Internet-Pionier Lanier "In vielen Wikipedia-Beiträgen finden sie eine Mob-Ideologie"

SZ: Sie beschreiben in Ihrem Buch zwei parallel stattfindende Prozesse: Die radikale Reduzierung unserer Persönlichkeiten im Netz, die allmählich auf unsere realen Ichs zurückschlägt. Und die Entwicklung einer Art Online-Diktatur der Masse.

Jaron Lanier: Beide Entwicklungen gehen Hand in Hand. Denken Sie an Wikipedia: Das Ideal dort sind Artikel, die frei sind von jeder ideologischen Tendenz. Das ist natürlich unmöglich. Was am Ende stehenbleibt, ist die Mob-Ideologie, die sie in sehr vielen Beiträgen finden. Weil so viele Leute zu Wikipedia verlinken, tauchen die Beiträge bei Google an den ersten Stellen auf. Alle, die sich nun mit einem Thema beschäftigen, sind versucht, die Wikipedia-Linie zu übernehmen. Der Durchschnitt setzt sich immer mehr durch, Qualität geht verloren.

Das andere ist die Tendenz vieler Menschen zu boshaftem Verhalten im Internet. Das Internet bringt das Schlechteste im Menschen hervor. Auch mir ist das schon passiert. Offenbar ähneln Menschen Hunden: Im Rudel neigen sie zu einer sehr gefährlichen Bösartigkeit. Der Druck zur Anpassung an den Durchschnitt und dieses Rudelverhalten gehen auf dasselbe Problem zurück: Es gibt zu viele Internet-Angebote, die am Kollektiv, nicht am Individuum interessiert sind.

SZ: Hat sich das Kollektiv in der Geschichte der Zivilisation nicht immer wieder große Verdienste erworben?

Lanier: Natürlich ist das Kollektiv wichtig, bei Wahlen etwa oder bei der Bestimmung von Preisen auf den Märkten. Aber wenn Kreativität oder neue Ideen gefragt sind, versagt es.

SZ: Warum finden wir es nicht nur akzeptabel, sondern oft auch attraktiv, unsere Netz-Repräsentation bei Facebook oder anderswo in so enge Schablonen pressen zu lassen? Ist es Bequemlichkeit oder die heimliche Sehnsucht, unsere komplizierten Identitäten hinter uns zu lassen?

Lanier: Es ist vor allem Gruppenzwang. Sobald sich das Kollektiv geformt hat, ist jeder, der sich ihm nicht anschließt, in Gefahr, von ihm erstickt zu werden. Stellen Sie sich vor, Sie sind ein Teenager in Afghanistan und halten nichts von islamistischem Märtyrertum. Es ist nicht einfach, das Ihren Freunden zu offenbaren. Viele, vor allem junge Menschen, haben außerdem das Gefühl, ihnen fehle es an sozialem Status, Geld oder Erfolg. Sie akzeptieren den Durchschnitt als Ideal, weil sie das Gefühl haben, sie stünden unterhalb des Durchschnitts.

SZ: Ziehen sich die Menschen nicht schon seit Jahrhunderten ähnlich an, hören dieselbe Musik, folgen ähnlichen Ideologien?

Lanier: Natürlich war es schon immer attraktiv, Teil der Masse zu sein, im Fußballstadion zum Beispiel. Doch im Internet wird die Welt viel einfacher dargestellt als sie tatsächlich ist, und die Prozesse laufen schneller ab. Wie rasant ist Google zu dieser globalen Macht aufgestiegen! Wie schnell haben Millionen angefangen zu twittern! Deshalb habe ich ernsthaft Sorge, dass es eines Tages zu einem gefährlichen Mob-artigen Ausbruch im Internet kommen wird. Ich glaube, der islamistische Terrorismus ist zumindest in Teilen ein solches Phänomen. Das Internet macht die Menschen nicht schlechter, aber es erlaubt eine Dynamik, die vorher undenkbar war.