Spionage Chaos, Computer und ein Späher

Ein Computerspezialist der US-Marineinfanterie spionierte 2009 den Jahreskongress des "Chaos Computer Club" in Berlin aus. Das Treffen sei ein Pflichttermin gewesen - vor allem, weil der Club Wikileaks-Gründer Julian Assange unterstützte. Besonders aber beunruhigte die Geheimdienstler die "anarchische Philosophie" des Clubs.

Von John Goetz, Hans Leyendecker und Frederik Obermaier

Am 11. Juni 2013 trat Matthew H. in der mit Orden geschmückten Ausgehuniform des US Marine Corps im Gerichtssaal der Militärbasis Fort Meade in Maryland als Zeuge auf. Er sagte gegen den Whistleblower Bradley Manning aus, der für eine Generation von Netzaktivisten wie Edward Snowden oder Julian Assange zum Helden geworden ist. Der "Special Intelligence System Administrator", der H. einmal war, wird Manning nicht für einen Helden gehalten haben. Er ist auf der anderen Seite.

Von 2006 bis 2010, so berichtete der Zeuge, sei er als Computerspezialist in Stuttgart stationiert und in militärische Nachrichtendienstarbeit eingebunden gewesen. Nicht weit weg also von den Patch Barracks, wo auch die National Security Agency (NSA) sitzt. H. berichtete dem Gericht, dass er im Dezember 2009 vier Tage lang in dienstlichem Auftrag und bezahlt von seinem Auftraggeber den Jahreskongress des Chaos Computer Clubs in Berlin besucht habe. Er hat über das, was er dort in Erfahrung brachte, einen Bericht geschrieben, der geheim ist. Selbst vor dem Militärgericht durfte der Report nicht verlesen werden.

Seine Zielperson war offenbar der schlohweiße australische Enthüller Julian Assange, der auf der Veranstaltung einen Vortrag hielt. Aus Sicht amerikanischer Behörden galt Assange damals schon als ernste Bedrohung der nationalen Sicherheit. Amerikanische Sicherheitsbehörden überlegten, wie sie diese Gefahr am besten bekämpfen könnten. Auf die Leute von Wikileaks wurden früh Agenten angesetzt. Manchmal soll der sehr vorsichtige Assange von einem Fliegenschwarm von Spitzeln umschwirrt worden sein.

Deutschland war für Wikileaks ein wichtiger Platz. Als "feste Säule einer losen Organisation" hat ein Wikileaks-Getreuer die Bundesrepublik einmal beschrieben. Besonders aus dem Umfeld der Hackervereinigung Chaos Computer Club gab es eine Menge technischer Unterstützung für die Internetplattform. Ein nicht kleiner Teil der Spendengelder kam damals aus Deutschland.

Für US-Nachrichtendienstler oder Mitarbeiter artverwandter Berufe war also das Treffen in Berlin ein Pflichttermin. Assange berichtete auf der Veranstaltung von seinen Projekten, seinen Plänen, seiner Vision. Im Publikum saß auch H. Assanges Absicht sei es gewesen, "Unterstützung hervorzurufen", berichtete er seinen Vorgesetzten. H. bewegte sich auf der Veranstaltung wie ein gewöhnlicher Spion. Er setzte auf Mimikry, verhielt sich unauffällig.

Interessanter als die Schilderungen über Assange ist ein ganz anderer Teil der Feststellungen von H. Er erzählte dem Gericht, in Berlin sei auch über "Netzneutralität" gesprochen worden. Diese anarchische Philosophie könne zu Sicherheitsproblemen führen, die etwa auch sein Kommando betreffen könnten. Terroristen könnten dann übers neutrale Netz kommunizieren - und der Bogen von Manning zum Terrorismus war dann nicht mehr weit. Auch die Militärrichter sollen ihm aufmerksam zugehört haben.

Über den Zeugen der Anklage gibt es nur wenige Angaben, die kein ganz vollständiges Bild ergeben. 2002 war er dem US Marine Corps beigetreten. In der Eliteeinheit arbeitete er sich schnell nach oben, für seine Arbeit beim Geheimdienst wurde er früh ausgezeichnet. Er macht Kampfsport, trägt den braunen Gürtel, stemmt in seiner Freizeit Gewichte: "Ich betrachte mich selbst in guter Form", sagt er im Internet über sich. Über seine Zeit in Deutschland soll er daheim manchmal geschwärmt haben.

Die Bundesrepublik ist ein wichtiger Platz für US-Späher. In Darmstadt betreiben sie ein "European Cryptology Center", in Wiesbaden entsteht ein "Consolidated Intelligence Center" und in Stuttgart ist das offizielle Europa-Büro der NSA. Die Bundesanwaltschaft muss jetzt prüfen, ob bei den Aktionen der Nachrichtendienstler deutsches Recht verletzt wurde. Manchmal fliegen, wie im Fall des Matthew H., Missionen durch Zufall auf.