Internet in Schwellenländern Eine Milliarde neue Facebook-Kunden

Mehr als die Hälfte der Befragten in Nigeria, Indonesien, Brasilien und Indien sagen: "Facebook ist das Internet."

(Foto: AFP)
  • In vielen Entwicklungs- und Schwellenländern gilt Facebook mittlerweile als Synonym für das Internet.
  • Mark Zuckerberg möchte Menschen in Südamerika, Afrika und Asien ans Internet anschließen.
  • Davon profitiert vor allem Facebook selbst: Schließlich ist jeder neue Internet-Nutzer ein potentieller Facebook-Kunde.
Von Michael Moorstedt

Facebook-Nutzer wissen nicht, dass sie im Internet sind. So oder so ähnlich geisterte vergangene Woche eine Meldung durchs Bunte und Vermischte. Teilnehmer einer Studie gaben an, dass sie in letzter Zeit zwar das soziale Netzwerk, jedoch nicht das Internet benutzt hätten. In Indonesien stimmten elf Prozent der Befragten dieser Aussage zu, in Nigeria waren es neun Prozent.

Hinter den Zahlen verbirgt sich keine einfache Verwechslung oder ein leicht hinweglächelbarer Lapsus, sondern ein handfestes Problem. Seit Jahren rätseln IT-Konzerne und Netz-Evangelisten, wie man "the next billion", also die nächste Milliarde Menschen, online bringen kann. Und neben der Frage, wie das technisch möglich sein soll - noch schwankt man zwischen Flotten von Drohnen, Heißluftballonen oder gleich einem Schwarm Minisatelliten - geht es vor allem um die Deutungshoheit auf den sogenannten Emerging Markets. Wie so oft heißt es: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst.

Zuckerberg: Vernetzung ist ein Menschenrecht

Von den derzeit knapp drei Milliarden Menschen mit Netzzugang haben bereits etwa die Hälfte auch einen Facebook-Konto. Das Unternehmen tut alles, um diesen Anteil weiter zu steigern, kooperiert etwa seit zwei Jahren mit Mobilfunkanbietern und Smartphone-Herstellern, um möglichst vielen Menschen einen möglichst günstigen Internetzugang zu bieten. Facebook hat dafür die prestigeträchtige URL internet.org registriert, man veranstaltet Konferenzen, auf denen der indische Premierminister Narendra Modi zum Meet-and-Greet mit Mark Zuckerberg eingeladen wird, der ihm dann darlegt, wie man die Inder für Facebook, äh, das Internet begeistern kann.

"Ist Vernetzung ein Menschenrecht", fragte sich der Facebook-Gründer zu Beginn der Kampagne staatstragend in einem öffentlichen Blogeintrag. Und antwortete sich kurz darauf selbst: "Ein jeder verdient es, vernetzt zu sein." Um dieses Ziel zu erreichen, hat man eine App namens Internet.org entwickelt. Die verspricht in sechs Ländern, darunter Kenia, Tansania, Kolumbien und seit einem Monat auch Indien, einen günstigen oder gar kostenlosen Zugang ins Netz.

Facebook - und sonst nichts

In der App findet man Zugang zu Wikipedia, lokale Nachrichten- und Wetterseiten, eine Plattform mit Gesetzestexten, eine Informationsseite für Schwangere oder einen Frage-Antwort-Katalog zu Ebola. Dinge, gegen die wohl niemand einen Einwand formulieren könnte. Sonst gibt es dort aber nur Facebook und dessen Chat-Funktion. Bei allen Links außerhalb des sozialen Netzwerks tritt das Gratisangebot außer Kraft.

Wie ernst kann es also mit der Aufklärungsmission gemeint sein, die sich Facebook auf die Fahnen geschrieben hat? In Nigeria, Indonesien, Brasilien und Indien stimmen bereits mehr als die Hälfte der Befragten der Behauptung "Facebook ist das Internet" zu. Ebenfalls mehr als die Hälfte klickt schon keine Links mehr an, die sie aus dem sozialen Netzwerk herausführen würden. In Zukunft werden "die Menschen in einen Handyladen gehen und sagen ,Ich will Facebook'", sagte Sheryl Sandberg, die Geschäftsführerin, auf dem Weltwirtschaftsforum im Januar. So schafft man sich langsam, aber sicher einen perfekt abgeriegeltes Online-Ökosystem, in dem Interaktion nach außen weder vorgesehen noch erwünscht ist. Unter diesen Umständen wird es wohl kaum jemals ein afrikanisches Google oder ein Facebook aus Indonesien geben. Wie viel Innovation wird überhaupt noch möglich sein, wenn sämtliche Ideen den Facebook-Geschäftsbedingungen entsprechen müssen?