Christine und Christoph Hirte haben erlebt, wie schnell dieser Fall eintritt. Sie drängten vor zwei Jahren ihren Sohn zu einer Therapie und drohten dem Studenten, kein Geld mehr zu überweisen. Der Sohn aber wollte nicht und brach den Kontakt ab. Die Hirtes gründeten daraufhin in München die Elterninitiative "Rollenspielsucht.de", an diesem Abend sitzen sechs Väter und Mütter zusammen und rätseln, was ihre Söhne wohl herausführen mag aus ihrem zweiten, höllischen Leben.

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Auch in ihren Fällen sind alle "World of Warcraft" verfallen. Es sind Geschichten von unzähligen, fruchtlosen Gesprächen mit den Abhängigen. Von Eltern, die ihre Söhne mit Mädchen verkuppeln wollten, in der Hoffnung, ihn so aus der Scheinwelt zu holen; vom Schüler, der einen Abiturschnitt von 1,2 erreichte, sein Studium aber abbrach und täglich nach durchspielter Nacht erst gegen drei Uhr nachmittags aus dem Bett kommt. "Als ich ihm eine Therapie in der Fachklinik vorschlug, zeigte er mir einen Vogel", sagt seine Mutter.

Und so lautet die große Frage in der Runde, wie tief der Sohn wohl noch fallen muss, um es endlich zu kapieren? "Von mir wird er jedenfalls kein Geld mehr kriegen", sagt eine Mutter. Doch wem fällt so eine Entscheidung schon leicht? Ihr Sohn wisse, dass sie es nicht übers Herz bringen würde, ihn rauszuwerfen, sagt die Mutter des Einser-Abiturienten. "Und wenn ich ihn fallenlasse, wer garantiert mir, dass er wieder nach oben kommt?", fragt Galina Paukert, die Mutter eines 25-Jährigen.

Erik hatte vor drei Jahren seinen Sturzflug begonnen. Er fiel in der 9. Klasse durch und musste auf die Realschule. "Wenn du die Mittlere Reife nicht schaffst, kannst du gehen", sagte Maria. Nach seiner Selbstmorddrohung schlossen Mutter und Sohn einen sonderbaren Pakt: Er bekam einen neuen Computer und versprach dafür, die Schule fertig zu machen. Erik nahm wieder seine Schulbücher in die Hand, er hielt sich an die Abmachung. Seinen Abschluss hat er vergangenen Sommer geschafft. Der Schüler arbeite "konzentriert und zuverlässig", steht in seinem Abschlusszeugnis.

Danach aber spielte er umso mehr, brach eine Lehre ab und jobbte. An Weihnachten vergangenen Jahres aber überwältigte ihn die Unzufriedenheit mit seinem Leben. Es dämmerte ihm, dass die Touren durch die Spielewelt nicht so cool sind, wie er immer dachte. Bei Treffen mit den übriggebliebenen Bekannten fühlte er sich als Außenseiter. "Ich hatte Angst vor dem Abstieg." Er tat den Schritt, auf den Maria gewartet hatte: Erik verkaufte den PC, übergab der Mutter das Modem und begann eine Therapie. Vor kurzem kündigten die beiden sogar den Internetanschluss. Nur ein Notebook ist ihm geblieben.

Über seinem Schreibtisch hängen jetzt Zettel, auf denen Handball, Fußball und Schlagzeug steht. Er hat viel verlernt in seinen Sucht-Jahren, vor allem, mit Menschen zu reden, sagt Erik. "Ich hätte in dieser Zeit einige Freundinnen haben oder eine Band gründen können." Seinen besten Freund Janek hat er nie wieder gesehen; der spiele nach wie vor.

Erik hat die Kurve zurück ins echte Leben gekriegt, doch mit seiner Mutter findet er nicht mehr zusammen, auch wenn sie sich noch die Wohnung teilen. Auch der Realschulabschluss taugte nicht als Friedensvertrag. Erik hat zwar eine neue Lehrstelle gefunden, doch er bezeichnet sein Leben als "bitter". Drei verlorene Jahre, das verpasste Abitur, Erik nimmt es sich übel - und seiner Mutter.

"Du hast es nicht verhindert, du warst nicht streng genug", sagt er. Es sind Vorwürfe, die Maria sofort laut werden lassen. Er sei doch immer zum Freund gefahren, wenn er zu Hause nicht spielen durfte, kontert sie. Erik aber bleibt bei seiner Version. Seine "liebste Mama", glaubt er, war zu lieb.

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  1. Verloren in Zeit und Raum
  2. Computer statt Freunde
  3. Der Reiz des Spiels
  4. Sie lesen jetzt Der erste Schritt für eine Therapie
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(SZ vom 16.07.2009/cf/af)