Internet und Gesellschaft Epoche der Augenzeugen

Was geschieht, wird wahrgenommen: Ein Mann fotografiert bei einem Festival in Recklinghausen mit seinem Mobiltelefon.

(Foto: dpa)

Mehr Öffentlichkeit bedeutet mehr Aufklärung, dachte man in den optimistischen 70er Jahren. So ist es leider nicht gekommen. Im Zeitalter der Totalkommunikation findet jeder seine eigene Wahrheit.

Von Kurt Kister

Bis heute wird "Jesus Christ Superstar", 1971 als "Rockoper" uraufgeführt, immer wieder gespielt. Wer das Bibel-Musical mit den eingängigen Songs von Andrew Lloyd Webber kennt, der erinnert sich an das namensgebende Lied "Jesus Christ Superstar", in dem ein skeptischer Judas wissen will, warum Jesus ausgerechnet in einer so fernen Zeit in einem so seltsamen Land unter die Menschen gekommen ist. "Wenn du heute erscheinen würdest", singt Judas, "könntest du die ganze Nation erreichen. In Israel gab es vor 2000 Jahren keine Massenkommunikation."

Recht hat er, der Rock-Judas. Was immer heute irgendwo auf der Welt mit Menschen geschieht - wenn es sich nicht gerade mitten im Amazonas-Urwald oder nachts in der Rub-al-Chali, der saudischen Wüste, abspielt - wird wahrgenommen, jedenfalls wenn es von einiger Bedeutung ist. Es wird jemand in der Nähe sein, der mit einem Telefon fotografiert, der mit einem Tablet-Computer das Ereignis ins Netz stellt, der es twittert oder seine Whatsapp-Gruppe wissen lässt.

Nicht-Wissen scheint es in dieser Zeit der Total-Kommunikation nicht mehr zu geben - jedenfalls nicht jenes Nichtwissen, das Menschen daran zweifeln lässt, ob ein Epochenereignis wirklich geschehen ist. Die Geburt Christi in der Krippe oder sein Tod am Kreuz sind Glaubensfragen, weil es keine Beweise dafür gibt. Es sind Wunder, und die entziehen sich per definitionem der Logik. Den Gläubigen mutet schon der Versuch, Gott mit der menschlichen Vernunft verstehen zu wollen, sehr seltsam an. Für den Ungläubigen wiederum bedeutet Gott nichts anderes als den Versuch, das noch nicht Verstandene irrational oder esoterisch zu "erklären".

Das 21. Jahrhundert ist die Epoche der Augenzeugen

Was Judas im Musical so heftig einfordert, ist die Augenzeugenschaft oder jedenfalls die Möglichkeit zur Augenzeugenschaft. Dass dies offenbar ein sogar von Gott, gibt es ihn denn, anerkanntes, zutiefst menschliches Streben ist, zeigt sich sogar in der Bibel, in der Geschichte vom ungläubigen Thomas. Erst als der Auferstandene diesem Jünger seine Wunden vorweist, glaubt Thomas die Geschichte von der Überwindung des Todes. Thomas wird erst als Augenzeuge zum wirklichen Glaubenszeugen.

Wenn das 20. Jahrhundert das Zeitalter der Ideologien war, die Ära des politischen Wunderglaubens, dann ist das 21. Jahrhundert die Epoche der Augenzeugen. "Massenkommunikation" bedeutet heute nicht mehr, dass wenige sehr vielen anderen etwas zeigen oder erklären, sondern dass potenziell jeder jedem anderen, der mit ihm vernetzt ist, etwas sagen oder vorweisen kann. Es wird nicht mehr von den wenigen zur Masse hin kommuniziert, sondern das, was man in der Sozialwissenschaft früher einmal das "Gespräch der Gesellschaft" genannt hat, ist letztlich ein Gesumme der Masse geworden. Jeder, der will, brummt mit. Im Matthäus-Evangelium heißt es, wo zwei oder drei in Jesu Namen versammelt seien, sei er unter ihnen. Wenn heute drei versammelt sind, glotzen zwei ins Smartphone und einer tippt eine SMS.