Auch Google ist in die Defensive geraten, nachdem der Konzern zugeben musste, dass er bei seinen Fototouren durch deutsche Städte und Dörfer nicht nur Aufnahmen von Privatgebäuden macht, sondern gleich auch noch verfügbare drahtlose Internetzugänge speichert.
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Die Kritik an den beiden Unternehmen stört sich indessen nicht immer an ernstzunehmenden Problemen. Immer wieder ist es eine diffuse, aber weit verbreitete Abneigung gegen das Digitale, die unter dem Deckmantel notwendiger Kritik den Weg in die Öffentlichkeit findet. Bisweilen nimmt die Kritik an Netzunternehmen dann technikfeindliche, bizarre Züge an.
Da kann Google noch so oft darauf hinweisen, dass man für den Dienst Google Maps nur fotografiere, was ohnehin jeder sehen könne, nämlich Straßenzüge. Das Unwohlsein bleibt. Dazu gehört auch eine geschichtlich bedingte, spezifisch deutsche Abneigung gegen Datensammlung, die nach dem Kontrollwahn der beiden deutschen Diktaturen des 20. Jahrhunderts verständlich ist.
Begründete Kritik und diffuses Ressentiment
Doch zwischen begründeter Kritik und diffusem Ressentiment gibt es einen großen Unterschied. Längst ist aus dem Blick geraten, dass das Internet ein zwar technischer, aber doch vor allem ein Fortschritt ist.
Da ist zum einen die alltägliche Erleichterung der Kommunikation durch E-Mail, Twitter und Facebook. Und dann sind da konkrete Werkzeuge, wie - um nur ein Beispiel von vielen herauszugreifen - jenes Google-Programm, das weltweit Grippetrends erkennen und so helfen kann, Pandemien einzudämmen, oder jene Serviceseiten im Kartographieprogramm für Google, mit denen Einsatzgruppen die Nothilfe nach Erdbeben wie dem in Haiti organisieren.
Dass Kritiker und Unternehmen nicht zueinander finden, ist in erster Linie einem Missverständnis geschuldet: Für die Netzunternehmen sind Daten Geschäftsgrundlage. Daten sind die Währung, in der der Kunde den im monetären Sinn kostenlosen Dienst bezahlt. Sie sind wesentlich flexibler als Geld.
Wir bezahlen mit unseren Daten
Datensätze gibt es in qualitativ unterschiedlicher Ausprägung, es gibt im Netz also besseres und schlechteres Geld. Die Methoden, an Daten zu gelangen, sind deshalb strikt auf Qualität und Quantität ausgelegt. Ethische Fragestellungen spielen da eine nachrangige Rolle.
Datenschützer wissen um diesen Aspekt, neigen aber dazu, die Tatsache zu negieren, dass jede Dienstleistung auch bezahlt werden muss. Das Gros der Nutzer dagegen begreift überhaupt nichts: Weder, dass die persönlichen Daten Zahlungsmittel sind, noch, dass es in der eigenen Verantwortung liegt, mit denselben vorsichtig umzugehen.
Stattdessen überwiegt die Wahrnehmung: Die Netzkonzerne sind sinistre Mächte, Kritiker und Nutzer die Guten. Doch so wichtig Kritik und Kontrolle auch sind, hier wird übertrieben. Denn tatsächlich sind die Nutzer mindestens so gefordert wie die Anbieter: Obwohl bekannt ist, dass das Netz ein Medium der Partizipation ist, bewegt sich die Masse der Menschen in ihm nicht aufmerksamer, nicht kompetenter als beim Fernsehen.
An zwei Punkten wird sich also die Lösung des Missverständnisses festmachen: Einerseits muss die Medienkompetenz der Menschen verbessert werden. Dies ist weniger eine Aufgabe für Schulen und Eltern als eine Frage der Zeit.
Auf der anderen Seite, und dies ist eine Forderung, die in ein Gesetz gegossen werden könnte, müssen die Netzkonzerne hundertprozentige Transparenz im Umgang mit Nutzerdaten beweisen. Was spricht eigentlich gegen eine kleine Schaltfläche im Facebook- oder Googleprofil mit der Bezeichnung "Gespeicherte Daten"?
Die Transparenz der Datensammlung
Ein Klick, und das Unternehmen müsste alles offenbaren, jede gespeicherte Mausbewegung, jede Suchanfrage, jedes hochgeladene Foto. Nichts könnte das Vertrauen der Nutzer und Kritik so schnell zurückerobern wie diese Maßnahme, und kein Lernprogramm der Welt könnte Kunden von Netzunternehmen so nachhaltig sensibilisieren wie diese schlichte Auflistung gespeicherter Information.
Erst wenn beide Seiten, Kunden und Kritiker ebenso wie Anbieter und Werbekunden, sich an die Bedingungen des Netzes anpassen, wird die Digitalisierung weiter voranschreiten.
Dazu gehört nicht nur deshalb ein respektvoller Umgang miteinander, weil sich Kunden im Netz schnell zum organisierten Protest verabreden können. Wichtig ist Fairness auch, weil die Erfahrungen beider Seiten notwendig ist, um gemeinsam eine Ethik für die digitale Welt zu erarbeiten, die Nutzern Freiheit und Anbietern Gewinne ermöglicht.
Lesen Sie den Themenschwerpunkt "Das Ich als Ware" in der SZ-Wochenendausgabe vom 5./6. Juni 2010 und weitere Artikel zum Thema in der Süddeutschen Zeitung.
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(SZ vom 05.06.2010/joku)
Medienkompetenz spielt doch immer eine Rolle. Viel interessanter finde ich die Frage, warum immer nur der digitale Datenhunger der Konzerne, seltener aber staatlicher Organisationen thematisiert wird. Bei den letzten vier Absätzen könnte man "Unternehmen"/"Konzern"/"Anbieter"/"Google"/"Facebook" auch gut durch "Staat" austauschen. Der Schutz der Daten der Bürger gegenüber Interessen von Polizei, Justiz und Wirtschaftspolitik kommt auch medial zu kurz. Bei Google und Facebook kann der Konsument immer noch entscheiden, ob er das Produkt nutzen will oder nicht. Bei Entwicklungen wie Vorratsdatenspeicherung, Störerdatei oder RFID im Ausweis wachsen Strukturen, die irgendwann auch zu Begehrlichkeiten führen. INDECT ist nur ein Beispiel dafür.