Klout, Peerindex und Co. Schufa für den Ruf im Netz

Dienste wie Klout, Peerindex oder Kred werten aus, wie einflussreich Menschen im Netz sind. In den USA wollen Unternehmen diese Informationen in Bewerbungsverfahren oder beim Kundenservice nutzen. Doch ist unsere Online-Identität wirklich in Zahlen messbar?

Von Johannes Kuhn

Ich bin ein Experte in Sachen Galerien, Photographien und Pinterest - das sagt zumindest der Reputations-Zähler Klout, wenn ich dort meinen Einfluss analysieren lasse. Das ist zwar nicht komplett falsch, jedoch ganz sicher auch nicht richtig - aber es könnte künftig wichtig werden.

Wer Klout.com nicht kennt: Auf dem Portal kann man seine verstreuten Online-Identitäten bündeln und auswerten lassen, von Twitter über Facebook bis zum eigenen Blog. Klout berechnet dann aus Freundeszahl und Interaktionen den Gesamt-Einflussfaktor auf einer Skala von 1 bis 100 und analysiert, in welchen Themenbereichen ein Nutzer als Experte gilt. Weitere Dienste wie Peerindex oder Kred gehen in eine ähnliche Richtung.

Seth Stevenson hat in der Wired nun aufgeschrieben, wie in den USA diese Form der Reputationsprüfung inzwischen weitergedacht wird. Er erzählt von einem Bewerber, der aufgrund eines niedrigen Klout-Scores nicht eingestellt wurde und von der Strategie des Cloud-Computing-Dienstes Salesforce, auf Nutzer-Beschwerden via Twitter abhängig vom Punktestand des Betroffenen zu reagieren - wer einflussreicher ist, erhält womöglich schnellere und freundlichere Antworten.

Was passiert, wenn Kommunikation ein Wettlauf wird?

Den Klout-Verantwortlichen zufolge überlegen gerade einige Großunternehmen, von Einzelhändlern bis zu Fluglinien, wie sie die Reputationskennziffer einsetzen können. Exklusive Rabatte für eine Punktezahl über 60? Zutritt zur VIP-Lounge ab 70 Punkten? Vieles ist denkbar, und einiges davon berührt wie immer Grundsatzfragen: Was passiert mit unserer Online-Kommunikation, wenn Social Media jenseits des Sammelns von Freunden zu einer Art Wettlauf wird? Twittern wir mehr oder anders, unterhalten wir uns über andere Themen, nur um höher bewertet zu werden?

Auch funktioniert das Einfluss-Spiel nur für den, der mitmacht. Der Zwang, sich online zu äußern würde größer. Der Bewerber im Wired-Text steigerte seinen Punktestand von 34 auf 72 Punkte und erhielt dann tatsächlich mehr Jobangebote. Die gemessene Reputation ist so gesehen eine Art Schufa des Jobmarkts - und funktioniert noch perfider: Denn während es positive Auswirkungen auf meine Schufa-Bewertung hat, wenn ich ohne einen Bankkredit auskomme, wird bei der Reputationsmessung Inaktivität mit einer schlechten Bewertung bestraft (wer im Netz unsichtbar ist, fällt gleich ganz aus dem Raster).

Die Verantwortlichen des Unternehmens schwärmen von einer "Demokratisierung des Einflusses", aber natürlich steckt hinter der Idee ein Geschäftsmodell: Unternehmen sollen über solche Dienste schneller an Entscheider und "Beeinflusser" kommen und die Dienste dafür bezahlen.

Die Dimension der Kommunikation nicht erfasst

Jenseits dessen, dass eine solch große Rolle der Online-Reputation für Deutschland derzeit schwer vorstellbar scheint, und schon die Tatsache, dass der Dienst auch von nicht-angemeldeten Nutzern Schattenprofile anlegt, hierzulande Bauchschmerzen machen dürfte: Die Idee, Einfluss über eine Punkteskala zu messen und die Themen durch eine semantische Auswertung zu bestimmen, mag zwar naheliegen, ist aber wenig praxistauglich.

Ein solches Reputations-Ökosystem ist durchaus manipulierbar (die Maschine mit neuen Interaktionen, Kontakten und Meldungen zu Kernthemen füttern), es verkleinert die unterschiedlichen Dimensionen von Interessen und Kommunikation auf Kennziffer und Schlagworte, die am Ende deutlich weniger relevant sein dürften als angegebene Facebook-Interessen.

Wenn ich mich jeden Abend bei Twitter über RTL 2 aufrege, weil ich beim Durchzappen auf den Sender stoße, heißt das nicht, dass dies mich in diesem Themenfeld einflussreich macht. Umgekehrt bedeuten wenige Kommentare, Retweets oder ähnliche Interaktionen nach dem Posten eines Links nicht, dass dieser nicht wahrgenommen wurde.

Einfluss wird demokratischer

Vor einiger Zeit schrieb Marcel Weiss bei Neunetz, Reputation sei nach Identität einer der "nächsten Schritte im Ökosystem des Social Webs". Eigentlich ist das Web diesen Schritt schon gegangen: Beeinflusser lassen sich bereits heute leicht identifizieren, und zwar nicht nur anhand der Zahl ihrer Kontakte, sondern durch die kommunikativen Muster, die wir durch die Beobachtung des Social Web erkennen können.

Die "Demokratisierung des Einflusses" hat längst stattgefunden, und das merken alle, die selbst an Einfluss verlieren - von Politikern über Unternehmer bis hin zu Medien. Dienste wie Peerindex und Klout bauen ihr Geschäftsmodell auf ein Versprechen an Werbekunden, virales Marketing sei einfach zu planen und im Vorbeigehen zu erledigen. "Ihr habt die Botschaft, wir die Beeinflusser, um sie zu verbreiten".

Ganz so einfach ist es nicht. Das Netz als Kommunikationsraum lässt sich nicht von außen steuern - ebensowenig wie sich die Online-Identität des Einzelnen einfach in Punkten auswerten lässt.

Update: In der Twitter-Debatte mit Torsten Kleinz hat sich noch ein weiterer Gedanke entwickelt: Ist die "Demokratisierung des Einflusses" überhaupt mit einem Unternehmen wie Klout in Einklang zu bringen? Das ist ein guter Punkt - denn Klout schafft ja quasi neue Hierarchien, wird zu einer Art Social-Media-Rating-Agentur. Das ist eigentlich das Gegenteil von Demokratisierung in einem Bereich, der wie im Artikel angeklungen, ja bereits demokratisiert ist.

Linktipps: Martin Weigert hat sich ebenfalls über Klout Gedanken gemacht und kommt zu dem Schluss "Klout ist umstritten aber unausweichlich". Im Basicthinking-Blog wird der Einflussfaktor ebenfalls analysiert (die Schufa-Metapher wird dort ebenfalls verwendet - ich hatte den Artikel gestern nicht mitbekommen und sonst eine andere gewählt).