Netzdepeschen Die nächste Stufe der E-Book-Revolution

Digitale Bücher verkaufen sich immer besser, doch sie bleiben hinter den technischen Möglichkeiten zurück. Das soll sich nun ändern: Erste Experimente zeigen, wie die Literatur der Zukunft aussehen könnte.

Von Niklas Hofmann

Zu den wagemutigsten und zugleich erfolgreichsten Experimenten, die in der Gestaltung von Text zwischen zwei Buchdeckeln je gewagt wurden, zählen bis heute die Werke von Grafiker Quentin Fiore und Herausgeber Jerome Agel. In den späten sechziger und frühen siebziger Jahren produzierte das Gespann unter anderem Buckminster Fullers von hinten wie von vorne lesbares "I Seem To Be A Verb". Oder das legendäre (jüngst wieder aufgelegte) "The Medium Is The Massage", in dem Texte Marshall McLuhans so kongenial kompiliert und mit Bildern und typographischen Einfällen in Beziehung gesetzt wurden, dass der Band dem Medientheoretiker seinen einzigen Bestseller bescherte.

Der Autor Buzz Poole fragte sich vor kurzem im Blog des Magazins Print, warum radikale Grenzauslotungen wie diese im digitalen Bereich bislang nicht stattgefunden haben. "Das Potential für E-Books ist gewaltig", konstatierte er, "aber es bleibt bisher auf enttäuschende Weise ungenutzt. Die Präsentation des Inhalts und die Form der Bücher, ob gedruckt oder digital, sind größtenteils noch genauso wie immer."

Vielleicht aber verschiebt sich mit der Ausbreitung von Tablet-Computern nun allmählich doch etwas. Interessant dürfte etwa werden, wie erfolgreich sich "Chopsticks" schlägt, ein elektronisches Buchprojekt, das in dieser Woche bei Penguin als App für iPads und iPhones erscheinen soll.

"Enhanced E-Books" bieten zusätzlich zum Text Multimedia-Anwendungen, die reich mit Fotos, Filmen, Graphiken oder Landkarten ausgestattet sind. Noch seien sich viele Verlage unsicher, wie groß das Interesse daran sein werde, berichtet das Wall Street Journal. Von Stephen Kings neuem Buch "Der Anschlag" habe sein amerikanischer Verlag bis Ende Januar eine Million Hardcover-Exemplare zum Preis von 35 Dollar und fast 300 000 einfache E-Book-Versionen für 14,99 Dollar verkauft. Die "erweiterte Ausgabe", unter anderem mit einem von King geschriebenen und erzählten Kurzfilm, wollten dagegen für 16,99 Dollar nur 45 000 Menschen kaufen. Und das scheint - gemessen an den Verkäufen anderer Titel - bereits ein bemerkenswerter Erfolg zu sein.

Die Liebesgeschichte "Chopsticks" unterscheidet sich von solchen nur aufgepeppten Editionen allerdings insofern, als die Schriftstellerin Jessica Anthony und der Graphikdesigner Rodrigo Corral das Ganze von vornherein als audiovisuelle Erzählung entwickelt haben, die Bilder, Ton und Text collagiert. Eine Printversion wird es ebenfalls geben, aber erst auf dem elektronischen Gerät sollen die Leser das Buch vollständig erfahren. Dort können sie Videos schauen, Songs hören und sogar Textnachrichten mitlesen, die die Protagonisten einander schicken. Die "Chopsticks"-App bietet aber auch eine Shuffle-Version, die die Seiten des Buches auf Wunsch völlig neu sortiert.

Das mag man für Spielerei halten und "Chopsticks" für eine Banalität, man kann sich aber auch an Stéphane Mallarmés Konzept des nonlinearen "totalen Buchs" erinnert fühlen. Das sah explizit vor, lose Textseiten einzulegen, damit sich die Abfolge des Geschriebenen laufend ändert. Und es unterstreicht, was Nicholas Carr schon wehmütig beschrieben hat, dass sich nämlich die Idee des Textes als fixiertem Korpus durch die Logik des E-Books auflöst.

Der in Harvard lehrende Literaturwissenschaftler Jeffrey Schnapp (nicht zufällig auch Autor eines aktuellen Buchs über Fiore und Agel) und sein kalifornischer Kollege Todd Presner haben dies in ihrer Kampfschrift "Digital Humanities Manifesto 2.0" als Verheißung formuliert. Genau wie die frühen Kodizes sich an orale Traditionen und der Buchdruck an die Manuskriptkultur angelehnt hätten, habe die erste Welle der Digitalisierung die Welt des Buchdrucks noch nachgeahmt, "eine Welt, in der Textualität primär und Visualität und Klang sekundär (und dem Text untergeordnet waren)". Jetzt erst beginne eine zweite Welle, in der die Medienlogik der digitalen Welt regiere, und "in der der Druck in neue hybride Kommunikationsformen absorbiert wird".