRA) dienen soll, eine Aufgabe an der die ugandische Armee trotz des Einsatzes von Präsident Obama entsandter Militärberater bisher gescheitert ist.

Nun verdient es Joseph Kony gewiss, vor ein Gericht gestellt zu werden, ob nun in Afrika oder Den Haag. Eine neue, verstärkte Mission zu seiner Ergreifung lässt sich vermutlich rechtfertigen. Aber noch einmal, es geht hier nicht um eine polizeiliche Festnahme. Kony ist nicht Karadzic. Es geht um eine Militäraktion. Und man sollte sich über die möglichen Folgen nicht täuschen. Avril Benoît von der Organisation Ärzte ohne Grenzen verweist etwa auf die Vergeltungsmaßnahmen gegen die Zivilbevölkerung, die bisherige Militäroperationen gegen die LRA nach sich zogen - von der Menschenrechtsbilanz des ugandischen Heeres einmal ganz zu schweigen.

Und auch wenn man den Einsatz befürwortet und annimmt, dass er sich vergleichsweise unblutig führen ließe, müsste einen doch frösteln lassen, wie leicht hier eine Kampagne entfesselt wird, bei der Millionen Menschen die US-Regierung zu letztlich militärischem Engagement in einer Angelegenheit drängen, über die sie nur aus einer einzigen Quelle informiert sind.

In den Jahren, die zum Spanisch-Amerikanischen Krieg 1898 führten, trommelten die Blätter des US-Zeitungsmoguls William Randolph Hearst massiv für einen amerikanischen Militäreinsatz gegen das spanische Kolonialregime auf Kuba. Detailreich malten die Zeitungen die schrecklichen Gräueltaten der Spanier auf der Insel aus. Bilder halb verhungerter Frauen und Kinder rührten an das Mitgefühl des Publikums.

Manches davon war wahr, anderes übertreiben, wieder anderes erfunden. Bis heute aber gilt Hearsts Propagandaschlacht als das Paradebeispiel für die Macht einer emotional geführten Medienkampagne, mit der einer zögerlichen Regierung der Weg in einen Krieg geebnet werden sollte.

Kony 2012 mag das Gute wollen, aber die Kampagne gibt doch eine ungute Vorahnung davon, wie leicht und schnell sich mit ihren Mitteln Massenunterstützung auch für noch größere militärische Interventionen organisieren ließe. Das Kony-Video spricht davon, dass die Regeln der Welt sich änderten, dass nicht mehr die Reichen und Mächtigen die Themen dieser Welt bestimmten, dass nun die Vielen "einander beschützen". Ob eine Welt, in der der "Slacktivism" der Vielen die Politik per Mausklick zu den Waffen drängt (und sei es mit den besten Intentionen), ein besserer Ort ist, ist eine andere Frage.

Zumindest hat William Randolph Hearst seine Leser nicht auch noch namentlich auf seinen Krieg verpflichtet.