Pleite der Bitcoin-Börse "Mt. Gox, wo ist unser Geld?"

Kolin Burges will sein Geld zurück

Vor der Zentrale der untergegangenen Bitcoin-Plattform fordert Kolin Burges 300.000 Dollar zurück. Doch von der Firma ist praktisch nichts mehr übrig.

Von Christoph Neidhart

Kolin Burges friert. Mehr als zwei Wochen harrt der Brite schon vor den Büros von Mt. Gox aus, der einst wichtigsten Börse für Bitcoin. Etwa sechs Stunden stehe er täglich da, sagt er. "Mt.Gox, Wo ist unser Geld?", fragt der 40-Jährige mit einem Plakat. Mt.Gox schuldet ihm 311 Bitcoins, zuletzt waren das 300 000 Dollar.

Die Büros im Innern des milchigweißen Glashauses in edlen Stadtteil Shibuya sind verwaist. Firmenchef Mark Karpeles ist seit vorletztem Mittwoch abgetaucht. Damals kam er in einem Taxi. Als Burges ihn nach seinem Geld fragte, drohte er mit der Polizei.

Burges ist eigentlich Software-Ingenieur. Vor etwa zehn Monaten begann er, mit virtuellen Währungen zu spekulieren: Litecoin, Namecoin und andere, inzwischen gibt es viele: Digitalcoin, Devcoin, Ixcoin, Novacoin ...

Die Pseudo-Währungen werden zum legalen Kauf von Gütern oder Dienstleistungen verwendet, und wohl auch im Drogenhandel und zur Geldwäsche. Mit Bitcoin wird vor allem eifrig spekuliert. Sie werden weder von einer Institution - wie einer Zentralbank - noch durch Sachwerte abgesichert.

Spekulation mit dem virtuellen Geld war so lukrativ, daß Burges seinen Job aufgab. Aus den etwa 50 000 Dollar, die er seit Sommer in diese Spekulation steckte, waren bis Januar etwa 765 000 Dollar geworden. Da entschied er sich, seine virtuellen Gewinne mitzunehmen. Am einfachsten ging das über Bitcoin und Mt.Gox. Also eröffnete er ein Konto bei der Firma in Tokio und wechselte seine Litecoin, Ixcoin, und sio weiter in Bitcoin. Mit dieser Währung hatte er noch nie spekuliert. Und wies Mt.Gox an, ihm den Gegenwert seiner 311 Bitcoins in US-Dollar zu überweisen.

Auf das Geld wartet er bis heute.

Als es Anfang Februar nicht kam, wurde Burges unruhig.

Es gab Gerüchte, Mt.Gox stecke in Schwierigkeiten.

Bloß Software-Probleme, beschwichtigte die Firma.

Misstrauisch geworden, flog Burges aus seinem Urlaub in Frankreich nach Tokio. Seither protestiert er vor dem Gebäude in Shibuya.

Mittlerweile ist Mt.Gox zahlungsunfähig, wie Firmenchef Mark Karpeles am Freitag in einer Pressekonferenz kleinlaut bekannt gab. Er habe um Gläubigerschutz ersucht. "Schwächen im Computersystem" hätten es Hackern erlaubt, seine Firma zu plündern. 127,000 Gläubiger dürften ihr Geld verloren haben.

Coindesk, eine Bitcoin-Website, die News und die Kurse erfasst, zitiert aus einem internen Dokument. Demnach habe Mt.Gox 744 408 Bitcoin Schulden. Vor Beginn dieser Krise wären das 350 Millionen US-Dollar gewesen. Allein im Januar war Bitcoin von 575 auf 939 Dollar geklettert.

Mt.Gox wurde 2009 in Tokio als elektronische Tauschbörse gegründet: allerdings nicht für virtuelle Währungen, sondern für Sammelkarten, mit denena uch gespielt werden kann, so genannte "Magic"-Karte. Ein Jahr später verlegte sich die Start-up-Firma auf Bitcoins; für jede Transaktion kassierte sie ein Prozent, eine Hälfte in Bitcoin, die andere in harter Währung. Das war äußerst lukrativ. 2011 verkaufte der Gründer den Laden an Karpeles. Von diesem heute 29-jährigen Franzosen aus der Gegend von Dijon wird erzählt, er habe einen IQ von 190, zum Software-Genie habe er sich als Autodidakt ausgebildet.

Plötzlich war die Plattform tot

Zu Beginn dieser Woche war die Website (und Handelsplattform) von Mt.Gox plötzlich tot, dann kam eine Erklärung, alle Transaktionen seien storniert.

Zeitweise protestierte ein anderer Gläubiger mit Burges, ein Australier. "Am ersten Tag hat es geschneit, gefröstelt habe ich eigentlich fast immer."

Bis vor einigen Tagen ignorierten die japanischen Medien die Schwierigkeiten von Mt.Gox; und auch die Behörden zeigten keinerlei Interesse. Juristisch ist Bitcoin keine Währung, sondern ein Voucher-System. So fühlten sich weder das Finanzministerium noch das Ministerium für Finanzdienstleistungen zuständig.

Die Berichte im Ausland haben das geändert, Finanzminister Taro Aso sagte am Freitag, er nehme das ernst. "Wir wissen noch nicht, was passiert ist, aber wir wollen es unbedingt aufklären, da es sich in Japan abgespielt hat."

Eine zweite Verbindung von Bitcoin nach Japan ist vermutlich keine. Als Autor des Computer-Code für Bitcoin zeichnet ein Satoshi Nakamoto, ein japanischer Name. Doch dieser Nakamoto dürfte wenig oder gar nichts mit Japan zu tun haben. In seinen Kommentaren zum Bitcoin-Code entlarvt er sich mit seinem Slang als muttersprachlichen Commonwealth-Bürger, wie die Fachzeitschrift Wired feststellte. Und die Tageszeiten, zu denen er sich einloggt, deuten auf jemanden im Osten der USA.

"Eher Hacker als Geschäftsmann"

Ob Mt.Gox ein Opfer von Hackern geworden ist, ob schon lange unerkannt Geld von ihren Computern geklaut wurde, oder ob die Betreiber das Geld ihrer Kunden geklaut haben, weiß man nicht. Finanzminister Aso lässt alle Möglichkeiten offen.

Ein japanischer Wirtschaftskolumnist hält Mt.Gox eher für dumm und naiv als für böse. Demnach wäre der Boom des Bitcoin-Handels dem angeblichen Software-Genie Karpeles und seinen etwa zehn Angestellten über den Kopf gewachsen. Während der Zypernkrise im Vorjahr explodierte die Zahl der Konto-Neueröffnungen von 10 000 im Monat auf 20 000 pro Tag. Wired schrieb schon vor einem Jahr, Karpeles sei "eher Hacker als Geschäftsmann".

Freitag ist der erste milde Vorfrühlingstag in Tokio: "Dieses eine Mal friere ich nicht", lacht Kolin Burges. Er habe gehört, Mt.Gox werde bald eine Erklärung abgeben.

"Danach hat das keinen Sinn mehr, dann kommen auch die Journalisten nicht mehr." Und er kehre nach England zurück. Ohne sein Geld.