The Edge Question 2015 Was denken Sie über Maschinen, die denken?

In der Debatte um die künstliche Intelligenz gibt es Pessimisten, die eine Machtübernahme der Maschinen fürchten, und Optimisten, die auf die Erweckung des synthetischen Geistes hoffen. Der Sieg des Computers Deep Blue über den Schachmeister Garri Kasparov 1996 gilt als erster Schritt.

(Foto: Reuters)

Einmal im Jahr stellt der Literaturagent John Brockman Wissenschaftlern auf der Website edge.org eine Frage. Dieses Jahr geht es um künstliche Intelligenz. Hier eine Auswahl von Antworten.

Von David Gelernter, Peter Norvig und Douglas Coupland

Unberechenbar

Warum lässt sich das Sein nicht berechnen? Oder das Glück? Glück ist nicht berechenbar, weil es als Zustand eines physischen Objekts außerhalb der Welt der Berechnungen liegt. Computer und Software erschaffen und beeinflussen Physisches nicht. (Zwar können sie andere, gleichsam angehängte Maschinen dazu bewegen, dies zu tun. Doch was diese Maschinen verrichten, ist nicht die Leistung von Computern. Roboter können fliegen, Computer nicht. Zudem ist überhaupt nicht garantiert, dass irgendein computergesteuerter Apparat Menschen glücklich machen kann; aber das ist eine andere Geschichte.) Sein ist nicht berechenbar: eine wichtige Tatsache, die bislang übersehen wurde - nicht von ungefähr. Computer und der menschliche Geist existieren - wie etwa Kürbisse und Puccini - in unterschiedlichen Universen und sind daher kaum miteinander vergleichbar.

Kann es ohne das Sein trotzdem eine denkende Maschine geben? Nein. Unser Geist wird durch das Nachdenken und das Sein (oder Fühlen) definiert. Am oberen Ende des Spektrums - bei maximaler Wachsamkeit oder Konzentration - wird der Geist im Zustand des Nachdenkens alle Emotionen abwehren, die ihn ablenken könnten. Am unteren Ende der Skala rangieren jene Zustände und Aktivitäten, bei denen wir besonders wenig denken, etwa der Schlaf und das Träumen. Während wir halluzinieren, sind wir mit Eindrücken, häufig auch Gefühlen beschäftigt (Träume können äußerst emotional sein), in jedem Fall mit dem Fühlen oder, anders gewendet, mit dem Sein.

Warum braucht es so viel Platz, um solch eine simple Argumentation zu entfalten? (Und warum werden wahrscheinlich nur wenige Denker bereit sein, sie zu akzeptieren?) Vielleicht, weil sich die meisten Philosophen und Wissenschaftler nach einem Geist sehnen, der mit Fühlen und Sein nichts zu tun hat, weil er ausschließlich Denkleistungen erbringt. Dieser Wunsch ist so stark, dass seine Anhänger ihn am Ende mit der Wahrheit verwechselten. Philosophen sind nur Menschen.

David Gelernter, Computerwissenschaftler, Yale University