Geoblocking Aus dem World Wide Web werden viele nationale Netze

Die Welt zerfällt in Nationalstaaten - und auch das Internet wird eingehegt und portioniert. Geoblocking ist digitale Antiglobalisierung.

Von Stefan Kornelius

Vor sechs Jahren wurde das Internet für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen. Eine hübsche Idee, aber offenbar ist man inzwischen ein wenig vorsichtiger geworden. Das Netz kann vieles, vielleicht auch Frieden stiften. Aber am Ende handelt es sich um ein Werkzeug der Menschheit, und die hat gerade andere Pläne.

Kriege in Nahost, Millionen Flüchtlinge, zerfallende Staaten, Ideologen und Extremisten, schlechte Frisuren im US-Wahlkampf - die Welt hat ein paar Probleme zu viel und offenbar ein paar Idealisten zu wenig. Überall auf der Welt haben sich die Menschen in einen Grabenkampf um den Schutz ihrer Schrebergärten begeben. Wenn man dafür ein Wort erfinden müsste, dann vielleicht: Geoblocking.

"Dieser Inhalt ist in Ihrem Land nicht verfügbar"

Geoblocking gibt es allerdings längst, es handelt sich um eine unspektakuläre Technik, mit der sich das World Wide Web ein bisschen weniger world wide nutzen lässt: "Dieser Inhalt ist in Ihrem Land nicht verfügbar." Die sensationelle Idee, dass alles von allen jederzeit verbreitet und gesehen werden kann, finden einige mächtige Spieler im Netz gar nicht so sensationell.

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Das ist einerseits verständlich: Wer mit seinem Produkt überall auf der Welt ein Geschäft machen kann, der will sich auch überall dafür bezahlen lassen. Wer also House of Cards bisher auf dessen Mutterplattform Netflix angeschaut und dafür ein wenig getrickst hat, der muss nun seine Münzen in die Parkuhr des deutschen Rechteinhabers Sky werfen: Netflix meint es neuerdings ernst mit dem Geoblocking.

House of Cards ist Teil der "Soft Power" der USA

Handel und Geschäft ist die eine große Triebkraft der Geopolitik. Die andere ist die Macht der Ideen. "Soft Power" nennen das die Außenpolitiker, wenn sie von der ideellen oder kulturellen Überzeugungskraft eines Staates oder einer Gruppe sprechen. Zur Soft Power der USA gehört die Serie House of Cards, die das Spiel um die Macht recht authentisch abbildet. Nun herrscht auch hier Gewissheit: In der amerikanischen Serienkultur schlagen Geschäftsinteressen Soft Power.

Für Gewissheit sorgen andere Spieler auf dem Markt der Informationen schon lange - dank Geoblocking. Autoritäre Staaten wie China versuchen erst gar nicht, jeden einzelnen Inhalt im Netz zu kontrollieren. Sie kontrollieren lieber gleich die Zutrittsschleuse.

Dabei ist die Führung in Peking nicht alleine. Auch europäische Nationen schützen ihre nationalen TV-Märkte und die Netze vor den Unterhaltungs- und Informationsstürmen der EU-Nachbarn, vor allem um komplizierte Auseinandersetzungen um Rechte zu vermeiden und die Märkte den nationalen Regeln zu unterwerfen. Der europäische Binnenmarkt ist fern, - weshalb die EU-Kommission an einem Papier arbeitet, das Geoblocking regeln oder vielleicht sogar ganz verbieten soll.

Das Netz wird eingehegt und portioniert

Wirklich kompliziert wird es, wenn die gigantischen Umwälzpumpen der globalen Informations- und Wissensströme wie Google Geoblocking als Werkzeug zur Durchsetzung eigener Interessen entdecken. Wer in Deutschland sein Recht auf Vergessen einklagt und einen bösartigen Weblink aus dem Gedächtnis der Suchmaschine streichen lässt, wird schon jenseits der Schlagbäume in Colmar die Grenzen seiner Anstrengung vorfinden. Vergessen wird nur national.

Das Netz ist am Ende ein Spiegel globaler Trends, ein Organismus, der atmet wie die Nationen der Erde. Und deswegen ist es nicht erstaunlich, dass der Rückzug von der Globalisierung und die Unterordnung unter die Macht des Nationalstaates auch im Netz ihre Übersetzung finden. Kurz nachdem die letzten Internet-Idealisten ihr Netflix-Abo bestellt haben, wird das Netz also weiter eingehegt und portioniert. Ob Frank Underwood aus House of Cards diesen perfiden Trick erdacht hat, bleibt unbeantwortet.

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